Berlinale-Blogger 2017 Allein in der Menge

Joseph Beuys
Joseph Beuys | Ute Klophaus © zeroonefilm/ bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland

Der Hauptwettbewerb der Berlinale hat in diesem Jahr einen breit gefächerten Charakter – er ist offen für Fabeln, Animation (Hao ji le/Have a Nice Day) sowie Dokumentarfilme (Beuys). Der Film von Andres Veiel über den legendären Künstler Joseph Beuys ist einer der schönsten Filme in dieser Kategorie.

Eine dürre Gestalt, eingefallene Wangen, Zigarette und Hut. Der Hut war obligatorisch. Sein Markenzeichen, sein Aushängeschild. Der Künstler nahm ihn praktisch gar nicht ab, deshalb wurde ihm oft vorgeworfen, ein Snob zu sein. Das stimmte nicht. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Beuys als Jagdflieger über der Krim abgeschossen. Er überlebte, aber seine Kopfwunde heilte nie richtig ab – der Hut erfüllte also eine Schutzfunktion, eine Art Helm. Und ganz nebenbei wurde er zu einem beeindruckenden Accessoire. Und das war bei Beuys immer der Fall. Was direkt aus seinem Herzen und seinem Kopf kam, wurde ständig als Eigenart, Marotte und Dummheit interpretiert. Aber Beuys hatte einen messerscharfen Verstand, die Präzision eines Schweizer Uhrwerks, und er war – vor allem – ein Visionär.

Heute scheinen seine künstlerischen Konzeptionen, insbesondere sein soziales Engagement, noch zeitgemäßer zu sein als vor einigen Jahrzehnten. Andres Veiel stand vor einer großen Herausforderung, als er begann, einen Dokumentarfilm über Joseph Beuys zu drehen. Der Held seines Films ist seit vielen Jahren tot, dafür hat er Hunderte von Stunden an Archivmaterial, Interviews und Fotos hinterlassen. Einerseits zu wenig, andererseits zu viel. Veiel hat dieses Problem nicht nur auf eine zufriedenstellende, sondern auch rührende Art gelöst. Der Joseph Beuys in seinem Film ist eine charismatische, faszinierende Persönlichkeit. Jemand, mit dem man einen Kaffee trinken und den halben Tag lang schwatzen möchte. Ein Mensch, der schmerzhaft ehrlich und authentisch war, der nichts vortäuschte und... ständig missverstanden wurde. Immer von Menschenscharen umgeben und doch immer allein. Ab und zu gelingt es der Kamera, seinen Blick einzufangen, voller Traurigkeit und unendlicher Einsamkeit. Die Einstellung von Beuys, der Kompromisslosigkeit mit tiefgründiger Menschlichkeit und den Respekt vor Menschen mit radikaler Respektlosigkeit gegenüber Bürokratie und verknöcherten Strukturen jeglicher Art vereinte, hat etwas sehr Rührendes. Nur ein einziges Mal ließ sich Beuys ohne Hut fotografieren – kurz vor seinem Tod, als er bereits schwer krank war. Dieses ergreifende Bild des wehrlosen, „nackten“ Menschen ist das schönste Zeugnis von Menschlichkeit, das bisher auf der Berlinale gezeigt wurde.