Reinhard Kaiser-Mühlecker: „Fremde Seele, dunkler Wald“

Ausschnitt aus dem Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker: „Fremde Seele, dunkler Wald“, Übersetzung: Urszula Poprawska

Copyright © S. Fischer, Frankfurt 2016
​Abdruck des Ausschnittes dank freundlicher Unterstützung des Verlages S. Fischer

Copyright © polnische Übersetzung Urszula Poprawska

Zwischen den Geschwistern fiel, vom Notwendigen abgesehen, kaum ein Wort. Auch mit dem Vater sprach Luisa eigentlich nichts, sah ihn nicht einmal an, als wäre er nicht da, und wenn er sie beim Essen so daherreden hörte, fragte Jakob sich mitunter, ob sie vielleicht nicht bloß den einen, vor dem sie davongelaufen war, sondern gleich alle Männer hasste. Er dachte allerdings nur oberflächlich darüber nach; hätte er es ausführlicher getan, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass es auch an ihnen lag. Der Vater war nämlich gar nicht mehr ansprechbar; sagte man etwas zu ihm, hörte er es zwar, fragte aber nur: »Was?« - und schüttelte den Kopf. So tief wie nie zuvor schienen ihn die Geldnöte zu plagen - und zugleich schien er begriffen zu haben, dass sie nicht zu lösen waren. Nur noch momenthaft mochte er hoffen; selten, dann aber heftiger denn je, kam es doch noch zu einem Streit zwischen ihm und der Großmutter, ansonsten war von ihm nichts zu vernehmen. Immer noch rannte er von einem Zimmer ins andere und bewegten sich seine Lippen unablässig, aber an seiner ganzen Erscheinung war etwas Durchlässiges, Gespensthaftes. Und er, Jakob, selbst? Er hielt sich beinah nur noch draußen auf, ob er etwas zu tun hatte oder nicht. Und es gab fast nichts mehr zu tun: Bis auf eine Kuh, die Tag und Nacht brüllte, waren alle Tiere verkauft. Dennoch zog er es vor, draußen zu sein; unerträglich war ihm der Aufenthalt im Haus geworden. Nur im Freien, alleine, fühlte er sich einigermaßen unbeschwert; aber auch dort nur, wenn niemand ihn sah; kam gegen Mittag das Postauto, verbarg er sich. Kaum war er im Haus, fühlte er sich wie in Ketten. Seit die Großmutter wieder nach unten kam und ihn oft minutenlang mit ihrem Blick durchbohrte, bevor sie, als wolle sie ihn verhöhnen, bloß irgendwelche Banalitäten zu ihm sagte, war es noch schlimmer geworden. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er schlief nicht mehr; unzählige Male schreckte er während der Nacht mit dahinjagendem Atem hoch und glaubte, ersticken zu müssen. Er fühlte sich umstellt, meinte zu wissen, dass man ihn gleich abholen würde. Dass sie vor der Tür waren, vor dem Fenster, überall ums Haus, sogar unter der Brücke sah er welche stehen und nur auf den Moment warten. Und dann kam dieser Moment. Sie holten ihn ab. Er wehrte sich nicht. Er stellte sich. Er ging ihnen sogar entgegen und streckte die Hände aus. Wortlos legte man ihm silbern blitzende Hand- und Fußschellen an und führte ihn ab. Ohne etwas zu fragen, ging er mit. Er sah alles ganz genau. Er sah, wie er auf den Dorfplatz geführt wurde, wo eine Menge zusammengekommen war und sich drängte; in der ersten Reihe stand seine Familie; aller Augen waren auf ihn gerichtet; niemand sagte ein Wort. Aber plötzlich fingen sie an, zu skandieren. »Schuldig!«, dröhnte der Stimmenchor. »Schuldig, schuldig, schuldig!«
Diese immergleiche Schreckensvision peinigte ihn. Keine Nacht verging mehr, ohne dass er irgendwann nach draußen stürzte, um sich unter dem sich von einem winterlichen zu einem sommerlichen wandeln - den Himmel auf und ab gehend und die erdige, lebenssatte Luft des erwachenden Jahres in sich aufnehmend allmählich wieder zu beruhigen. Er hatte Angst, immer größer werdende Angst. Er ging nicht mehr unter Menschen. Entfernte sich nicht mehr als ein paar Hundert Meter vom Hof. Wusste, obwohl er unentwegt darüber nachdachte, nicht mehr, was er tun sollte. Der Kreis, den er um sich spürte wie einen aus Feuer, wurde enger und enger. In einer dieser Nächte kam ihm der Einfall, zu Elvira zu gehen. Zunächst war es nur eine flüchtige Idee, die er sofort abtat und die ihm nicht die geringste Erleichterung verschaffte - oder tat er sie gerade deswegen ab? Am nächsten Tag ärgerte er sich über die Idee. Sie war wertlos. Was sollte er ausgerechnet dort? Was sollte das helfen? Waren nicht genauso auch dort Menschen?
Und gerade das sollte der letzte Ort sein, an den er konnte? Nein, es war Unsinn, er würde nicht hingehen. Doch in der folgenden Nacht dachte er erneut darüber nach, und diesmal ließ es sich schon weniger leicht abtun. War es nicht vielleicht tatsächlich eine Möglichkeit? Und da bemerkte er, dass etwas wie Hoffnung in ihm zu keimen begann.