Marta Podgórnik erzählt

Marta Podgórnik © Fundacja Wisławy Szymborskiej Foto: Maciej Jarzębiński

Arbeitsmethoden


Geige oder Kino – Einstein beschloss jeden Arbeitstag mit Geigenspiel, Donna Tartt setzte sich nach drei Stunden ins Kino. Was machen Sie, wenn Ihnen das Schreiben nicht recht von der Hand geht? 

Ich liebe Musik zwar aufrichtig, dennoch ist mir kein musikalisches Talent beschieden, nicht einmal das kümmerliche Bisschen, das vonnöten wäre, um frei von Scham Karaoke zu singen. Meine Familie hat immer gern gewitzelt, wenn ich singe,  könne man das Lied nur an den Wörtern erkennen. Also – möchte ich hinzufügen – an dem, was am wichtigsten ist. Ins Kino gehe ich viel seltener als mit zwanzig, zum Teil liegt das an meiner Bequemlichkeit, zum Teil am wenig anregenden Repertoire, hauptsächlich jedoch wohl an den popcornig-supermarkthaften Begleitumständen, die mir erfolgreich nicht nur das Kino-, sondern auch jedes andere konsumorientierte Freizeitvergnügen verderben. Donna Tartt fand also nach jeweils drei Stunden Schreiben Zeit für drei Stunden Kino? Das würde die drei Bücher im Laufe von sechzig Lebensjahren erklären... Aber im Ernst: Wir wissen doch gar nicht, wann „das Schreiben nicht recht von der Hand geht“, die Intuition täuscht in dieser Hinsicht meistens. Gute Texte können aus Langeweile oder auch unter Druck entstehen, mit Leichtigkeit auf der Serviette im Café oder in jahrelangen Korrekturen und Streichungen. Da gibt es keine Regeln, und unser Urteil ist häufig falsch. Eigentlich schreibt man die ganze Zeit, das ist keine Arbeit, die man wie eine Weste an den Nagel hängen und danach den Schlüssel im Schloss herumdrehen kann. Wenn ich nicht schreibe oder lese – physisch –, dann koche oder schwimme ich gern; angeblich kann ich eines davon auch ganz gut. 
 

Künstlerischer Stil


Kleber oder Klang – Was hält die Wörter zusammen? 

Ich weiß nicht, ob überhaupt etwas Wörter zusammenhält und wie. Meiner Meinung nach sollten sie frei sein und sich in beliebigen Konfigurationen paaren, ganz wie es dem Leser gefällt. Wenn sie zusammenkleben, muss man sie voneinander lösen. Verbundenes muss man befreien. Und wenn es geht, auf die Melodie hören, nicht auf die Klänge. Eines ist sicher: Alle Wörter sind schön und lohnen die Mühe. Kleber, Nägel, Schnüre oder Zement von Korsetts überlassen wir den Liebhabern von Korsetts. Die Schaffensweise eines Schriftstellers ist so viel wert, wie er über sie hinausgeht – nachdem er sie sich angeeignet und gebändigt hat.  
 

Beruf: Dichter


Heftmappe und Anspitzer – Ist ein (aufgeräumter) Schreibtisch nötig, um ein Gedicht entstehen zu lassen?  

Ein Schriftsteller hat gern einen Schreibtisch, so wie ein Soldat gern ein Maschinengewehr hat; doch ohne Maschinengewehr bleibt der Soldat trotzdem Soldat, und der Schriftsteller ohne Schreibtisch Schriftsteller. Heutzutage wäre eher die Frage angebracht, ob ein Laptop mit schnellem Internet, ein Facebook-Konto und dergleichen nötig sind, um ein Gedicht entstehen zu lassen. Man kann auch mit Lippenstift auf einen Spiegel schreiben. Oder mit Wimperntusche auf Toilettenpapier. Wenn ein Arzt einen Luftröhrenschnitt machen muss, reichen ihm Taschenmesser und Strohhalm. Ein Berufskoch braucht auch keine Küche mit unermesslicher Vorratskammer und kosmischer Ausstattung. In gewisser Hinsicht bin ich oldschool, ich schreibe mit der Hand, mache Unmengen Notizen, Verbesserungen, Nachträge (währenddessen versinkt die Hälfte davon in der Tiefe des papierenen Ozeans) und übertrage alles erst nach einiger Zeit elektronisch; aber auch auf dem Computer herrscht bei mir Chaos. Meine Familie und Freunde sagen immer im Scherz, dass es keinen Schreibtisch gäbe, der groß genug wäre, als dass ich ihn nicht früher oder später mit Blättern, Notizzetteln, Briefen völlig überziehen würde. Sie haben gelernt, damit zu leben, und ich habe einen winzigen Sperrholzschreibtisch mit nur einer Schublade. Aber im Ernst – in der Dichtung wie in der Liebe gilt doch: Es ist egal, wo, wichtig ist was, wie und mit wem. 
 

Dichten als Lebensstil


Pfiffe oder Applaus – Hat der Leser / die Kritik Bedeutung für den Dichter? 

Begleitende Kritik hat eine große Bedeutung, sie ist die Grundebene des Feedbacks. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass wir nicht auf die Meinungsäußerung von Freunden und Bekannten, Lesern, Kritikern, Redakteuren, Verlegern warten würden. Warum wir uns dann nicht auf Textebene davon leiten lassen? Setzen Sie sich doch mal ohne Führerschein in ein Auto, bitten ein paar Zuschauer dazu und fahren mit 200 km/h einen unbekannten Weg, mit verbundenen Augen, nur nach den Anweisungen der Mitfahrer. Es gibt die Zeit des Säens und die Zeit des Erntens, beratende Kritik ist immer gern gesehen, so wie auch der beratende Eimer kalten Wassers oder das ehrliche Lob. Der strengste, oft grausame Kritiker im Duell „Ich gegen Blatt“ ist aber jeder sich selbst. Das Duell „Blatt gegen Welt” hat da weniger Gewicht.  Und was „Pfiffe oder Applaus” betrifft – weder das eine noch das andere zeichnet sich durch besondere Redlichkeit aus; sie stehen einander übrigens häufig etwas zu nahe, wie die Vorder- und Rückseite ein und derselben, unecht hell klingenden Münze. 
 

Dichtung als Kunst 

Boulevardpresse oder Podest – Wo ist heute der Platz der Dichtung?

Um es kurz zu sagen – ich weiß nicht, wo heute der Platz der Dichtung (für die Dichtung) ist, aber ich jedenfalls bin nicht dorthin unterwegs. Ich lege keinen besonderen Wert auf Galas und Bankette, Einladungen auf Kreidepapier (während meine Heimatstadt – eine reiche Akademikerstadt, die Stadt von Różewicz, Kornhauser und Zagajewski – zugleich an der Kultur spart) sowie Fernsehprogramme unter der Leitung von Personen, die sich nicht dadurch beflecken, je auch nur ein Buch gelesen zu haben, aber peinliche Bemühungen anstellen, die Literatur in den Lifestyle-Mainstream zu pushen. Zur Boulevardpresse gehen die Liebhaber von Banketten, aufs Podest drängen die weniger Kultivierten unter den Kulturschaffenden. Ich gehe lieber mit Freunden tanzen als auf Bankette, dem Podest ziehe ich Open-Air-Konzerte vor. Weder hohe Absätze, noch Militärstiefel, noch Turnschuhe – am bequemsten sind für mich die Schuhe, die zu mir gehören. Das Nischendasein der Literatur stört mich nicht, sondern freut mich sogar – unter der Bedingung, dass es nicht zum Vehikel wird, einen neuen Trend für die pop-gesättigten Konsumenten zu kreieren.