Jan Wagner erzählt

Jan Wagner

Geige oder Kino – Einstein beendete jeden Arbeitstag mit seiner Geige, Donna Tartt geht bereits nach drei Stunden ins Kino – was machen Sie, wenn das Schreiben stockt?

Ein Spaziergang am Berliner Landwehrkanal entlang wirkt gelegentlich Wunder. Ansonsten hat, wer sich neben den eigenen Gedichten auch der Übersetzung fremdsprachiger, in meinem Fall: englischer Lyrik widmet, immer die Möglichkeit, auf Grundlage eines schon existierenden Gedichts zu arbeiten, also nicht aus dem Nichts heraus schaffen zu müssen.

Löschen oder reparieren – ist ein misslungener Vers zu retten?

Eine Grundtugend beim Schreiben von Gedichten, scheint mir, ist, neben dem Staunen, von dem Mandelstam sprach, die Fähigkeit, sich nicht zu schnell zufrieden zu geben, hartnäckig mit sich selbst ins Gericht zu gehen, weiterzuarbeiten – was tatsächlich mitunter dazu führen kann, daß aus einer unbefriedigenden Zeile noch eine erstaunliche wird, die einen selbst überrascht. Leider aber hilft manchmal auch das nicht. Dann bleibt nur der Papierkorb – oder das Warten auf einen besseren Tag.

Eule oder Lerche – hat die Tageszeit einen Einfluss auf Ihre Kreativität?

Ich liebe sowohl Eule als auch Lerche, vor allem aber die Amsel, die früh am Morgen und kurz vor Sonnenuntergang singt. Um nicht mir ihr konkurrieren zu müssen, fange ich am liebsten kurz nach ihrem Abendlied mit dem Schreiben an und höre lange, bevor sie den neuen Tag begrüßt, damit auf.

Ferien oder Nachtruhe – braucht ein Dichter poesiefreie Zonen? Wenn ja, wo findet er sie?

Ganz im Gegenteil, Räume ohne jegliche Poesie gibt es ja schon genug - und Ferien ohne Gedichte wären eine grauenhafte Vorstellung.


Spiegel oder Supermarkt – fällt die Inspiration vom Himmel oder kann man sie sich aneignen?

Daß ein Einfall unerwartet kommt, liegt in der Natur der Sache, daß man von seinen eigenen Ideen wunderbarerweise und an den verblüffendsten Orten, zu den erstaunlichsten Gelegenheiten überrascht wird, ist jedem bekannt. Insofern ist Inspiration (oder wie auch immer man es nennen möchte) tatsächlich ein Geschenk – dessen man sich allerdings als würdig erweisen muß. Es ist ja keineswegs so, daß ein Gedicht durch Eingebung und urplötzlich in der Welt ist; nein, die Bemühungen ums Gedicht fangen mit dem Geschenk, mit dem Einfall, ja erst an, und nur die Arbeit an und mit der Sprache macht es möglich, daß aus einem Einfall, der noch keinerlei Gestalt hat, ein gelungenes Gedicht wird. Interessanterweise geht diese ganz bewußte und reflektierte Arbeit an der Sprache, ihren Klängen, ihren Paradoxien, ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, oft vollkommen unvermutet wieder über in den Einfall, mit dem nie und nimmer zu rechnen war – so daß man sich das zweite und dritte Geschenk gelegentlich tatsächlich erarbeiten kann.

Fragen: © Judith Arlt