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Berlinale 2020
Agnieszka Hollands Refrains: Natur, Totalitarismus und Ambiguität

Filmstill aus „Charlatan“
Filmstill aus „Charlatan“ | Foto (Ausschnitt) © Marlene Film Production

„Die Welt ist kompliziert. Sie zu vereinfachen, bedeutet, zu lügen“, sagte Agnieszka Holland nach der Weltpremiere ihres Films „Charlatan“ im Rahmen der Filmfestspiele in Berlin. Es ist ein Film über einen komplizierten Menschen, der vergessen hat, dass in einem totalitären Staat niemand außerhalb des Systems leben kann.

Von Michał A. Zieliński

Der Heiler Jan Mikolášek lebt in den Fünfzigerjahren in der Tschechoslowakei. Er untersucht die Urinproben seiner Patienten und verschreibt ihnen Heilpflanzen. Weil er überraschend erfolgreich ist, bilden sich vor seinem Haus täglich lange Schlangen von Hilfesuchenden. Das Heilen ist seine Leidenschaft und seine Obsession. Er hilft bereitwillig Nationalsozialisten und später Stalinisten, solange er nur das tun kann, was für ihn am wichtigsten ist. Er sieht sich selbst nicht als einen Wunderheiler, sondern als einen Experten für Heilpflanzen. Er praktiziert keine „magischen“ Rituale und schickt Patienten, denen er nicht helfen kann, zu einem Facharzt. Doch in einem totalitären Staat obliegt die Seelenherrschaft allein der Partei. Als Mikolášek einen seiner wichtigsten Fürsprecher verliert, beschließen die Machthaber, ihn zu beseitigen.

Doch ganz so eindeutig ist diese Geschichte nicht. Mit jeder weiteren Szene wird die Figur des Jan Mikolášek immer vieldeutiger, sein Intimleben und seine Kindheitstraumata verstören den Zuschauer. Ist der Wunderheiler vielleicht sogar ein Antiheld? Nach ihrem mit dem Goldenen Löwen des Polnischen Filmfestivals in Gdynia ausgezeichneten Film Mr. Jones über den britischen Journalisten Gareth Jones, der 1933 in die Sowjetunion reist und die Welt über die Hungersnot in der Ukraine informiert, präsentiert Agnieszka Holland ein weiteres historisches Filmdrama (die Musik zu beiden Filmen komponierte Antoni Łazarkiewicz). Agnieszka Holland ist überzeugt davon, dass bestimmte Dinge erst aus einer zeitlichen Distanz erkennbar werden, die Gegenwart ist zu flüchtig, als dass, sie sich fassen ließe: „Die Geschichte endet nie, denn sie beeinflusst die Gegenwart.“

 

„Charlatan“, Filmtrailer

Es gibt in Charlatan drei Refrains, die auch in anderen Filmen Agnieszka Hollands auftauchen. Der erste Refrain ist die Ambiguität: Die Figur des Jan Mikolášek ist ebenso vieldeutig wie die des Leopold Socha (der Held des Films In Darkness), der während des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge in der Kanalisation von Lemberg versteckte. „Die Welt ist kompliziert. Sie zu vereinfachen, bedeutet, zu lügen“, erklärt die Regisseurin. Das zweite wiederkehrende Motiv ist das Verhältnis zwischen Natur und Mensch, das auch bereits in Julia Walking Home und Die Spur eine besondere Rolle spielte. In einer Szene sagt Mikolášek, er bekämpfe Krankheiten mit den Mitteln der Natur, er sehe sich selbst als einen Mittler zwischen der Natur und den Menschen. In einer anderen Szene legt er sich mitten auf dem gespenstischen Gefängnishof auf den Boden, um eine dort wachsende Gänsedistel zu bewundern. Der dritte Refrain lautet: Der Mensch im Totalitarismus – er erklang zuletzt in Mr. Jones.

Charlatan ist ein handwerklich gut gemachter Film, allein schon die Bildkompositionen zeugen von der großen Erfahrung der Regisseurin. Und doch rief Agnieszka Hollands Film auf der Berlinale keine Begeisterungsstürme hervor. Lag es möglicherweise am Versuch Hollands, die politischen und sozialen Verhältnisse jener Zeit darzustellen, dass die Emotionen der Hauptfiguren ein wenig in den Hintergrund treten? Das Spiel der Schauspieler ist makellos, doch der gesamte Film ist nicht so bewegend, wie man es hätte erwarten können.

Die Hauptrolle spielt der tschechische Schauspieler Ivan Trojan, den jungen Jan Mikolášek spielt sein Sohn Josef Trojan. Auf der Pressekonferenz beteuerte Ivan Trojan mehrfach, dass sein Sohn ohne sein Wissen am Casting teilgenommen habe. Sowohl Ivan Trojan als auch Agnieszka Holland haben keine Angst, sich politisch zu äußern. Trojan trug zur Pressekonferenz ein T-Shirt mit der Signatur von Václav Havel. Und der slowakische Schauspieler Juraj Loj, dessen körperliche Anziehungskraft im Film nicht ohne Bedeutung ist, sprach über die anstehende Nationalratswahl in der Slowakei. „Manche Menschen interessieren sich nicht für Politik, aber irgendwann beginnt die Politik, sich für sie zu interessieren“, kommentierte Agnieszka Holland.

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