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Berlinale 2020
Der Riese hat gesprochen

Andrzej Chyra, Małgorzata Kożuchowska, Mariusz Wilczyński, Anja Rubik
Andrzej Chyra, Małgorzata Kożuchowska, Mariusz Wilczyński, Anja Rubik | © Berlinale

„Ich hatte in kürzester Zeit meine nächsten Angehörigen und meinen besten Freund verloren. Ihr Tod hinterließ ein Gefühl der Leere in mir. Ich wollte das mit diesem Film reparieren“, sagt Mariusz Wilczyński über sein neuestes Werk. Der Film „Zabij to i wyjedź z tego miasta“ („Kill It and Leave This Town“), an dem der polnische Animations- und Performance-Künstler vierzehn Jahre lang arbeitete, feierte auf den Filmfestspielen Berlin seine Weltpremiere.

Von Michał A. Zieliński

Vierzehn Jahre sind selbst für einen abendfüllenden Animationsfilm eine lange Zeit. Zabij to i wyjedź z tego miasta war zunächst als Kurzfilm geplant, doch im Laufe der Arbeit fügte Wilczyński ihm immer weitere Motive und Figuren hinzu. Einige der bekanntesten polnischen Schauspieler wie Krystyna Janda, Daniel Olbrychski und Irena Kwiatkowska liehen den Figuren ihre Stimme, auch Tonaufnahmen von Andrzej Wajda und Gustaw Holoubek sind in Film zu hören. Für die englischen Untertitel zeichnet Antonia Llloyd Jones verantwortlich, die auch bereits drei Werke der polnischen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk übersetzte. Die Produzentin des Films (gemeinsam mit Agnieszka Ścibior) ist Ewa Puszczyńska, die unter anderem auch die Filme Ida und Cold War – Der Breitengrad der Liebe produzierte.

Zabij to i wyjedź z tego miasta, der in der neuen kompetitiven Encounters-Sektion der Berlinale läuft, ist Mariusz Wilczyńskis elfter Film. Es ist eine traumähnliche, überwiegend in Schwarz-Weiß gehaltene, autobiografische Reise in die eigene Kindheit. Wilczyński gedenkt seiner Eltern, seiner Freunde und seiner Heimatstadt Łódź in den 60er- und 70er-Jahren. Der Film ist keineswegs eine Abrechnung mit dem Sozialismus, sondern er zeichnet ein gefühlvolles und offenherziges Bild jener Zeit. Im Vorlauf der Premiere erklärte Wilczyński, er habe mit diesem Film die Menschen, die ihm nahestanden, wieder zum Leben erwecken wollen. Um ihnen ein letztes Mal zu begegnen. Um all die Versäumnisse und Unachtsamkeiten der Vergangenheit wiedergutzumachen. Darüber hinaus sei der Film eine Hommage an die postindustrielle Stadt und ein Porträt der Stadt Łódź zur Zeit des Sozialismus.
 


Der Film ist mit Songs der polnischen Blues-Rock-Band Breakout und ihres 2007 verstorbenen Bandleaders Tadeusz Nalepa – mit dem Mariusz Wilczyński eng befreundet war – unterlegt. Ich habe nach der Premiere niemanden getroffen, dem Zabij to i wyjedź z tego miasta nicht gefallen hätte – auch wenn der größte Applaus von den zahlreich erschienen polnischen Zuschauern stammte. Der Film wurde überwiegend gelobt, mit der kleinen Einschränkung, dass er möglicherweise ein wenig zu persönlich geraten sei. Zabij to i wyjedź z tego miasta erzählt von einem ganz konkreten Menschen und nicht von jedem von uns.

Mariusz Wilczyński studierte Malerei und Holzschnitt an der Akademie der Bildenden Künste in Łódź, das Filmhandwerk brachte er sich selbst bei – so gut, dass er inzwischen Professor für Animation an der Filmhochschule Łódź ist. Wilczyński ist auch für seine Performances bekannt, bei denen er live auf der Bühne zeichnet und dabei von Musikern begleitet wird. Seine Videoclips wurden mehrfach ausgezeichnet. Er ist der einzige polnische Animationskünstler, der mit einer Retrospektive seiner Werke im Museum of Modern Art in New York geehrt wurde.

An dem Film arbeiteten neben Mariusz Wilczyński noch zwölf weitere Animatoren, darunter auch Marta Pajek, die inzwischen auch über die Grenzen Polens hinaus bekannt ist (ihr Animationsfilm III war im vergangenen Jahr auf über 30 Festivals zu sehen). Vieles deutet darauf hin, dass Zabij to i wyjedź z tego miasta die Erfolgssträhne des polnischen Animationsfilms aus dem vergangenen Jahr fortführen wird. Polnische Kurzfilme wurden 2019 über 610-mal auf fast 260 internationalen Festivals präsentiert und erhielten fast 50 Auszeichnungen und Preise.

„Jetzt warten wir alle gespannt auf den groß angelegten Animationsfilm (mit circa 10 Prozent Realfilmanteilen) Diplodocus von Wojtek Wawszczyk, eine Familienkomödie, die auf der in Polen Kultstatus genießenden Comicreihe Podróż smokiem Diplodokiem von Tadeusz Baranowski beruht“, erkärte Tessa Moult-Milewska, die Mitbegründerin des Warsaw Animation Film Festivals.
 

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