Katalin Teller empfiehlt Solidarität

Solidarität © Carl Hanser Verlag, München, 2019 „Kein Muss, sondern eine Möglichkeit“: Das neue Buch des namhaften Soziologen Heinz Bude, der sich schon mehrfach mit Generationenkonflikten, mit den tiefgreifenden Auswirkungen von Kriegserfahrungen sowie mit der Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland auseinandergesetzt hat, will nichts weniger als den Begriff der Solidarität wieder zu seinem Recht kommen lassen. Und dies in einem Zeitalter, das, wie dies der Autor auch unermüdlich vor Augen führt, als ausgesprochen solidaritätsfeindlich einzustufen wäre.

Solidaritätsfeindlich insofern, als dass unsere Beschäftigungsverhältnisse, die Flexibilisierung unserer Lebensführung und nicht zuletzt die Reduzierung von staatlichen Versorgungsmaßnahmen zur Entstehung einer neuen und lautstarken Schicht der „Selbtsbesorgten“ geführt hätten. Einer Schicht, die zugleich für einen spezifischen Blick auf die Erwartungen dem Individuum und den staatlichen Institutionen gegenüber sorgt: Wer sein oder ihr Glück nicht zu schmieden vermag, sei selber schuld und in diesem Sinne bestehe die Aufgabe der staatlichen Sozialeinrichtungen lediglich darin, die an den Rand gedrängten „Unfähigen“ barmherzig und mehr schlecht als recht aufzufangen. Zu dieser individuellen Sicht komme hinzu, dass diese Konstellation selbst vom Sozialsystem gestärkt werde, sei es aus zunehmender Unterfinanzierung, sei es aus der schwierigen Definierbarkeit von Kollektivgütern.

Heinz Bude, der zugegebenermaßen aus einer eurozentrischen Perspektive argumentiert, fragt indessen auch nach den politik- und sozialgeschichtlichen Ursachen dieser Entwicklung und macht dafür die Unzulänglichkeiten der großen gesellschaftspolitischen Projekte wie der Französischen Revolution, des Marx-Engels’schen Kommunismus, aber auch der Wiedervereinigung der beiden Hälfte Deutschlands verantwortlich. Diese hätten nämlich, ähnlich den heutigen rechten Populismen, eine „exklusive Solidarität“ auf ihre Fahnen geschrieben, die jeweils nur eine, wenn auch verhältnismäßig große Gruppe von Menschen als solidarische Gemeinschaft voraussetzten. Damit hätten sie gerade die integrative Rolle einer Solidarität verfehlt, die aufhört, in individuellen Fähigkeiten, in politischen Lagern oder in Wirtschaftlichkeitskriterien zu denken und stattdessen auf eine zwar konfliktbeladene und mit Einbußen von Eigeninteressen einhergehende, aber nachhaltige und vor allem weitsichtige Kooperation von „Menschen als Beziehungswesen“ setze.

Auf der Suche nach einem tragfähigeren Konzept gesellschaftlichen Zusammenlebens nimmt der Autor auch die christliche Liebesethik sowie neuere Ansätze der feministischen und ökologischen Kritik bspw. einer Donna Haraway, eines Emanuele Coccia oder eines Bruno Latour unter die Lupe, zeigt sie aber – mit einer streitbaren Argumentation – als entweder zu eng oder zu breit gefasste, gewissermaßen wirklichkeitsfremde Visionen. Stattdessen empfiehlt Heinz Bude das Beispiel Südafrikas in den Blick zu nehmen, das sich den Herausforderungen seiner konfliktreichen Vergangenheit, der neuen globalen Marktverhältnisse und der Vielfalt seiner Bevölkerung erfolgreich gestellt habe. Dieser Erfolg sei auf eine Konsensfähigkeit der streitenden Parteien zurückzuführen, die auf der Einsicht basiert hätte, man bedürfe eines dritten Weges, auf dem Verpflichtungen innerhalb der Gemeinschaft ebenso Platz hätten, wie Freiheiten, die auch einen selbstbestimmten Rückzug aus dem Kollektiv ermöglichten. In diesem Sinne wäre Heinz Budes Solidarität ein dritter Weg eines neuen Gleichgewichts, in dem der Zwang des Zusammenlebens zwanglos, aber im Bewusstsein der kollektiven und individuellen Verantwortung gelebt wird: eben als eine Möglichkeit, aber kein Muss.
Carl Hanser Verlag

Heinz Bude
Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee
Carl Hanser Verlag, München, 2019
ISBN 978-3-446-26184-6
176 Seiten

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Rezensionen in den deutschen Medien:
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