Daniel Falb erzählt

Daniel Falb © Daniel Falb

Wie arbeiten Sie? – künstlerische Methode 

Kaffee oder Sonnenschein – braucht Ihre Phantasie Stimulanzen? Wenn ja, welche?

Meine Phantasie braucht keine Stimulanzen, – ich brauche aber auch häufig gar keine Phantasie, um zu schreiben. Meine Arbeiten entstehen meist über Recherchen und Lektüren, und da geht es eher darum, den richtigen thematischen und szenischen Ort für einen Text zu finden, als sich etwas auszudenken. 

Geige oder Kino – Einstein beendete jeden Arbeitstag mit seiner Geige, Donna Tartt geht bereits nach drei Stunden ins Kino – was machen Sie, wenn das Schreiben stockt?  

Ich habe da kein Gegenmittel, und das Stocken gehört natürlich auch dazu und ist wichtig. Man muss einfach immer wieder anfangen.

Pferd oder Pegasus – haben Sie poetische Reizwörter? 

Für mich gibt es keine poetischen Reizwörter, da es überhaupt keine spezifisch poetischen oder spezifisch unpoetischen Wörter gibt. Das Gedicht ist vielmehr prinzipiell die zentrale Bühne aller Sprachfelder, die man in einer Gesellschaft antrifft. 

Anfang und Ende – wo fängt ein Gedicht an, wo hört es auf? In der Badewanne, am Waldrand, auf dem Bildschirm?

Meist spielt sich alles am Schreibtisch ab, wobei in intensiven Phasen die Beschäftigung mit dem Text nirgendwo wirklich aufhört.      

Wie arbeiten Sie? – persönlicher Stil

Alphabet oder Reim – gibt es eine Ordnung der Wörter?

Es gibt eine Ordnung der Wörter, die sich statistisch im Sprachgebrauch und dann auch im Grammatikunterricht abzeichnet. Unterhalb dessen gibt es eine „Ordnung des Diskurses“ (Michel Foucault) – Fachsprachen oder Milieu- und anlassbezogene Sprachen etc., in deren Gebrauch bestimmte sprachliche und soziale Muster immer wiederkehren. Im Gedicht ist es etwas anders, denn es gibt hier erst einmal überhaupt keine gegebene Ordnung. Wie die Bildende Kunst ist auch die Dichtung im 20. Jahrhundert in einen Dynamismus eingetreten, der impliziert, dass das „gute“ Gedicht überhaupt nur in Differenz zu schon gegebenen Ordnungsformen der Dichtung entstehen kann. 

Mobbing oder Liebe – ist Harmonie (im Gedicht) erstrebenswert?

Nein. 

Klebstoff oder Lautmalerei – was hält die Wörter zusammen? 

Ihr Gebrauch hält die Wörter zusammen. Der Zusammenhalt steht aber im Gedicht genau auf dem Spiel. Häufig geht es darum, die Spannungen von Nicht-Zusammengehörigkeiten auszuloten, Kurzschlüsse zwischen Dingen und Wörtern zu erzeugen, die im Sprachgebrauch jenseits des Gedichts voneinander weit entfernt sind.

Löschen oder reparieren – ist ein misslungener Vers zu retten?

Nein – das ist aber auch nicht nötig, denn es gibt so viele Verse. Andererseits ist ein Gedicht auch nicht einfach die Aneinanderreihung „guter Verse“, – es muss immer als Ganzes funktionieren, und da gibt es viel Spielraum bezüglich dessen, was als „Vers“ darin auftauchen kann. Ich würde teilweise sogar einen „guten Vers“ bewusst nicht in ein Gedicht aufnehmen, wenn ich nach einer anderen Tonalität suche als nach der des „Gelungenen“.   

Steckdose oder Leidenschaft – wie / womit laden Sie Ihre Gedichte auf?

Ich lade sie gar nicht bewusst auf, aber da ich in ihnen „meinen“ Interessen folge, sind sie natürlich voll von Dingen, die für mich sehr attraktiv oder problematisch sind.  

Beruf: Dichter

Eule oder Lerche – hat die Tageszeit einen Einfluss auf Ihre Kreativität?

Nein. 

Lust und Laune oder Disziplin – braucht der Dichter feste Arbeitszeiten?

Ich jedenfalls nicht!  

Arbeit oder Geistesblitz – wie viel Zeit beansprucht ein Gedicht? 

Für den einzelnen Text meist ungefähr eine Woche ziemlich intensiver Arbeit. 

Zettelkasten und Bleistiftspitzer – verlangt ein Gedicht einen (aufgeräumten) Schreibtisch? 

Nein.

Innerer Drang oder äußerer Zwang – wie gehen Sie mit Deadlines um?

Wenn sie realistisch gesetzt ist, kann die Deadline der Konzentration förderlich sein, ... aber im Grunde spielt das überhaupt keine Rolle. 

Materieller Druck oder inneres Bedürfnis – muss der Dichter über jedes Thema schreiben können?

Ich denke – wie oben angedeutet – dass es kein thematisches Material gibt, das vom Gedicht prinzipiell ausgeschlossen ist; das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass jede DichterIn auch über „alles“ arbeiten müsse. 

Dichtung als Lebensstil 

Glück oder Vertrag – macht die freiberufliche Tätigkeit den Dichter zu einem freien Menschen? 

Die mit der Tätigkeit meist verknüpfte finanzielle Prekarität macht das Dichten in vieler Hinsicht zu einer Quelle von Unfreiheit. So ist man z.B. zeitlich unfrei, da man anderswo „sein Geld verdienen muss“: man wird also von der Arbeitsgesellschaft und ihren Drohungen traktiert. Ich kann überhaupt mit dem Freiheitsbegriff nur im politischen Sinne (und nicht allgemein–existenzial) etwas anfangen, – und Prekarität ist ganz generell natürlich kein ökonomisches, sondern ein politisches Problem. 

Ferien oder Nachtruhe – braucht der Dichter poesiefreie Zonen? Wenn ja, wo findet er sie?

In meinem Fall gibt es keinen Mangel an poesiefreien Zonen! 

Pfiffe oder Beifall – spielt der Leser / die Kritik eine Rolle im Leben des Dichters?

Ja, aber es ist nicht ganz klar welche. Richtige Kritik von den richtigen Leuten ist das beste, was einem passieren kann und jedenfalls wichtiger als unbestimmte Zustimmung. Aber wo die Kritik dazu führt, dass Aufträge und Einladungen ausbleiben, hat man natürlich ein Problem. 

Dichtung als Kunst

(Be-)rechnen oder (ver-)dichten – was hat ein Gedicht mit Mathematik zu tun?

Es gibt hier keinen bestimmten Zusammenhang; allerdings erweist sich die Mathematik heute als extrem kreative Disziplin, in der nicht nur neue Lösungen, sondern laufend auch neue Probleme erfunden werden, – und das ist auch der Dichtung zu wünschen. 

Spiegel oder Supermarkt – ist Inspiration ein Geschenk des Himmels oder lässt sie sich erwerben?

Sie ist ganz sicher kein Geschenk des Himmels, sondern verdankt sich sozioökonomischen Konstellationen. Die besten DichterInnen werden in ihrem Leben überwiegend kein einziges Gedicht schreiben, sind vielleicht sogar Analphabeten, oder im Kindesalter an einer heilbaren Krankheit verstorben. 

Fallbeispiel oder Lückenbüßer – gibt es überflüssige Wörter?

Dichtung hat viele Orte. Sie läuft als Songtext im Radio, wird als gereimte Laudatio an runden Geburtstagen vorgetragen, kommt einem im Stadtraum als Werbeslogan entgegen, – und findet aber eben auch in den spezifischen Subkulturen statt, in denen man explizit „Gedicht“ dazu sagt.