Nancy Hünger erzählt

Nancy Hünger © Felix Wilhelm

Wie arbeiten Sie? – künstlerische Methode

Kaffee oder Sonnenschein – braucht Ihre Phantasie Stimulanzen? Wenn ja, welche?

Wie es also vonstatten geht, will man wissen, wie das funktioniert, wenn ich am Tisch kauere und brüte, und ob ich an einem Tisch kauere und brüte und an welchem Tisch, einem Schreib-, Küchen-, Stuben- oder Klapptisch z. B., ob ich auch sage, wie die Bachmann verhaucht: Nur Tisch, Stuhl und Maschine, sonst brauch‘ ich ja nichts! Und ob ich das Klack, Klack der Schreibmaschine oder den zirpenden Bleistift und welches Papier oder Computer etwa und ob es da eben Rituale gibt (die Zigarette am Morgen, der Rotwein am Abend usw.) NIX DA! Alles Humbug, alles Krücken und Hilfestellung, Behelfsbiographien, ein Schriftstellermärchen, alles nur maschinelle Poesie, nämlich angelesene Tradition (bürgerliche Blödigkeit, so E. E.) usw. Also keine Rituale, keine Gebrauchsanweisung, keine Anleitung: Manchmal verhält es sich eben so und manchmal anders, Bleistift oder Maschine, Rotwein oder Zigarette, das macht doch keinen Unterschied, damit muss man leben, machen wie uns nichts vor.

Wie arbeiten Sie? – persönlicher Stil

Löschen oder reparieren – ist ein misslungener Vers zu retten? 

„Der beste Freund eines Dichters ist der Papierkorb!“ (Werner Söllner)

Das Gedicht ist doch qua Existenz immer ein Rettungsversuch des Gedichts, eine beklagenswerte, aber notwendige Bemühung den Parametern, den Gesetzen jedes einzelnen Textes gerecht zu werden – das Gemurmel der Jahrhunderte aufsässig im Genick – etwas Taugliches aufs Blatt zu tanzen, immer den strengen Anforderungen ausgesetzt, streng verkürzt: z. B. der Syntax, dem Rhythmus, dem Scharfrichter Logik (oder A-Logik), zuletzt noch der Euphonie oder der typographischen Gestalt, alles will miterzählen, alles will bedacht sein, alles schärft die Kontur, fummelt am Verstehen oder auch Nicht-Verstehen herum. Und immer ist man unterlegen, dem Text nicht gewachsen, muss man sich beschränken und so manches fahren lassen, in den Wind usw., weil man es nicht unter Kontrolle halten, nicht gänzlich kontrollieren kann, man die Vagheit, die relative Offenheit, aushalten muss, sonst zerbricht es, löst es sich auf in bedingungslosen Wohlgefallen. Ein Gedicht zu schreiben, schreiben zu wollen, ist einfach gesagt, angesichts der Eigengesetzlichkeiten, angesichts der Tradition usw., eine wunderbare, großartige Dummheit, die wieder und wieder begangen werden muss, um der Gedichte willen, um der Künste willen, um der Realität, den billigen Verständigungskonzepten, dem Gemurmel unserer kommunikativen und kollektiven Entgeistung vielleicht etwas, etwas winziges entgegen zu stellen (den Unwert z.B., so Falkner). Vielleicht auch nur, damit etwas Nutzloses durch die Welt geistert, vielleicht, vielleicht, vielleicht… müssen noch viele dumme und kluge Köpfe an der Frage zerbrechen, weil das Knacken im Oberstübchen, der Kollaps der  gemeinen logischen Schlüsse, immer auch die Antwort impliziert. Also nein, alles ist mir, der stets Unterlegenen, unrettbar, nicht nur der Vers, aber all das gilt es auszuhalten, solange man kann.
 

Beruf: Dichter

Eule oder Lerche – hat die Tageszeit einen Einfluss auf Ihre Kreativität?

Nur immer früh aufstehen, vor der Sonne, wenn möglich, aufstehen, sich gleich hinsetzen, flugs, oder hinausgehen, also sammeln, sich übervoll schauen und lesen, auch vor der Sonne, wenn möglich, lesen, sehr viel und immer wieder und sich die Vielfalt anlesen und sich auch ein wenig kaputt lesen, an den Vorbildern z. B., sich kaputt lesen bis man aufgeben will, eigentlich aufgeben muss, und dann Anschreiben, denn alles Schreiben ist doch immer nur Anschreiben, weil etwas vergeblich ist, weil wir, die Schreiber, das Gefühl haben, etwas sei vergeblich, aber es gibt eben für uns keine andere Form, keine adäquate Ersatzbefriedigung (gärtnern, fernsehen, häkeln, putzen usw.), die es uns erlaubte, mit dieser Vergeblichkeit hauszuhalten, Schritt halten zu können mit der eigenen Auslöschung, was ja nur heißen kann: den Verstand zu wahren, und deshalb ist es ja immer eine Form des Scheiterns und des besser Scheitern-Wollens, das wussten und sagten schon viele, und es stimmt – schlichtweg – es stimmt, und das hält die Produktion am Laufen, die Maschine, die Textmaschine am Laufen, deshalb die Texte, gewiss.

Dichtung als Lebensstil

Ferien oder Nachtruhe – braucht der Dichter poesiefreie Zonen? Wenn ja, wo findet er sie? 

Ich meine, es ist der innere Kommentator, eine Krankheit, eine Berufskrankheit, eine angerufene Krankheit, dass da eine Stimme im Kopf vorherrschend ist, die zugleich simultan übersetzt, die ganze Wahrnehmung simultan übersetzt und nicht Ruhe gibt, also alles geht mir in Worten auf, nichts wird hingenommen, nichts kann hingenommen werden wie es ist oder wie es sei, wie es mir in einem bestimmten Moment erscheint, alles muss in Relation und Verhältnisse gesetzt werden, in Sprache, in einer künstlichen Sprache – wohlgemerkt – aufgehen, das ist ein anhaltendes Zittern der Nerven, ein ständiges Geplapper (so ein Rauschen, so ein Geräusch) im Kopf, dem man nachgeben, dem man sich ab einem gewissen Punkt wohl ausliefern muss (dem Klang des Denkens, so B. O.), weil man begreift, dass das leichtfertige Begreifen, ein Begreifen ad hoc oder die sog. plötzliche quasi
Gewissheit nun endgültig vorbei ist. Der leichtfertige Zugriff auf die Welt, die poesiefreien Zonen des geistigen Pauschaltourismus sind nun endlich und endgültig dahin: paradiesische Zustände sind das.

Dichtung als Kunst

Boulevardpresse oder Sockel – wo gibt es heute Platz für Gedichte? 

Überall! Da gibt es beschauliche vorgewärmte Nester volkstümlicher Blödelei, da die Anklangsrudimente des Gedichtes stabreimend in 18 Einteln vom Großplakat schrillen, da der Schlager sein routiniert beschränktes Raffinement unter das Gesetz der ewigen Wiederholung stellt, um noch einmal, unter dem Einfluss der Stammtischmelodei, Herz auf Schmerz zu reimen, überall soll es sich finden, so wird es von den Statthaltern der Hitparaden gerne proklamiert und propagandiert, natürlich unter dem Deckmäntelchen der guten Tat, der Revitalisierung des Gedichts, den  Schwellenängsten rücke man mit diesen Trivialitäten zu Leibe, mit nichts als der Rettung der Poesie im Hintersinn und spricht von Unterhaltung, wo das vermeintliche Gedicht in seinen deformierten, verstümmelten Variationen zumeist als unterernährte a-b-a-b-Krüppelei, durch die profane Alltäglichkeit hinkt. Fein, fein, schön, schön. Gut gedacht und schlecht gemacht. Doch das Überallgedicht ist eben keines, das Überallgedicht, hat den Begriff Gedicht, hat den Begriff Literatur (im strengen Sinne als Kunst verstanden) nicht verdient, es hebt sich auf,  ist eben nur noch ein armes Gebrauchstexterl, nicht mehr. Weder Boulevard noch Sockel, es findet sich noch immer am angestammten Platz, z. B. zwischen zwei Buchdeckeln simmert es dahin, bis es Augen und Ohren findet, den soi disant wohlowollenden Leser, der keine Scheu hat, der seinen ganzen Geistesapparat in Bewegung setzt, der Literatur von Unterhaltung noch zu scheiden weiß, nein besser, der diese Grenzziehung mit feurigem Eifer wagt und weiß: Unterschiedenes ist / gut.


 
Fragen: © Judith Arlt