Deutscher Jugendliteraturpreis Spannende Wirklichkeit

Junger Literaturfan
Junger Literaturfan | Foto: © FangXiaNuo/iStockphoto

Flüchtlinge in Deutschland und eine Polarexpedition mit tragischem Ende: Beim 60. Deutschen Jugendliteraturpreis überzeugten vor allem Bücher mit realem Bezug.
 

Jedes Jahr erscheint eine Vielzahl neuer Bücher für Kinder und Jugendliche. Für die jungen Leser und ihre Eltern ist es nicht einfach, in der großen Menge von deutschen und internationalen Veröffentlichungen die besten und spannendsten Werke zu finden. Der Deutsche Jugendliteraturpreis bietet Orientierung. Er wird jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse verliehen – 2016 bereits zum 60. Mal. Auch diesmal kamen mehr als 1.000 Gäste. „Bei der Preisverleihung zeigt sich, welche Bedeutung der Preis hat“, so Birgit Müller-Bardorff, Vorsitzende der Kritikerjury. „Es zeigt sich an der Wahrnehmung durch das Publikum, an der Spannung im Saal und an der Resonanz der Preisträger.“
 
Klaus Kordon wurde 2016 für sein Gesamtwerk geehrt. „Das ist ein ganz wichtiger Preis für mich. Allein die Reihe der ausgezeichneten Kolleginnen, in der ich nun stehe, ehrt mich“, so der Autor mit Blick auf Mirjam Pressler oder Kirsten Boie. Kordon überzeugte die Jury mit seinen realistischen, intensiv und gründlich recherchierten historischen Romanen. Mit Die Zeit ist kaputt schrieb er zudem eine Biografie Erich Kästners für Jugendliche und Erwachsene. Kordon freut sich, dass auch in den anderen Kategorien vor allem Bücher mit authentischem Bezug ausgezeichnet wurden: „Es geht weg von der Fantasy und wieder mehr in Richtung Realismus.“

Die Syrerin und der Neonazi

Eine Kritikerjury mit neun Erwachsenen vergibt beim Deutschen Jugendliteraturpreis die Auszeichnungen in den Kategorien Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch. Daneben wählt eine Jugendjury einen weiteren Preisträger aus. 2016 war das Peer Martin mit Sommer unter schwarzen Flügeln. Hauptfiguren des Buches sind die Syrerin Nuri und der Neonazi Calvin, der einen Anschlag auf ein Flüchtlingsheim plant. „Ich fand die Szenen aus Syrien, die Nuri beschreibt, sehr beeindruckend“, sagt Jurymitglied Clara (14). Für Paula (19) ist besonders bemerkenswert, „wie unglaublich ehrlich Peer Martin mit diesem komplexen, brisanten und schwierigen Thema umgeht“. Peer Martin selbst war von der Auszeichnung tief bewegt. „Dieser Preis bedeutet mir alles“, beteuert der in Kanada lebende deutsche Autor.
 
In der Sparte Sachbuch gewann Im Eisland von Kristina Gehrmann, eine auf drei Bände hin konzipierte Graphic Novel. „Seit ich 2012 auf die Geschichte der Franklin-Expedition gestoßen bin, war ich von ihr fasziniert“, erinnert sich die Hamburger Illustratorin, die für ihre gezeichnete Geschichte viele historische Originalquellen ausgewertet hat. Die Welthandelsrouten zu verkürzen und die legendäre Nordwestpassage zu durchqueren – das war das Ziel der Engländer um den Polarforscher John Franklin, die sich 1845 auf eine für alle Beteiligten tödlich endende Expedition begaben. Erst im September 2016 wurde das Wrack ihres Schiffs HMS Terror gefunden.

Mädchen und die Freiheit

Während Im Eisland eigentlich gar nicht als Jugendbuch gedacht war, richtet sich die Berliner Autorin Kirsten Fuchs mit Mädchenmeute gezielt an Jugendliche: „Ich wollte ein Buch schreiben, das ich gerne gelesen hätte, als ich jung war. Ich mochte vor allem Abenteuerbücher – aber darin gab es immer nur Jungsgruppen.“ Mädchenmeute erzählt aus Sicht der 15-jährigen Charlotte von zwei außergewöhnlichen Wochen, die sieben Mädchen in den Wäldern des Erzgebirges erleben, nachdem sie sich aus ihrem Sommercamp abgesetzt haben. „Eine Kulturlandschaft mit eigenen Geschichten und Sagengestalten, die lebendig werden“, findet die Jury.
 
In weiter entfernte Gegenden reisen junge Leser mit der Gewinnerin der Sparte Kinderbuch. Das Mädchen Wadjda der saudi-arabischen Autorin Hayfa Al Mansour spielt in Riad – es ist
ein bewegendes Buch über die Freiheit und die Notwendigkeit, sie zu verteidigen. Der Niederländer Edward van de Vendel, Preisträger in der Kategorie Bilderbuch, legt seine fantasievolle Geschichte Der Hund, den Nino nicht hatte so an, dass sie überall spielen könnte. „Besonders in diesem Jahr – mit dem niederländisch-flämischen Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse – hat mich der Preis sehr gefreut“, so Übersetzer Rolf Erdorf. Die Bedeutung des Preises weiß er zu schätzen: „Meine persönliche Erfahrung ist, dass man mit einem sehr guten Buch beim Deutschen Jugendliteraturpreis vielleicht nominiert wird – ausgezeichnet aber wird man nur mit einem wirklich außergewöhnlichen Buch.“