Tomasz Różycki erzählt

Tomasz Różycki

Wie arbeiten Sie? – künstlerische Methode

Geige oder Kino – Einstein beendete jeden Arbeitstag mit seiner Geige, Donna Tartt geht bereits nach drei Stunden ins Kino – was machen Sie, wenn das Schreiben stockt?

Meistens gehe ich spazieren oder laufe durch die Wohnung. Ich treffe mich mit Freunden. Höre Musik. Verreise.

Wie arbeiten Sie? – persönlicher Stil


Klebstoff oder Lautmalerei – was hält die Wörter zusammen?

Wenn ich schreibe, wiederhole ich im Kopf sehr oft den ersten Vers, den ersten Satz – er enthält das klangliche Muster der folgenden Verse, ihm füge ich weitere hinzu. Die Melodie lockt die Worte aus dem Äther hervor.

Löschen oder reparieren – ist ein misslungener Vers zu retten?

Man kann immer versuchen, etwas zu retten, aber am besten ist es, man lässt den Text eine Zeitlang liegen und fängt unter einem anderen Stern von neuem an.

Beruf: Dichter

Zettelkasten und Bleistiftspitzer – verlangt ein Gedicht einen (aufgeräumten) Schreibtisch?

Man kann ein Gedicht im Kopf entwerfen und abspeichern, man kann es auf ein Blatt Papier notieren oder ins Handy oder den Computer tippen. Bei mir beginnt es meistens mit Stift und Notizbuch, ich schreibe keine Gedichte am Computer. Ich mag Moleskine-Notizbücher und habe fast immer eins bei mir.

Materieller Druck oder inneres Bedürfnis – muss der Dichter über jedes Thema schreiben können?

Jeder Schriftsteller ist anders, es gibt auch zynische Typen. Wie in allem menschlichen Tun geht es darum, die Würde zu wahren, ehrlich zu sein und sich beim Schreiben möglichst von guten Gefühlen leiten zu lassen, nicht von schlechten.

Dichtung als Lebensstil

Glück oder Vertrag – macht die freiberufliche Tätigkeit den Dichter zu einem freien Menschen?

Das Schreiben macht den Dichter zu einem freien Menschen. So sollte es wenigstens sein. Wenn nicht das Schreiben, dann auch nichts anderes, kein Beruf, kein Geld, kein Ruhm.

Pfiffe oder Beifall – spielt der Leser / die Kritik eine Rolle im Leben des Dichters?

Ja. Ohne Leser gäbe es keine Literatur. Sie vollendet sich erst in der Lektüre. Deshalb ist das Schreiben immer an jemanden gerichtet. Allerdings ist das echte Schreiben – wie alle echte Kunst – ein Sprung ins Unbekannte, in die Tiefe, ein Risiko mit vollem Einsatz. Der Kritiker hingegen hat den Sprung nie gewagt, er steht am Rand und bewundert den Springer. Oder auch nicht.

Dichtung als Kunst

(Be-)rechnen oder (ver-)dichten – was hat ein Gedicht mit Mathematik zu tun?

Mehr als man normalerweise denkt. Ein Gedicht ist eine Handlung mit einer Unbekannten.

Boulevardpresse oder Sockel – wo gibt es heute Platz für Gedichte?

Vermutlich dort, wo es ihn immer schon gab – in Liedern, Kommentaren, Witzen, Träumen. Das Lesen gedruckter Lyrik ist allerdings nur etwas für wenige, für eine halb geheime Gesellschaft oder Loge von Eingeweihten.

Übersetzung: Bernhard Hartmann
Fragen: © Judith Arlt