Interview
Teresa Ruiz Rosas

Teresa Ruiz Rosas
Goethe-Institut Peru / Lourdes Herrera

Teresa Ruiz Rosas ist eine anerkannte peruanische Schriftstellerin, Kurzgeschichtenschreiberin und Literaturübersetzerin. Sie lebt in Deutschland

Heute habe ich die Ehre, die international anerkannte peruanische Schriftstellerin  Teresa Ruiz Rosas vorzustellen. Sie ist Schriftstellerin, Kurzgeschichtenschreiberin, Literaturübersetzerin und war Universitätsdozentin. Teresa lebt in Köln und hat Philologie in Budapest, Barcelona und Freiburg im Breisgau studiert. Für ihre Erzählung "Detrás de la Calle Toledo" (“Hinter der Calle Toledo”) hat sie verschiedene Auszeichnungen erhalten, darunter den internationalen Juan Rulfo Preis in Paris, und war mit "El copista" (“Der Kopist”) Finalistin des Herralde de novela- Preises. “Nada de declarar” ("Nichts zu verzollen") ist der Titel ihres bedeutendsten Romans, der auf der Internationalen Biennale  Novela Copé eine lobende Erwähnung erhalten hat. Sie hat zudem Essays wie “Brecht y las mujeres” ("Brecht und die Frauen") geschrieben, und ihr jüngster Roman ist “Estación delirio” ("Station Delirium"). Zudem wurden einige ihrer Werke ins Deutsche, Irische, Englische und Italienische übersetzt. Herzlich Willkommen.
 
Teresa Ruiz Rosas: Es ist mir eine Ehre, mit dir und im Rahmen dieser Initiative des Goethe-Instituts zu sprechen.
 
Seit wann und warum lebst du in Deutschland?

 
Ich bin Ende 1989, eine Woche bevor die Mauer in Berlin gefallen ist, in Deutschland angekommen. Mein Plan war es nicht, den Mauerfall zu organisieren, aber der fiel genau mit mit meinem Stipendium beim DAAD, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, zusammen, das mir das Studium in Freiburg im Breisgau ermöglichte.
 
Erzähl uns von deiner Karriere als Schriftstellerin und Literaturübersetzerin in Deutschland.
 
Zu Beginn, im Jahr 1995, habe ich W.G. Sebald übersetzt, der als der beste europäische Schriftsteller der 90er Jahre galt. Mehr oder weniger parallel dazu begann ich bei der Deutschen Welle zu arbeiten. Dort habe ich die sogenannte linguistische Anpassung gemacht. Das war eine bestimmte Form der Übersetzung für die verschiedenen Dokumentationen, die Interviews und die Serien. Dies war für mich ein wichtiges Training für die literarische Übersetzungstätigkeit danach. Vorher studierte ich  Übersetzung in Barcelona, in der Universidad Autónoma de Bella Terra. Meine Berufung hat sich also mit den Jahren und der Erfahrung immer weiter gefestigt.
 
„Schriftstellerin“ und „Deutschland“ sind Schlagworte, die man mit dem Begriff „Disziplin“ verbindet. Wie ist das Leben einer Schriftstellerin in Deutschland?
 
Ich bin sehr glücklich darüber, mich nur dieser Tätigkeit widmen zu können. Als ich gerade in Deutschland ankam und mir die Bücherklappen der Schriftsteller*innen ansah,  stand da immer „lebt als freie Schriftsteller*in“ und ich fand das klasse, denn frei bedeutet selbstständig. Erst seit ein paar Jahren kann ich von mir sagen: „lebt als freie Schriftstellerin in Köln“.  Für mich ist das ein legitimes Ziel, wenn man sich ernsthaft dem Schreiben widmet. Die literarische Übersetzung ist etwas, was mich fasziniert, und was mein eigenes Schreiben sehr gut ergänzt, und natürlich ist das auch die Tätigkeit, von der ich leben kann, mehr als von der Literatur. Ein Buch zu schreiben, kann schließlich Jahre dauern. Vorher hatte ich einige Lehraufträge, aber keine feste Stelle, durch die ich später eine Rente beziehen könnte. Also werde ich weiter schreiben und übersetzen, solange mein Kopf das mitmacht. Es ist in diesem Beruf nicht vorgesehen, in den Ruhestand zu gehen. Mein Alltag besteht aus arbeiten, schreiben, übersetzen, lesen, und natürlich ab und zu mal einem Spaziergang, um nicht die ganze Zeit nur zu sitzen. Mit der Pandemie hat sich mein Alltag noch mal sehr verändert, denn vorher hatte ich immer Präsentationen, bin mit dem Publikum in den Dialog getreten, was sehr anregend für mein weiteres Schreiben war. All das gibt es jetzt nur noch virtuell. Das hat auch seine Vorzüge, aber es ist eben nicht das Selbe, wie von Angesicht zu Angesicht.
 
Welche Rolle spielt Deutschland als Inspirationsquelle für deinen letzten Roman “Estación delirio” (“Station Delirio”) oder den Roman “Nada que declarar” (“Nichts zu verzollen”)?
 
In beiden Romanen ist die Präsenz Deutschlands zentral, genauso wie in “La falaz posteridad” (“Ach, diese trügerische Nachwelt”), ein Roman, bei dem ich die Herausforderung annahm, auf Deutsch zu schreiben. Das war für mich eine einzigartige Erfahrung, weil ich so herausfand, dass ich der deutschen Sprache mittlerweile so mächtig bin, um etwas Literarisches produzieren zu können. Das war sehr herausfordernd, aber genau das gefiel mir daran.
Dadurch, dass ich in Arequipa auf eine deutsch-peruanische Schule, die Max Uhle Schule, ging, und danach in Budapest einige Jahre Ungarische Philologie und Germanistik studierte, und danach in Bellaterra meinen Abschluss zur Deutschübersetzerin machte, hatte ich mich über Jahre mit der Sprache beschäftigt. Die Herausforderung war es jetzt, zu sehen, wie weit ich damit kommen würde. Und Ich habe auch ein paar Kurzerzählungen und Essays auf Deutsch geschrieben, aber die wurden natürlich immer gegengelesen. Ich fühle mich immer noch wohler, auf meiner Muttersprache zu schreiben.
 
Hattest du in Deutschland Heimweh?
 
Als ich 19 Jahre alt war, ging ich zunächst nach Budapest. Das war in einer Zeit, in der es weder Internet noch Handys gab, und ich 10 Tage auf einen Brief meiner Familie warten musste. Ich spürte also ganz klar Heimweh und die Nostalgie der Heimat, aber gleichzeitig machte ich auch alles, um diese zu überwinden. Danach lebte ich in Barcelona, und da konnte ich dann wieder auf meiner Muttersprache kommunizieren, und mich so heimisch fühlen.  1989 ging ich dann nach Deutschland, nachdem ich ein paar Jahre in Peru verbrachte, wo ich das Deutsch-Peruanische Institut in Arequipa leitete, und wir viel Kontakt mit dem Goethe-Institut hatten, teilweise seine Gäste in Arequipa empfingen, und ich die Ehre hatte, sie vorzustellen. Das war zum Beispiel der Fall bei Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1986. In Deutschland angekommen, hatte ich also schon diese Brückenfunktion zwischen den beiden Kulturen, und dann spürt man die Nostalgie nicht mehr so stark, auch wenn man natürlich immer seine Lieben vermisst.
 
Was war die größte Herausforderung oder Schwierigkeit in Deutschland?
 
Ein Thema, was vielleicht banal klingt, ist das Wetter. Ich war in Peru an ein anderes Klima gewöhnt.  Hier wird es im Winter schon gegen 17 Uhr dunkel. Es fehlt das Licht, was manchmal etwas auf´s Gemüt schlägt. Und dann ist da noch die Temperatur. Die Menschen sind an die Heizung gewöhnt, etwas, was mir fremd ist und ich verstehe auch die Proteste zum Klimawandel nicht, wenn die Leute in ihren Zimmern so leben, als wären sie in der Karibik, anstatt sich ein bisschen wärmer anzuziehen, so wie wir es gewohnt sind. Natürlich gibt es Monate, in denen die Temperatur stark sinkt, und die Heizung unumgänglich ist. In Ungarn habe ich das auch erlebt. Es gibt vielleicht auch ein bisschen weniger Sinn für Humor, aber das hängt auch stark davon ab, mit welchen Personen du dich umgibst. Ich versuche, immer mit Leuten zu tun zu haben, mit denen ich gewisse Interessen teile. Ich glaube, die jüngeren Menschen haben es da zum Teil noch schwieriger, denn es gibt hier einen Prozess der Aufruhr, und in diesem Prozess gibt es eine gewisse Konfusion und manchmal passieren schreckliche Dinge mit den Mädchen in der Disco zum Beispiel. Sie geben ihnen K.O.-Tropfen, um sich an ihnen vergreifen zu können. Diese unglaublichen Dinge passieren und man kann keine Anzeige bei der Polizei erstatten, wenn man nicht weiß, wer dir das angetan hat.
 
Welchen Einfluss hat das Klima auf deine Arbeit als Schriftstellerin? Manche Schriftsteller*innen sagen, dass ihr Schreibfluss am größten ist, wenn sie traurig sind oder sich in schwierigeren Situationen befinden. Ist das bei dir auch so?
 
Bei mir ist das eigentlich nicht so. Ich schreibe, weil ich es liebe zu schreiben. Ich denke mir Geschichten auf der Basis von Themen aus, die mich interessieren. Sobald ich ungefähr weiß, in welche Richtung es gehen soll, fange ich an zu schreiben. Es ist egal, ob es regnet, oder welche Farben mich gerade umgeben. Tief im Inneren bin ich viel pragmatischer, als die Leute denken. Ich bin nicht traurig, wenn mir eine bestimmte Zutat im Essen fehlt, ich vermisse Menschen, aber alles andere macht mir nichts aus. Ich lasse nicht zu, dass mich so etwas blockiert. Das einzige, was mir fehlt, ist Zeit zum schreiben. Die muss ich mir kaufen, und das mache ich zum Beispiel durch meine Übersetzungstätigkeit.
 
Was du beschreibst, hat viel mit Disziplin zu tun.
 
Es hat nicht unbedingt mit Disziplin zu tun, sondern mit Leidenschaft. Das ist etwas ganz anderes. Ich bin nie aufgestanden und habe mich verpflichtet gefühlt, eine bestimmte Anzahl an Seiten zu schreiben. Ich schreibe aus Leidenschaft, aus Faszination und Inbrunst, und ich überarbeite immer von Beginn an, deshalb brauche ich auch so lange. Disziplin hat eher was mit Pflicht zu tun, zumindest verstehe ich sie so. Wenn ich übersetze dann bin ich auch glücklich. Der Unterschied ist, dass ich hier Abgabefristen habe, und ich deshalb schon eine gewisse Disziplin brauche.
 
In mehreren deiner Romane geht es um Themen wie Sinn für Humor, Freundschaft und Freiheit. Wie würdest du diese Aspekte in Deutschland beschreiben?
 
Ich habe meistens engere Bindungen mit Personen, mit denen ich Interessen oder den Beruf teile. Köln ist eine sehr gesellige Stadt. Die Leute haben ihre Stammkneipe und als ich hier ankam, hatte ich meine Phase der Boheme, die ich in Barcelona und in Ibiza gelebt hatte, schon hinter mich gebracht. Meine Kinder waren noch klein, deshalb interessierte mich diese Art zu leben nicht mehr. Köln ist eine sehr beliebte Stadt unter den jungen Leuten, weil es hier so viel Bewegung und so viel Feierei gibt.
Ich wiederum habe eher vereinzelnd Freundschaften. Wir Schriftsteller*innen wissen, dass wir nicht so viel Zeit haben. Wir haben keine festen Arbeitszeiten. Die hatte ich nicht mal, als ich noch beim Fernsehen gearbeitet habe. Da ging die nächste Sache los, als die eine vorbei war. Deshalb waren soziale Beziehungen nicht so vorhanden, wie bei denen, die wissen, dass Samstag und Sonntag frei ist und man Freitagabend feiern gehen kann. Ich bin lieber zu Buchpräsentationen gegangen. Dort haben sich für mich am ehesten Freundschaften entwickelt, und dort konnte ich zwischenmenschliche Beziehungen am meisten genießen. Trotzdem bin ich andererseits natürlich auch offen für andere Arten der Freundschaft und Beziehung.
 
Die Freiheit ist natürlich ein essentieller Aspekt, aber es ist auch ein sehr abgedroschenes und vielschichtiges Wort und schwer zu definieren. Wenn man es wieder auf unser zentrales Thema, das Schreiben, bezieht, gibt es da eine Sache, die schon relevant ist. Schriftsteller*innen oder Künstler*innen im Allgemeinen haben die Möglichkeit auf eine mehr oder weniger sozial abgesicherte Existenz. Ich bin in der Gewerkschaft der Autoren und seit den 90ern Mitglied der Künstlersozialkasse. Ich habe eine Krankenversicherung, die ich zur Hälfte selbst zahle und zur anderen Hälfte die Künstlersozialkasse. Es gibt auch eine Art Rente, die ist lächerlich, aber sie existiert. Ich will damit sagen, dass Schriftsteller*innen im sozial anerkannten System aufgenommen sind. Damit meine ich nicht Prestige, sondern die sozialen Vorteile. Und ich denke, das ist schon relevant und auch sehr unterschiedlich zum System in Peru. Ich weiß nicht, ob es das mittlerweile in Peru gibt, aber wenn man zum Beispiel Fotokopien deines Werkes macht, bekommst du dafür auch eine bestimmte Summe. Man kann nicht jede Kopie nachvollziehen, aber man hat Systeme, um das so ungefähr zu kalkulieren. Es gibt also unterschiedliche materielle Anerkennungen deines Werkes, die dir eine würdevollere Existenz ermöglichen, ohne dass du immer noch andere Arbeiten annehmen musst, um über die Runden zu kommen.
 
Konntest du dich mit deinen peruanischen Kolleg*innen über die Arbeitsbedingungen austauschen, und sehen, wie die soziale Situation der Schriftsteller*innen in Peru aussieht? Gab es da Fortschritte in den letzten Jahren?
 
Ich glaube, das ist ein großer Kampf. Das Thema wird noch einmal so richtig präsent, wenn Schriftsteller*innen ein gewisses Alter erreichen und sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand befinden. Das ist hier viel abgesicherter. Das Problem ist auch allgemein die Sicht auf das Schreiben. Viele Menschen glauben, dass Schreiben nur ein Hobby ist. Man denkt nicht darüber nach, dass es die zentrale Rolle im Leben der Schriftsteller*innen einnimmt. Ich als Schriftstellerin widme meine produktivsten Stunden, meine größte Verstandesschärfe, meine wertvollste Zeit und vernachlässige viele andere Dinge. Es ist nur fair, dass man davon auch leben kann. Hier wird die Existenz der Schriftsteller*innen anerkannt, ohne dass sie auch noch Universitätsprofessor*innen oder Journalist*innen sein müssen, um über die Runden zu kommen.
 
Und was kannst du uns generell über das Recht auf Gesundheit, Bildung und Sicherheit in Deutschland sagen?
 
Das Gesundheitssystem ist so organisiert, dass du einen überschaubaren Beitrag bezahlst und dir die Ärzte aussuchen kannst. Das ist der große Vorteil. Du bist nicht gezwungen, zu einem bestimmten Krankenhaus zu gehen. Aktuell wandelt sich das System leider etwas aufgrund des Einflusses der USA. Es gibt immer mehr Ärzte, die nur noch privat behandeln wollen, aber glücklicherweise ist das nicht die Mehrheit. Die Ärzte sind gut, und das ist etwas, was man wertschätzt.
 
In einem deiner Bücher spielst du auf das grausame Thema des Menschenhandels an, von dem beispielsweise in Peru insbesondere Frauen und sogar Mädchen betroffen sind. Deutschland stellt da keine Ausnahme dar, oder? Es gibt sogar Studien, die sagen, dass das in den letzten Jahren noch gestiegen ist. Wie würdest du die Situation der Frau über die Jahre hinweg und heute beschreiben?
 
Auch hier muss man sehr nuancieren, denn es gibt eine Palette sehr unterschiedlicher Situationen. Es gab eine wichtige Feminismus Bewegung in den 1970er Jahren und das implizierte eine Serie an Errungenschaften der Frau, um im öffentlichen Raum existieren zu dürfen und respektiert zu werden, aber es bleibt ein ungelöstes Problem. Die Frau bekommt oft weniger Gehalt für die gleiche Arbeit. Außerdem ist da noch diese neue Zusammenstellung der Kulturen, mit der wieder andere Konzepte einhergehen, was eine Frau machen sollte und was nicht. Deshalb sind die jungen Leute etwas verwirrt. Auf der anderen Seite gibt es auch häusliche Gewalt, über die nicht informiert wird. Vor ein paar Wochen hatte ich ein Interview mit einer deutschen Philologin, und sie brachte mich auf den neuesten Stand, was Zahlen angeht, und das war schon alarmierend zu sehen, dass es ansteigt und nicht zurückgeht. Und das Thema, mit dem ich mich im Roman “Nada que declarar” (“Nichts zu verzollen”) und “El libro de Diana” (“Das Buch von Diana”) beschäftige, ist die Prostitution, und das ist eine Sache, die wirklich unwürdig und inakzeptabel ist. Hier trat 2002 das Gesetz in Kraft, welches Prostitution legalisiert. Die Idee war, dass sich die Arbeitsbedingungen der Frauen verbessern, was ein bisschen paradox ist, denn dies als Arbeit zu bezeichnen, ist relativ. Am Ende war es ein Freibrief für den Menschenhandel, weil es zudem noch mit der Erweiterung der EU zusammenfiel, und nun Frauen aus anderen Ländern, deren wirtschaftliche Situation viel prekärer ist, besonders aus dem Osten, hier her gehandelt wurden. Und das Geschäft mit der Prostitution floriert, und man weiß nicht, wie viel Menschenhandel es wirklich gibt. Es ist wirklich eine sehr schreckliche Situation und die Politiker*innen wollen das Thema nicht angehen. Ich habe mit einigen gesprochen, und wenn es Männer sind, dann stellen sie sich dumm und wenn es Frauen sind, sagen sie dir, dass sie es bereits vorgeschlagen haben, es aber nie im Plenum besprochen wird. Ich finde, das ist wirklich ein Skandal. Manchmal gibt es Frauen, Kämpferinnen, die öffentliche Räume nutzen, um über das Thema zu sprechen, aber das ist zu wenig.  Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Fernsehprogrammen, diese Gesprächsrunden, wo sie immer ein paar bekannte Prostituierte einladen, die sagen, dass es traumhaft ist, in dem Bereich zu arbeiten. Es kann sein, dass es davon ein paar gibt, aber das sind Ausnahmen und es wird uns das Bild vermittelt, es sei die Regel. Es gibt jetzt, oder zumindest gab es das vor der Pandemie, das ist wahrscheinlich der einzig gute Effekt der Pandemie, eine Art Sextourismus. Da kamen Busse voller Männer an, die über die ganze Reise verschiedene Bordelle besuchten. Das war so ein geschnürtes Paket und das finde ich im 21. Jahrhundert wirklich untragbar.
 
 
Und es betrifft bestimmt noch mehr die ausländischen Frauen, die in Deutschland leben.
 
Natürlich. Ich habe dazu eine Geschichte erfunden und hierfür mit Personen gesprochen, die in Institutionen arbeiten, die den Frauen helfen und die bestätigten mir das. In Peru ist das ähnlich. Es ist ein Thema, dem nicht die Aufmerksamkeit gewidmet wird, die es eigentlich bräuchte. Zum Teil ist es viel schlimmer als Covid, weil es eine Sache ist, die immer weiter geht, und niemand versucht, sie zu lösen. Bei Covid gibt es wenigstens das Interesse, die Personen zu heilen.
 
In welchem Bereich hat man bezogen auf Gleichberechtigung Fortschritte gemacht?
 
Im Bereich Bildung gibt es absolute Chancengleichheit. Als ich Dozentin an der Universität war, gab es genauso viele Frauen wie Männer, oder sogar mehr Frauen, aber in bestimmten Berufen verdient die Frau weniger. Außerdem gibt es auch Berufe, die nur von Frauen besetzt sind. Das Thema ist also noch nicht vollständig gelöst.
 
Kannst du uns zum Abschluss in ein paar Worten beschreiben, wie es für dich ist, in Deutschland zu leben? Was bedeutet Deutschland für dich?
 
Deutschland hat mir ermöglicht, sehr viel zu lernen. In all den Seminaren an der Universität hatte ich die Möglichkeit, so viele Seiten der Lehre kennenzulernen. Die Buchkultur ist etwas, was mich hier immer sehr fasziniert hat. Aktuell hat sie leider etwas abgenommen, durch den Einfluss des Internets und der sozialen Netzwerke, aber sie existiert noch. Nicht umsonst findet die wichtigste Buchmesse in Frankfurt statt, für mich das Paradies auf Erden. Und es herrscht ein großer Respekt gegenüber dem Buch, der intellektuellen, literarischen, kreativen Seite. In diesem Sinne nimmt Deutschland für mich hier eine Schlüsselrolle ein. Außerdem werden viele Werke ins Deutsche übersetzt und das gibt dir die Möglichkeit, Werke zu lesen, die du vorher nicht lesen konntest. Im Allgemeinen gibt es hier so eine umfangreiche Produktion von Büchern, und das macht mich glücklich.
 
Uns macht es sehr glücklich, dass wir dich als peruanische Autorin haben, die nicht nur Deutschland erobert.
 
Erobern ist ein bisschen zu viel gesagt, denn zum Beispiel wollen sie den Roman über das Thema der Prostitution hier nicht publizieren. Mit meinem Roman “La mujer cambiada” (“Die verwandelte Frau”) habe ich kein Problem, weil sich alles in Peru abspielt. Wenn du Ausländer*in bist und grausame Dinge von deinem Land erzählst, ist alles gut, aber wenn du von grausamen Dingen hier berichtest, wird die Sache kompliziert. Übrigens wurde meine erste Erzählung vom Goethe-Institut Lima herausgebracht. Im Rahmen eines Projektes wurde eine Reihe von Erzählungen ausgewählt, die von Frauen geschrieben wurden, darunter auch meine. Das war das erste Mal, dass ich ein Honorar für etwas bekam, das ich geschrieben hatte. Es wurde eine Sammlung herausgebracht, die “Cuentan las mujeres” (“Es erzählen die Frauen”) heißt.
 
Davon gibt es noch ein Exemplar im Goethe-Institut. Das Goethe-Institut ermöglicht einen kostenlosen Zugriff auf Kultur. Das ist etwas, was unserem Land fehlt.
 
Das stimmt. Im Jahr 2014 hatte ich das Glück, dass das Goethe-Institut eine Präsentation meiner Poesie-Übersetzung organisierte. Die Übersetzung hatte ich zum Teil zusammen mit meinem Vater, der schon gestorben ist, gemacht. Poesie zu übersetzen, ist etwas sehr Erhabenes, und wenn es schöne Poesie ist, ist es ein großes Vergnügen. Nächstes Jahr werde ich eine Poesie-Sammlung der aktuellen deutschen Poesie auf Spanisch übersetzen, einige Autoren sind auch aus Österreich und der Schweiz. Seit 30 Jahren wurde keine deutsche Poesie Sammlung mehr auf Spanisch veröffentlicht.
 
Vielen Dank Teresa. Es freut uns sehr, dich als Schriftstellerin zu haben, und dass du den Mut hast, über die angesprochenen Themen in Deutschland zu schreiben.
 
Vielen Dank. Mein neuer Roman “La estación delirio” (“Station Delirium”) spielt auch zum Großteil in Deutschland. Er wird aber aufgrund von der Pandemie gerade nur in Peru vertrieben. Erfreulich ist demgegenüber, dass die Studierenden an der Universität Heidelberg kommendes Semester  im Seminar  zur hispanoamerikanischen Literatur meine Werke “Nada que declarar” (“Nichts zu verzollen”) und “El libro de Diana” (“Buch von Diana”) durchnehmen werden. Außerdem wird im Dezember in Arequipa eine Gesprächsrunde organisiert.