Dagmara Kraus erzählt

Dagmara Kraus

Pferd oder Pegasus – haben Sie poetische Reizwörter?

Ja, die habe ich. Oftmals sind es fremde Wörter, die mich dazu verleiten, ein Gedicht zu schreiben oder eines zu collagieren, wie es im Hinblick auf mein gegenwärtiges Projekt der Fall ist. Auch ein mir bisher aus der Tradition unbekannter Genrebegriff etwa kann „reizend“ wirken und beispielsweise eine Verskaskade aus Elfzeilern auslösen. Zuletzt passierte dies anlässlich der „Fatrasie“, einer mittelalterlichen französischen Unsinnsgedichtgattung, deren Name auf „fatras“, „Plunder“, zurückgeht. In meinen Versuchen in dieser Gattung benutze ich u.a. Wort- oder vielmehr Lautmaterial aus einem alten Deutschlehrbuch für Franzosen, bediene mich einer veralteten Lautschrift, eines Deutsch mit französischem Akzent. Zwar ohne Pegasus, wohl aber mit Pferd, sieht das durch „Fatrasie“ Hervorgereizte samt seiner (minimal erweiterten) „Umschrift“ zum Beispiel so aus:

nichts tsou fert

nichts zu pferd
emblem

seif ich mir mittags das knie
latsch gereinigt, wickeln sie ketten um
den mund voll schmalkrempigen hörnchen
schnee fällt
vier vage lagen
wieder taut der hofhund nasenkrank auf
insasse hammelfuß wäre da vorsichtig
und wie das stück faser dem zahn
ist mir der ... ähm … na –
dieser undertaker
schon lange ein paar schlappschuhe schuldig

Der Pfergasus wäre allerdings auch eine mögliche Antwort auf die Frage. Oder vielleicht zöge ich ihm den Vergaßus vor, dieses vergesslichste aller lieben Verstiere.

Klebstoff oder Lautmalerei – was hält die Wörter zusammen?
Klar, Klebstoff. Klebe hält – zumindest in letzter Zeit – meine Wörter zusammen und zwar ganz konkret: UHU, das Folgende sei Dir gewidmet:

zeu eul

für UHU

[Foto: © Dagmara Kraus] Eule oder Lerche – hat die Tageszeit einen Einfluss auf Ihre Kreativität?
Die achtundvierzig Eulen oben – sechs permutierte anagrammierte bitte mitgezählt – heulen deutlich Antwort: Eule – also Chtî'fEUL, Panto'-fEUL-zî'ne, Ca'bEULiaou, wobei letztere mit allen Vokalen gleichzeitig in die Nacht hinausruft. Aber Lerche kommt so gar nicht vor.

Fallbeispiel oder Lückenbüßer – gibt es überflüssige Wörter?

In einer Dichtung sollte es meines Dafürhaltens entweder kein einziges überflüssiges Wort geben oder nur überflüssige. Gleichwohl können Wenigste das, was mir hier vorschwebt. Oskar Pastior konnte in dieser Beziehung alles. Denn besteht jedes seiner Gedichte zugleich ausschließlich aus überflüssigen Wörtern und enthält dabei kein einziges überflüssiges Wort. „Krokale“, „Petale“ (beide neulich in einem Hetären-Buch entdeckt), aber auch Wörter wie „typisch“ oder „deftig“ scheinen mir in jedem Fall überflüssig zu sein. „Überflüssig“ wird bei mir übrigens schnell mal ekelhaft. So ist Majuskel-“Schlackern“ DAS Ekelwort schlechthin. Aussprechen könnte ich es an dieser Stelle nicht.

Fragen: © Judith Arlt