Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Was ist los mit... der Kultur in Zeiten des Corona-Virus?
Ist Kultur „systemrelevant“?

Mona Lisa mit Mundschutz
Mona Lisa mit Mundschutz | Quelle: Pexels; Foto (Ausschnitt): Yaroslav Danylchenko

Die schwache Position der Kultur manifestiert sich sogar in der Corona-Pandemie. Der Lockdown trifft zuerst Kulturinstitutionen, die sich immer am Ende öffnen, wenn die Beschränkungen gelockert werden. Kultur ist das Lebenselixier, ohne das die Gesellschaft nicht wiederbelebt wird, glaubt Christoph Bartmann.

Beim ersten deutschen Corona-Lockdown, im März und April dieses Jahres, durfte nur noch offenbleiben und weitermachen, was „systemrelevant“ war – ein Begriff, der während der Finanzkrise von 2008 aufkam und der damals Banken bezeichnen sollte, die, angeblich oder tatsächlich, „too big to fail“ waren. Systemrelevant im Corona-Sinne waren dagegen Krankenhäuser und ihr Personal, Supermärkte, Drogerien und andere Geschäfte für den täglichen Bedarf, Tankstellen, die öffentlichen Verkehrsmittel und noch ein paar Dinge mehr. Um die drohende Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden, musste alles andere stillstehen: Schulen und Universitäten gingen online, Gastronomie, Kultur und Sport machten Pause, ja sogar Gottesdienste und religiöse Feiern mussten eine Zeit lang unterbleiben. Vielleicht war der erste Lockdown so erfolgreich, weil fast alles verboten war. Aber so ein totaler Stillstand sollte sich nie mehr wiederholen, war die vorherrschende Meinung, als dann die Infektionszahlen zurückgingen – vor allem wegen der schädlichen Folgen für Wirtschaft und Handel.
 
Nun wurde vor wenigen Tagen erneut der Lockdown ausgerufen, und es ist interessant zu sehen, welche Sektoren er trifft und welche nicht, wo also diesmal die Trennlinie zwischen „systemrelevant“ einerseits und „ganz nett, aber eher unbedeutend“ andererseits verläuft. Der neue Lockdown unterscheidet sich vom alten etwa dadurch, dass schulischer Präsenzunterricht einstweilen zugelassen ist. Anders ist auch, dass die Geschäfte offen bleiben können, während Restaurants, Cafés und Kneipen bis mindestens 1. Dezember wieder schließen müssen. Die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen sind ähnlich wie im Frühjahr und auch diesmal im internationalen Vergleich wieder ziemlich mild. Aus Gründen, die man schwer nachvollziehen kann, dürfen etwa Profis bezahlten Fußball spielen, aber Amateure keinen unbezahlten Fußball. Friseure haben geöffnet, aber andere Arten von „körpernaher Dienstleistung“, Massage etwa oder Nagelstudios, müssen schließen.
 
„Körpernahe Dienstleistung“, dieser schöne Bürokratenbegriff kommt einem in den Sinn, wenn man an die Schicksale der Kultur im erneuten Corona-Lockdown denkt. Andere Arten von „Kultus“ sind diesmal erlaubt, also vor allem Gottesdienste, auch Bibliotheken dürfen offen bleiben. Was aber nicht geht, sind Konzerte, Kinovorstellungen, Ausstellungen, Theater, Oper, Musical und andere Spektakel vor Publikum. In strengen Worten heißt es etwa in der Corona-Verordnung der Stadt Hamburg: wer „Veranstaltungen, deren Zweck in der Unterhaltung eines Publikums besteht, veranstaltet oder an einer solchen teilnimmt“, begehe eine Ordnungswidrigkeit. Klingt das nicht fast ein bisschen wie die Verlautbarungen der Taliban in Afghanistan, die aus anderen Gründen eine eben solche Abneigung gegen „Unterhaltung“ hegen?
 
Kultur als Unterhaltung, und nichts weiter als Unterhaltung? Das hat viele Kulturakteure und Kulturinteressierte nachhaltig verstört. Auch wenn die Regierung sich nun beeilt, die Verdienstausfälle gerade bei den freien Künstlern irgendwie zu kompensieren, steht nun eine schwerwiegende Frage im Raum: ist die Kultur den Bundes- und den Landesregierungen tatsächlich nichts mehr wert? Ist sie nicht vielleicht doch auch systemrelevant, wenn auch nicht in der unmittelbar notwendigen Form, sondern eher vielleicht als Lebenselixier? Man darf wohl sagen, der temporäre Ausschluss der Kultur aus dem Kanon der lebenswichtigen Dinge zeugt von einer großen Ignoranz bei den politisch Verantwortlichen. Hinzu kommt, dass sich im Museum oder Theater wahrscheinlich noch nie jemand angesteckt hat. Aber die Regierung musste für den erneuten Lockdown eine Art „Triage“ der verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren vornehmen und hat die Kultur dabei zur nachrangigen Angelegenheit erklärt.
 
Das muss man kritisieren. Die Frage aber, ob und wann Kultur Unterhaltung ist, und was sie ist, wenn sie nicht unterhält, bleibt auch für die Ära nach Corona von Bedeutung. Natürlich und Gott sei Dank ist Kultur auch Unterhaltung. Ihre Aufgabe wäre verfehlt, wenn sie nicht fähig wäre zum Entertainment. Deswegen spricht man ja auch von „leichter Muse“. Museen dagegen dienen nicht nur dem Entertainment, auch wenn das manche Politiker anders sehen, sondern auch der kulturellen Bildung und der ästhetischen Erfahrung, jedenfalls also einem höheren Zweck. Das Gleiche kann man wohl von Theatern, Opern- und Konzerthäusern sagen. Man muss die unbedingte Lebensnotwendigkeit der Kultur (der Hochkultur, der Popkultur, der zeitgenössischen und jeder anderen Kultur) verteidigen. Man sollte dabei die Kultur allerdings auch nicht glorifizieren, so wie es jetzt in vielerlei Verteidigungsreden passiert. Es passiert auch viel Überflüssiges und Fragwürdiges in der Kultur. Nicht jede städtische Bühne ist ganz automatisch auch ein Ort der „demokratischen Verständigung“, der bürgerlichen Partizipation, des „herrschaftsfreien Diskurses“ und so weiter. Nicht jede Biennale muss uns exklusiv erklären, wie wir den Kapitalismus, das Patriarchat und den Klimawandel überwinden. Wo Kultur ist, meldet sich schnell auch eine falsche Selbstsicherheit über ihre angeblich so überlebenswichtige Rolle in der Gesellschaft. Nicht solche hohlen Parolen machen die Kultur unentbehrlich, sondern die tatsächlich gespielte, praktizierte, studierte, geübte Kunstfertigkeit auf tausend Podien. Für sie müssen wir uns einsetzen, und ihr müssen wir wünschen, dass sie post-Corona wieder in ihr Recht gesetzt wird.

Top