Christian Lehnert erzählt

Christian Lehnert © Christian Lehnert

Wie arbeiten Sie? – künstlerische Methode

Anfang und Ende – wo fängt ein Gedicht an, wo hört es auf? In der Badewanne, am Waldrand, auf dem Bildschirm?

Der Anfang eines Gedichtes ist mir, schreibend, ebenso entzogen wie der Anfang meines Lebens. Ich kann ihn nicht erinnern und nicht beschreiben. Er ist nicht erinnerbar und doch unvergeßlich, ist er doch zweifellos gegeben mit dem Gedicht. Ein Gedicht beginnt sein Dasein an Orten, von denen ich nichts weiß, außerhalb meines Bewußtseins. Irgendwann zeigt er sich als Klanggestalt oder gar schon als Form, als einzelne Zeile oder Wortgruppe, und ich spüre: Da ist es, und dann beginne ich zu arbeiten. Je länger es mir verborgen wächst, um so stärker ist oft die poetische Energie.  
Ein Gedicht endet auch nicht im eigentlichen Sinn, es wird nur über den Arbeitsgängen und mit der Zeit so fremd, das ich es liegenlasse. 
 

Wie arbeiten Sie? – persönlicher Stil

Alphabet oder Reim – gibt es eine Ordnung der Wörter?

Alle Wörter im Gedicht sind aufeinanderbezogen wie die Töne eines Musikstückes, noch in der Atonalität oder in den härtesten semantischen Fügungen ergibt sich die Kraft aus dem Zusammenhang, sei der Spannung über einen Riß. Darum ist der Reim für mich auch ein wichtiges poetisches Instrument: Er öffnet in einem Wort die Vorstellung von einem kommenden Wort, welches später zurückverweist, so entsteht die deutliche Kehre der Verse. Aber auch ohne Reim liegt das Geheimnis der Sprachmelodie in den Bezügen der Wörter zueinander, in ihren Intervallen. Das ist weniger eine starre Ordnung als ein dauernder Fluß, wobei mir die Techniken des Kontrapunktes oder der musikalischen Verarbeitung für den Vers immer wichtiger werden. 
 

Beruf: Dichter

Materieller Druck oder inneres Bedürfnis – muss der Dichter über jedes Thema schreiben können?

Ich schreibe sehr selten Gedichte über etwas, schon gar nicht über Themen, und mich blockieren Aufträge in aller Regel mit präziser Sicherheit. Im Essay bin ich offen für den Auftrag, das Gedicht aber ist für mich ein notwenig zweckfreier Raum, ein Bezirk, der keinen äußeren Einspruch verträgt – jedenfalls im Stadium der Entstehung. 

Dichtung als Lebensstil

Ferien oder Nachtruhe – braucht der Dichter poesiefreie Zonen? Wenn ja, wo findet er sie? 

Ich meine, es gibt für mich strenggenommen keinen poesiefreien Bereich, da das Gedicht an jedem Ort der Welt aufscheinen kann und weil dieses Erscheinen, ein tröstliches und heilendes Erscheinen, etwas damit zu tun hat, daß ich mich in der Welt überhaupt gegenwärtig fühlen kann. Gerade die Nacht und der Schlaf sind Momente hoher Konzentration, und nicht selten lösen sich Knoten im Traum. Poesiefrei sind lediglich andere Sprachformen, etwa journalistische Arbeiten, die ich schreibe – von ihnen geht für mich die größte Gefahr für das poetische Empfinden aus. 
 

Dichtung als Kunst

Spiegel oder Supermarkt – ist Inspiration ein Geschenk des Himmels oder läßt sie sich erwerben?   

Mit wachsender Erfahrung im Schreiben werde ich sensibler für Umstände, die Inspiration verhindern – aber erzeugen kann ich sie sich nicht. Sie ist dabei allerdings eher in der Weise „Geschenk“, wie die Wirklichkeit geschenkt ist, denn Inspiration ist gar kein so seltenes Gut – es gilt nur wachsam zu sein, in der Haltung offenen Staunens zu leben, ohne zu viel Theorie und Ideologie im Kopf, ohne zu viel Sicherheit im Sprechen und Denken. Dann bemerke ich das Fremde als immerfort gegenwärtig – und mit dem Fremden die Notwendigkeit der Antwort, und die ist oftmals nur im Gedicht zu geben, und das empfinde ich dann wie eine verstörende Berührung, Windhauch, Inspiration ... 



 
Fragen: © Judith Arlt