Katja Lange-Müller: „Drehtür“

Ausschnitt aus dem Roman von Katja Lange-Müller: „Drehtür“, Übersetzung: Urszula Poprawska

Copyright © Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2016
​Abdruck des Ausschnittes dank freundlicher Unterstützung mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch

Copyright © polnische Übersetzung Urszula Poprawska

Und schon sehe ich, wie im Kino, die nächsten Szenen vor mir: Die Argusaugen der frommen Schwestern leuchten jeden Winkel Kalkuttas nach Todkranken ab, die sie - vier Schwestern, acht Arme, acht Beine und dazwischen jeweils ein Bündel Elend - mit Schwung auf Bahren und anschließend ins Hospiz verfrachten, wo die Aufgelesenen dann aber nicht alle still vor sich hin dösen; einige, besonders einige der klapperdürren, hohläugigen Musliminnen, jammern und schreien auch, etwa wenn solche wie du, also ihnen und einander völlig Fremde, die oft nicht mal richtig Englisch sprechen, sie aus ihren Lumpen schälen, ihnen ihren einzigen Stolz, das dichte, lange, angeblich jedoch völlig verlauste Haar abschneiden und ihnen anschließend, als sei das nicht genug, die Schädel ratzekahl rasieren. Warum habt ihr den Frauen keine der bereits damals üblichen und wirksamen Schaumpackungen gegen derlei Parasiten gemacht? Weil die sich mit kaltem Wasser nur schlecht wieder auswaschen lassen? Selbsterfahrungsambitionierte Rucksacktouristinnen, die es dennoch versuchen oder die grauen Mähnen geduldig hätten striegeln und so von Läusen und Nissen befreien können, gab und gibt es doch genug bei euch, und Geld, um Antiläuseshampoo oder wenigstens ein paar dieser altmodischen Läusekämme zu beschaffen, ebenfalls.
Ich will Mutter Teresa, ihrem Orden und dir ja nicht auf die Füße treten; das steht mir nicht zu. Die Welt und die Armen Kalkuttas sind euch dankbar. Im Nirmal Hriday war das widerliche, archaische Kastensystem von Anfang an bedeutungslos; dies Hospiz hat ohne Bedenken jederzeit jeden Hinfälligen aufgenommen, selbst jeden HIV-Infizierten, egal wie er zu der Krankheit gekommen oder wie fortgeschritten sie jeweils bereits war. Ihr sorgt für Essen, Reis und Bohnencurry bis zum Abwinken, etwas Pflege, Aspirin gegen alles.
Warum jemand hilft, ob aus omnipotentem Größenwahn oder atheistisch-humanitärer Gesinnung oder aufs Paradies spekulierender, also nicht ganz so selbstloser christlicher Nächstenliebe, ist unwichtig; dass er nicht wegschaut, sondern die Ärmel hochkrempelt, reicht fürs Erste. Und wenn schon sterben, an TBC, an Aids, an Krebs oder schlicht an Auszehrung, dann zumindest mit einem Plastiklaken unterm Hintern auf einem Feldbett. Vom Aspirin kaum gelinderte Schmerzen erleiden müssen - oder dürfen, so sah es die seliggesprochene Mutter Theresa – wie weiland der Heiland, aber getröstet und dabei womöglich noch bekehrt und getauft werden, auf den buchstäblich letzten Drücker, und das Ticket für die Himmelfahrt steckt einem sicher in der Tasche, obwohl das letzte Hemd bekanntlich gar keine Taschen hat.
Nein, ich will jetzt nichts infrage stellen, auch nicht die Spenden-Millionen, die Mutters Orden seit Jahrzehnten zufließen wie das Wasser, mit dem diese Bräute des Gekreuzigten immerhin echt großzügig sind; das haben schon andere getan.
Und du dort drüben, selbst wenn du da am laufenden Band Euros kassierst, weißt eh nichts. Du bist ja nicht der Papst-und nicht mal mehr Krankenschwester, so wenig wie ich.
 
Krankenschwester, das Wort rührt von den ersten Krankenschwestern her, die ja generell Nonnen, also Ordensschwestern, gewesen waren, und es tönt, als wären sie alle, als wären wir Krankenschwestern alle, zumindest solange wir unseren Beruf ausüben – wieder so ein dämliches Wort-, blutsverwandt mit allen Kranken, die es auf Erden gab, gibt und geben wird. Doch zu den Pflegern sagt niemand Krankenbrüder, obwohl deren Stammes- oder Standesväter ebenfalls dem einen oder anderen katholischen Orden dienten und bis heute dienen, wie etwa die Mönche im Nirmal Hriday; aber nicht einmal die, wenngleich sie sich untereinander sehr wohl Brüder nennen, erlauben das auch den Sterbenden. Und sterben müssen eines Tages selbst diese Nirmal-Hriday-Mönche; das muss jeder. Darin besteht unsere ganze, unsere einzige Verwandtschaft!
Ich mag gar nicht darüber nachdenken, doch wenn es sich, wie jetzt, einfach nicht verhindern lässt, werde ich wütend, jedes Mal - und immer noch. Und ich bleibe dabei: Helfen wollen ist womöglich bloß ein angeborener Reflex, helfen können dagegen ein Triumph, ein vorläufiger wenigstens, über die An- und Hinfälligkeit jedweder Kreatur, in unserem Metier der menschlichen, ein Sieg über das Leiden – und den Ekel, den Schwerkranke normalerweise bei ihren gesunden Artgenossen auslösen. Das schrille Geschrei traumatisierter Kleinkinder, der Wahnsinn in den Gesichtern gefolterter Männer und·geschändeter Frauen, erbrochener Reisbrei, dünner gelber Kot und Fleischwunden voller Maden - diese Aufzählung hat, obwohl sie der Wahrheit entspricht, etwas vom Anfang einer Predigt - sind nichts für Laien, wie Zivis, Rettungsschwimmer, Sanitäter und andere gutwillige, aber realitätsfremde Dilettanten, zarte Gemüter allesamt, und seit einiger Zeit auch nichts mehr für mich. Ja, die Kollegen in Managua sehen das ganz richtig; ich habe genug geholfen. Nur wohin ich nun soll oder will, das weiß ich nicht. Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, keine Perspektive...