Jacek Dehnel erzählt

Jacek Dehnel

Wie arbeiten Sie? – künstlerische Methode

Kaffee oder Sonnenschein – braucht Ihre Phantasie Stimulanzen? Wenn ja, welche?

Am liebsten Tee und Nacht. Wenn die anderen schlafen und weder das Telefon klingelt, noch auf Facebook kommentiert wird oder Mails geschrieben. Die beste Zeit.

Anfang und Ende – wo fängt ein Gedicht an, wo hört es auf? In der Badewanne, am Waldrand, auf dem Bildschirm?

Immer im Kopf. Das Aufschreiben ist wichtig, aber nicht das Wichtigste. Das, was ich aufschreibe, ist bereits mehr oder weniger komponiert, manchmal in groben Zügen, manchmal bis ins letzte Wort hinein.

Wie arbeiten Sie? – persönlicher Stil

Streichen oder reparieren – ist ein misslungener Vers zu retten?

Beim Übersetzen von Lyrik: stets Reparatur und Perfektionierung. Der Übersetzer ist der Diener des Dichters und muss diesen so gut wie möglich übertragen, selbst wenn der Dichter stolperte oder die Kluft zwischen den zwei Sprachen allzu bedeutsam ist. Beim eigenen Schreiben: eher Streichen. Wie sagte doch Wisława Szymborska: „Ich habe einen Mülleimer zuhause“.

Steckdose oder Leidenschaft – wie / womit laden Sie Ihre Gedichte auf?

Verschieden. Oft mit Spannung, die zwischen der traditionellen Form und dem zeitgenössischen Inhalt und Wortschatz entsteht.

Beruf: Dichter

Lust und Laune oder Disziplin – braucht der Dichter feste Arbeitszeiten?

Ehrlich gesagt, kann ich mir die Arbeitszeiten eines Dichters nicht wirklich vorstellen. Bei einem Prosaautor durchaus, da ist das möglich, es kommen immer wieder Schriftsteller vor, die ein  bestimmtes Tagespensum absolvieren, soundsoviele Zeichen, Wörter oder Arbeitsstunden. Selbst arbeite ich während meiner Aufenthalte in Künstlerhäusern so; ich stecke mir eine konkreten Arbeitsumfang ab und versuche ihn täglich zu erreichen, wobei ich alles dazuzähle, was ich schreibe: Prosa, Feuilleton, Übersetzungen. Das gelingt mir selten, noch seltener das Überschreiten jener Grenze, aber das hat einen guten Einfluss auf die Arbeit. Gedichte allerdings sind launisch, sie kommen, wann sie wollen, ich komponiere sie lange im Kopf vor mich hin, dabei verranzen sie entweder oder reifen und eignen sich dann zur Niederschrift. Was auf gar keinen Fall bedeuten soll, dass es hier keine Disziplin gäbe; Disziplin steckt in der Strenge der Niederschrift, in der Präzision der Wortwahl, in der Konzentration.

Materieller Druck oder inneres Bedürfnis – muss der Dichter über jedes Thema schreiben können?

Ein Schriftsteller soll gute Bücher schreiben – und das reicht ihm. Nicht etwa „nützliche“, keine „treffenden“, keine „abwechslungsreichen“, aber eben gute, und das im weitestmöglichen Sinne, in Abhängigkeit von dem eingeschlagenen Weg: solche, die zum Nachdenken zwingen, ordentliche Unterhaltung bieten, formal verschiedentlich innovativ sind. Selbstverständlich kann man annehmen, dass es gut ist, wenn ein Schriftsteller über ein breites Interessenspektrum und einen großen Fächer an Möglichkeiten verfügt, unterschiedliche Sprachregister und Formen zu benutzen, Verschiedenes fachmännisch zu kommentieren versteht. Aber wir haben doch geniale Schriftsteller, die alles oder fast alles nach einem Muster schufen. Wären Agatha Christies Krimis etwa besser, hätte sie auch ein paar nicht so üble Romanzen geschrieben oder einen ordentlichen historischen Roman, verlegt in die elisabethanische Zeit? Hätte Borges bessere Erzählungen geschaffen, wenn er sich auch mit Reportagen beschäftigt hätte?

Dichtung als Lebensstil

Glück oder Vertrag – macht die freiberufliche Tätigkeit den Dichter zu einem freien Menschen?

Dichter ist kein freier Beruf. Schriftsteller gleichwohl. Aber wenn man von etwas nicht leben kann – und vom Schreiben und Übersetzen von Lyrik kann man nicht leben und das nicht nur in Polen nicht, aber wohl überall –, kann man nur schwerlich von einem „Beruf“ sprechen. Und das wiederum schlägt sich nieder in der Freiheitsfrage: der Dichter kann nicht ungezwungen dichten, sondern nur in der Zeit, die ihm seine restlichen Beschäftigungen dafür übrig lassen.

Pfiffe oder Beifall – spielt der Leser / die Kritik eine Rolle im Leben des Dichters?

Der kluge Leser – und innerhalb der Leserschaft auch die spezifische Untergattung Kritiker – sollte natürlich eine Rolle spielen. Man soll sich nicht sklavisch an seine Meinung halten, aber sollte lernen, kluge Kritik, die immer nützlich ist, zu trennen von der dummen, die immer schädlich ist, unabhängig davon, ob die Rezension positiv oder negativ ausfällt.

Dichtung als Kunst

Fallbeispiel oder Lückenbüßer – gibt es überflüssige Wörter?

Nicht im Sprachsinn: jeder in einer Sprache funktionierende Ausdruck kann sich als unabdingbar in einem Text erweisen; hingegen kommt selbstverständlich im Rahmen eines gegebenen Gedichts  öfter „Watte“ vor, ein Überschuss, der in weiteren Arbeitsschritten vom Autor selbst entfernt werden sollte. Und falls der Autor einnickt: durch den Lektor.

Boulevardpresse oder Sockel – wo gibt es heute Platz für Gedichte?

Überall. Ungewöhnlich vielfältig, ist die Poesie ein potenziell allgegenwärtiges Wesen; Poesie – das ist nicht nur das Gedicht, das wir im Handbuch finden, im Band der „Gesammelten Werke“, im Hardcover oder auf den vom Autor auf eigene Kosten gedruckten Papierbögen; es ist auch Werbeslogan, Märchen für Kinder, Kirchenlied, Rapstück, der Text des politischen Flugblatts, der selbsttherapeutische Tagebucheintrag, ein Dialog im Programmfilm. Nur dass wir selten der Tatsache gewahr werden, überall mit Poesie umzugehen und wie sehr wir sie brauchen.

Übersetzung: Dagmara Kraus
Fragen: © Judith Arlt