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Reden wir über das Jahr 1968

Eine Demonstration gegen die Militärdiktatur in Griechenland. Kurfürstendamm, Berlin, 03.02.1968
Eine Demonstration gegen die Militärdiktatur in Griechenland. Kurfürstendamm, Berlin, 03.02.1968 | © dpa

Die Medien lieben diese Bilder: Die vierzehnjährige Angela Merkel, die in einer ostdeutschen Schule ihre russischen Vokabeln lernt, oder den dreizehnjährigen Martin Schulz, der im nordrhein-westfälischen Würselen die Schulbank drückt. Doch es geht in diesen Momentaufnahmen aus der Vergangenheit gar nicht so sehr um die angesprochenen Politiker. Die Bilder sollen uns lediglich in das Jahr 1968 zurückversetzen – den wohl wichtigsten Moment in der westlichen Welt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Von Marcin Wilk

Die Frage, was jene prominenten Politiker zu jener Zeit wohl gerade taten, beflügelt zweifellos die Vorstellungskraft. Ebenso wie die in den zahlreichen Publikationen zum 50-jährigen Jubiläum der 1968er-Bewegung abgedruckten Bilder: Fotografien von den Studentenprotesten an der Freien Universität Berlin, Nahaufnahmen der Gesichter von Demonstrierenden in Bonn und nicht zuletzt die Bilder vom Anschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Hier und da finden sich auch Bilder von Protesten in anderen Ländern, insbesondere in Frankreich. Die Studentenrevolte in Deutschland war schließlich kein isoliertes Phänomen, sondern Teil einer Bewegung, die damals die ganze westliche Welt erfasste.
 
Und doch hatte die 68er-Bewegung in Deutschland eine eigene Spezifik. In diesem Jahr machte eine neue Generation auf sich aufmerksam, die über die dunkle Vergangenheit Deutschlands und das Erbe des Nationalsozialismus diskutieren wollte. Eben dies führte zu Konflikten.
 
Der Vorwurf der Heuchelei ging jedoch noch weiter – und hier deckten sich die Interessen der jungen Deutschen mit denen von jungen Menschen in vielen andern westlichen Ländern. Die 68er-Bewegung revoltierte gegen eine traditionelle, verknöcherte, an veralteten Institutionen festhaltende Gesellschaft. Die jungen Menschen wollten ihre Fesseln abwerfen und sich gegenüber ihrer Umwelt, anderen Kulturen und anderen Menschen öffnen. Sie strebten nach einem natürlicheren und gewaltfreien Leben. Nach Frieden, Liebe und gegenseitigem Verständnis.

VERÄNDERUNG 

Auch wenn das Jahr 1968 eine ganze Generation prägte, hat doch jeder der Beteiligten seine eigene Wahrnehmung der Ereignisse.
 
Die Lyrikerin und Schriftstellerin Ulla Hahn beschreibt ihr eigenes Verhältnis zu der 68er-Bewegung mit dem Begriff der „teilnehmenden Beobachtung“: Sie selbst sei nicht besonders engagiert gewesen. Und doch hat ihre autobiografisch geprägte Romanreihe einen wichtigen Platz in der Diskussion über jene Zeit.
 
In Das verborgene Wort (2001), Aufbruch (2009), Spiel der Zeit (2014) und Wir werden erwartet (2014) führt Hahn ihre Protagonistin Hilla Palm durch die wechselvolle Geschichte Deutschlands ab Ende 1940er- bis in die 1970er-Jahre. Hilla wächst in einer rheinischen Arbeiterfamilie auf. Ihre Kindheit ist alles andere als leicht. Erst als sie zum Studium nach Köln zieht und sich der Studentenbewegung anschließt, nimmt ihr Leben allmählich eine andere Wendung.
 
Die wichtigste Frage, die sich dem Leser dieser Bücher stellt, lautet: Ist Hilla Palm ein Alter Ego der Autorin? Ulla Hahn gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage und erklärt lediglich, sie habe zweifellos aus ihren eigenen Erfahrungen geschöpft: „Was Rudi Dutschke in Köln anhatte, weiß ich heute noch“, sagt sie in Interviews.
 
Sie bestätigt auch, dass sie persönlich Frauen kennt, die Opfer von Vergewaltigung wurden, und erklärt: „Die größten Gewinner der vergangenen Jahrzehnte sind die Frauen“. In diesem Sinne ist ihre Romanreihe also auch ein politisches Statement.
 
Der gesamte Zyklus, deren einzelne Bände man übrigens auch für sich lesen kann, ist gespickt mit zeitgenössischen Details. Um die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen, durchforstete Ulla Hahn zahlreiche Archive, insbesondere das Online-Archiv des Spiegel.
 
Die Kritiker würdigten Hahns Tetralogie als ein wichtiges Stück Erinnerungsliteratur, das besonders durch seine Ironie besticht. 

ABRECHNUNG 

Eine besondere Mischung von Fiktion und Tatsachen präsentiert auch Friedrich Christian Delius in seinem Roman Mein Jahr als Mörder (2004).
 
Im Dezember 1968 hört ein West-Berliner Student im Radio vom Freispruch des Richters Hans-Joachim Rehse, der in der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem den jüdischen Arzt Georg Groscurth zum Tode verurteilte.
 
Groscurth war einer der anerkanntesten Mediziner im Dritten Reich gewesen – als Leibarzt von Rudolf Heß stand er unter dessen persönlichen Schutz. Doch gleichzeitig betätigte sich Groscurth im Widerstand, wofür er 1944 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.
 
Der Berliner Student hat persönliche Gründe, sich an Rehse zu rächen: Sein bester Freund ist der Sohn des Arztes.
 
Mein Jahr als Mörder ist eine virtuos erzählte Geschichte des 20. Jahrhunderts und der wichtigsten Konflikte jener Zeit. Es ist ein dichter Roman voller verblüffender Details, der uns vor Augen führt, was das Jahr 1968 wirklich bedeutete. 

VERSTÄNDNIS 

Ein weiterer Kontext des Jahres 1968 spiegelt sich in dem Briefwechsel zwischen Paul Celan und Gisela Dischner. Oder, genauer gesagt, aus den vielen Briefen, die sie an ihn, und den wenigen Briefen, die er an sie schrieb.
 
Gisela Dischner lernte Celan 1964 in Paris kennen. Er war 43, sie 24. Sie war 1939 geboren und konnte die Zeit des Nationalsozialismus also gar nicht unmittelbar und bewusst erlebt haben. Doch sie studierte bei Adorno und Habermas, von denen sie unter anderem lernte, kritisch zu denken.
 
In diesem eigentümlichen und asymmetrischen (das Buch enthält 89 Briefe Dischners und 32 Briefe Celans), mehrere Jahre umfassenden Briefwechsel kommen viele Themen zur Sprache – nicht nur politische und gesellschaftliche, sondern auch ganz private.
 
Der Briefwechsel erschien – ausgezeichnet editiert von Barbara Wiedemann – zusammen mit Dischners Erinnerungen an Paul Celan unter dem Titel Wie aus weiter Ferne zu Dir (2012). Man kann dieses Buch auch als Modell eines Dialogs zwischen unterschiedlichen Generationen und Kulturen lesen – ein Dialog, der auch heute, fünfzig Jahre nach 1968, wieder dringend notwendig ist.
 

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