Kerstin Preiwuß erzählt

Kerstin Preiwuß

Wie arbeiten Sie? – künstlerische Methode

Geige oder Kino – Einstein beendete jeden Arbeitstag mit seiner Geige, Donna Tartt geht bereits nach drei Stunden ins Kino – was machen Sie, wenn das Schreiben stockt?

Dichten gerät ständig ins Stocken: die Gedanken sind noch nicht zu Ende gedacht, das Gedicht hat noch nicht seine Gestalt gewonnen, der Gedichtband kennt seine Richtung noch nicht. Dichten benötigt Zeit, in der die unsichtbare Arbeit am Gedicht die Oberhand gewinnt. Wenn es also stockt, hilft es mir, vordergründig etwas anderes zu tun, das vom Dichten ablenkt, das kann Spazieren gehen sein oder Sport, Bewegung ist immer gut. Es ist regelrecht notwendig, dass ich vordergründig etwas anderes tue als zu dichten, damit das Gedicht sich insgeheim weiterentwickelt bis es zu seiner endgültigen Gestalt gefunden hat. Äußere Zwänge wie ein vorgegebener Tagesablauf sind sogar hilfreich, denn ich begehre innerlich dagegen auf, aber so, dass niemand es sieht. Niemand soll daran denken, dass ich dichte. Insgeheim aber denke ich in Gedichten, ich sitze still an meiner Quelle und weiß, niemand sieht mir dabei zu, weil alles danach aussieht als wäre ich mit etwas anderem beschäftigt. Sogar nur zu sagen, dass das Schreiben stockt, führt zu einer Gegenbewegung, zu einem Fortschreiben der Gedichte. So als führte äußere Begrenzung zu innerer Freiheit oder Autarkie.

Wie arbeiten Sie? – persönlicher Stil

Steckdose oder Leidenschaft – wie / womit laden Sie Ihre Gedichte auf?

Meine Gedichte stehen im Verhältnis von innerem Erleben, äußerer Wahrnehmung und Sprachtrieb: ICH will etwas zur Sprache bringen, das kann eine Erfahrung sein oder eine Wahrnehmung, beides ist vorsprachlich. Dann kommt etwas Drittes hinzu, das beides in sich trägt, das ist die Sprache. Sie verändert Erfahrung und Wahrnehmung. Zur beschränkten Erfahrung und der eingeschränkten Wahrnehmung tritt die Möglichkeit, ihnen zu begegnen mit Sprache, sie lassen sich verändern. Innenwelt und Außenwelt können gekreuzt oder kurzgeschlossen werden. Die Sprache ist damit kein Mittler, sondern eröffnet einen Raum, in dem die zwei Welten sich begegnen und verhandelt werden können. Alles lässt sich ändern mit Sprache: Dystopie wird zur Utopie, Stillstand erzeugt Bewegung, Lähmung wird aufgehoben. ICH wird souverän.

Beruf: Dichter

Arbeit oder Geistesblitz – wie viel Zeit beansprucht ein Gedicht?

Ein Gedicht beansprucht sehr viel mehr Zeit als die, es aufzuschreiben: Da ist die Zeit vor dem Gedicht, in der das Bedürfnis danach wächst, eins zu schreiben. Dann die Zeit, die es braucht, es zu finden. Dann die Zeit, die es braucht, eine Sprache dafür zu finden. Dann die, es in Ruhe zu lassen, damit die unsichtbare Arbeit die Oberhand gewinnt, die schließlich die endgültige Gestalt hervorbringt. Dann die der Überarbeitung, in der jede Silbe sichtbar wird. Dann die erneute Überarbeitung, nachdem man bereits gedacht hatte, dass es fertig ist. Dann die Zeit, in der deutlich wird: hier kann nichts mehr geändert werden, das Gedicht ist zu seiner endgültigen Gestalt gelangt. Fällt meist mit der Publikation des Gedichtbandes zusammen. Oder die schmerzliche Erkenntnis nach einiger Zeit, dass das Gedicht nicht standhält, was dazu führt, es wieder aufzugeben.
All das kann dauern oder gleichzeitig geschehen. Selbst wenn es gleichzeitig geschieht, ist es dicht, ein Palimpsest.

Dichtung als Lebensstil

Glück oder Vertrag – macht die freiberufliche Tätigkeit den Dichter zu einem freien Menschen?

Es gibt keine freien Menschen. Das Leben ist bestimmt von Zwängen. Manchmal gelingt es, äußere und innere Zwänge gegeneinander auszuspielen. Als Dichter muss man das ständig versuchen und es gelingt einem nur bedingt. Man richtet sein Leben danach aus, die äußeren Zwänge nur in Bezug darauf zu verstehen, die inneren zu überlisten, damit Dichten möglich wird. Man hintergeht sich ständig, aber das ist gewollt, weil man ja hinten keine Augen hat, aber eine Vorstellung, wie es dort aussehen kann, während man nach vorne sieht. Es ist eine ständige Unruhe im Leben, auch wenn es nach außen hin ruhig und geordnet aussehen mag. Es ist das Wissen, dass es nicht reicht, das nichts perfekt ist, dass das Gleichgewicht nicht ausbalanciert ist, dass immer etwas zuviel und zuwenig stattfindet, fehlt, einen beschränkt und es doch aber eine Sehnsucht gibt. Man kann spüren, wie es wäre, wäre es perfekt. Gedichte schreiben ist eine stete Flucht aus dem Leben ins Gedicht. Und eine Sucht.

Dichtung als Kunst

Boulevardpresse oder Sockel – wo gibt es heute Platz für Gedichte?

Es ist keine Frage des Platzes sondern eine der Aufmerksamkeit. Dichtung findet ständig statt, wird einem aber nur selten bewusst. Wenn man sich selbst beim Sprechen aufmerksam zuhören würde, müsste man bemerken, wie viele Sprachentscheidungen auf ästhetischen Kategorien fußen: es reimt sich mehr im Alltag als man denkt, ob man „mit Mann und Maus“ sagt oder mit „Maus und Mann“, ist ein Unterschied. Aber das wäre viel zu anstrengend, man könnte einander nicht mehr verstehen, weil man nicht mehr sich sondern nur noch der Sprache zuhört. Die Dichter aber machen das: sie nehmen Sprache als Sprache wahr und ernst und führen sie vor und treiben sie voran. Es gibt zwei Zustände, in denen Dichtung im Leben an die erste Stelle rückt: das eine ist in der Kindheit, in den Abzählreimen, Hüpf- und Singspielen, im chaotischen, anarchischen Spiel. Der andere tritt dann ein, wenn die Sprache feiert, im Segen, den Litaneien, der Liturgie. Und es gibt noch eine dritten, wenn die Existenz bedroht ist und man sich von der Sprache Hilfe erhofft, mit Zaubersprüchen und Aberglaubensworten. Gedichte sind die Gebete der Leute, wenn das Flugzeug abstürzt, in dem sie sitzen.

Fragen © Judith Arlt