Terézia Mora: „Die Liebe unter Aliens“

Ausschnitt aus dem Roman von Terézia Mora: „Die Liebe unter Aliens“, Übersetzung: Urszula Poprawska

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Abdruck des Ausschnittes dank freundlicher Unterstützung der Verlagsgruppe Random House

Copyright © polnische Übersetzung Urszula Poprawska

Er stand dort, wo er Sandy zuletzt gesehen hatte. Ihr Abdruck im Gras war noch zu sehen. Sie war also wirklich da gewesen bei ihm. Das da ist ihr Abdruck. Anfangs lief er am Grabenrand auf und ab, rief ihren Namen in die Landschaft. Ins Feld mit dem diffusen Pflanzenbewuchs. Schaute, ob Fußabdrücke auf dem Feld zu sehen waren. Nein. Er schaute hinter diese Baumreihe und dann hinter der auf der anderen Straßenseite. Sah einen Busch, dachte erst, vielleicht hat sie sich dahinter versteckt, das wäre ihr zuzutrauen. Hockt hinter dem Busch und lacht sich schlapp. Er rannte auf den Busch zu und rief ihren Namen, erreichte den Busch, ging um ihn herum. Sie war nicht da. Er ging wieder in die andere Richtung, auf die Kreuzung zu. Schaute immer am Wegrand auf und ab, ob er Spuren von ihr sah. Nichts. Nicht einmal etwas, das man willentlich mit einer Spur von ihr hätte verwechseln können. Er kehrte um, er wollte zurück zu ihrem Abdruck im Gras. Als er wieder davor stand, war der Abdruck viel kleiner geworden. Praktisch nicht mehr vorhanden. Der Wind und die Grashalme selbst, die sich wieder aufrichten wollen, einer nach dem anderen. Tim sah ihnen zu und weinte.
Ewa brauchte anderthalb Stunden, bis sie bei ihm war. Sie befürchtete, ihn gar nicht zu finden, aber sie fand ihn. Er weinte nicht mehr, er tigerte am Wegrand auf und ab und konzentrierte sich nur mehr darauf, auf Ewa zu warten. Der Abdruck war da schon ganz verschwunden.
Ich weiß auch nicht, sagte Ewa. Es ist ja schon eine Weile her. Sie könnte inzwischen schon ...
Was?
Da sein. Am Meer. Oder wo auch immer. Dieses letzte sprach sie nicht mehr aus. (Warum machst du ihm Hoffnungen? Weil ich ihn mag. Wie er mich wieder ansieht. So dankbar, so hoffnungsvoll. Als hätte ich die Lösung. Warum denkst du, dass ich die Lösung habe?) Na ja, sagte sie, vielleicht fahren wir am besten einfach hier die Straße weiter.
Das Vertrauen, mit dem Tim sich ihr übergab, schien so grenzenlos zu sein, dass sie selbst daran glauben wollte, wenn sie weiter Richtung Meer führen, würde sich die Welt so ordnen, dass sich darin eine Erklärung für das Unerklärliche auftat. Dass sie sie nun, da sie zu zweit und mit einem Auto nach ihr suchten, sie spätestens, wenn sie an der Küste angekommen wären, finden würden (…)
 
Als sie an der Küste ankamen, waren nicht mehr viele Badegäste und Spaziergänger am Strand. Ewa und Tim liefen an der Wasserlinie entlang, erst in die eine, dann in die andere Richtung, und dann wieder in die eine. Stundenlang, nicht, weil sie noch Hoffnung hatten, sondern weil dieses Hin- und Hergehen am Meer für Linderung sorgte. Die Situation ist furchtbar, aber das Meer, der Strand, der Himmel hören nicht auf, großartig zu sein. Irgendwann waren sie dann aber doch zu müde. Hungrig, durstig, schmerzende Beine, ausgetrocknete Kehlen. Ewa hatte eine Flasche Wasser im Auto, aber sie hatten keine Kraft, bis dorthin zu gehen. Sie saßen im Sand und schauten zum Meer. Weit draußen ein großes Schiff.
Ich werde den Rest meines Lebens an der Küste entlangwandern, solange, bis ich sie finde, dachte Tim. Und dabei war er plötzlich überzeugt, dass sie bereits tot war. (…)
 
Bei der Polizei sagte man ihnen, es verschwinden jeden Tag Leute, die meisten kommen innerhalb von 48 Stunden wieder nach Hause. Warum gehen Sie nicht nach Hause und warten wenigstens die 48 Stunden ab. Ihre Freundin ist doch volljährig?
Ja, sagte Tim. Aber sie hat niemanden außer uns.
Ewa dachte noch über dieses »uns« nach, als Tim sie schon in die nächste Sache einweihte. Dass sie doch noch jemanden außer ihnen hatte, zumindest theoretisch. Sie hatte Eltern. Tim wusste, wie sie hießen und in welcher Stadt sie wohnten. Sie standen im Telefonbuch. Dass ihr wahrer Name nicht Sandy, sondern Patricia war, erfuhr Ewa, als sie Tim den Namen ins Telefon sagen hörte. Ob Patricia da sei.
Sie war nicht da. Sie wussten nicht, wo sie war, und es schien sie auch nicht zu interessieren. Sie ist verschwunden? Ach so?
Als wäre das nur eine von vielen gleichwertigen Möglichkeiten. (…)
 
Sandy tauchte nicht wieder auf. Sie kam nicht von allein wieder, sie schickte keine Nachricht, und sie wurde nicht gefunden, weder tot noch lebendig. Als es Herbst wurde und die Schule wieder anfing, verschwand auch Tim.