Krystyna Dąbrowska erzählt

Krystyna Dąbrowska

Anfang und Ende – wo beginnen Sie, Gedichte zu schreiben, wo hören sie auf? In der Badewanne, am Waldrand, auf dem Computerbildschirm?

Ich bin Peripatetiker, ich gehe gern hin und her, und oft entsteht ein Gedicht in meinem Kopf, wenn ich irgendwohin unterwegs bin oder ziellos umherspaziere. Oder wenn ich Rad fahre oder schwimme. Gedichte mögen Bewegung. Aber auch an der Grenze zum Schlaf tauchen sie auf. Und während eines Gesprächs, wenn irgendein Satz, eine von jemandem erzählte Geschichte signalisiert: Das muss ich aufschreiben. Neulich habe ich am Rand einer Warschauer Siedlung in den Baumhöhlen zweier benachbarter Eichen ein Kauz-Pärchen gesehen. Sie haben mir ein Gedicht über sich diktiert.
Ich schreibe mit der Hand, in mehreren Heften. Ein Notizheft habe ich immer bei mir. Erst wenn ich das Gefühl habe, dass ein Gedicht fertig ist, schreibe ich es auf dem Computer ab. Und ich drucke es aus, denn auf einem Blatt Papier sehe ich den Text besser als auf dem Bildschirm. Manchmal mache ich auf dem Ausdruck dann noch Änderungen.

Streichen oder reparieren – kann man eine misslungene Zeile retten?

Häufiger passiert es mir, dass ich misslungene Zeilen streiche, um das  Gedicht als Ganzes zu retten.
Es kommt vor, dass ich ein Gedicht in einem Zug schreibe und nichts mehr ändere. Meistens fange ich aber mit einer Skizze an und gelange über verschiedene Varianten zu der Endversion. Es ist ein bisschen wie bei der Bildhauerei – zuerst gibt es einen vagen, unvollständigen Umriss, der dann mit fortschreitender Arbeit konkretisiert wird. Streichungen und Korrekturen sind ein Teil dieses Prozesses. Obwohl es natürlich manchmal besser ist, einen Text aufzugeben, der aus irgendeinem Grund hinkt, und ihn, statt ihn mit Gewalt zu retten, zu vergessen, sich von ihm zu befreien, um mit frischen Kräften etwas anderes in Angriff zu nehmen.

Eule oder Lerche – hat die Tageszeit einen Einfluss auf Ihre Kreativität?

Am besten schreibe ich am frühen Morgen und abends. Bevor der Tag richtig anfängt, oder wenn er vorbei ist. Morgens, so hat W. C. Williams geschrieben, „ist der Geist rein und brennt“. Später verschlammen ihn alle möglichen Tagesangelegenheiten und Pflichten. Abends dagegen kann man sie von sich abwerfen und kann sich beruhigen. Am schlimmsten sind für mich die Stunden zwischen vierzehn und – sagen wir – siebzehn Uhr: Da sinkt meine Kreativität auf Null, und wenn ich könnte, würde ich diese Zeit am liebsten verschlafen (ich südlichen Ländern hat man klugerweise festgestellt, dass diese Stunden sich nur für eine Siesta eignen).   

Ferien oder Nachtruhe – braucht ein Dichter poesiefreie Zonen? Wenn ja, wo findet er sie?

Ich denke, ein Dichter ist jemand, der immer arbeitet, auch wenn er es gar nicht weiß. Sein Stoff ist schließlich das, was er im Alltag sieht und erlebt, was er liest und hört, Sprache, Phantasie, Träume, Erinnerung. Deshalb kann ich keine poesiefreien Zonen ausmachen. Nicht dass ich ununterbrochen am Schreibtisch sitzen und ein Gedicht nach dem anderen schreiben würde. Meine Zeit wird von vielen anderen Dingen ausgefüllt. Andere Beschäftigungen, zum Beispiel Übersetzungen. Freunde, Familie, Reisen, das Leben eben. Aber diese vielfältigen Sphären des Lebens sind unentbehrlich für die Dichtung, sie sind Inspiration für das Schreiben. Das Schreiben ist für mich keine abgetrennte Enklave – es ist eher eine Art, die Welt zu betrachten, sich zu verschiedenen Erfahrungen zu verhalten.
Eine andere Sache sind Phasen poetischer Dürre oder Ereignisse und Sorgen, die das Schreiben in den Hintergrund drängen. Aber vielleicht ist das auch nötig? Vielleicht sind das notwendige Momente der Distanz, damit man nicht in Routine verfällt, damit die Energievorräte wieder aufgefüllt werden.

Spiegel oder Supermarkt – fällt die Inspiration vom Himmel oder kann man sie sich aneignen?

Inspiration kommt von überall. Sie kann vom Himmel fallen, man kann sie auf dem Gehweg finden. Sie ist in Büchern, in Menschen, in Reisen, in der nächsten Umgebung. Das Rätsel besteht darin, dass manchmal fast alles wichtig und gedichtträchtig erscheint – ein paar mit dem Nachbarn gewechselte Worte, eine Notiz in einem alten Heft, eine Straßenszene – ein andermal dagegen wird die Welt stumm und gibt keine Zeichen mehr. Als wäre etwas ausgeschöpft oder etwas wollte sich nicht öffnen. Dann suche ich und zähle darauf, dass irgendwann eine Tür aufgehen wird. Und wenn sie endlich aufgeht, ist es immer eine Überraschung.   

Übersetzung: Renate Schmidgall

Fragen © Judith Arlt