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Berlin am 30. Jahrestag des Mauerfalls
Die Mauer sollte ewig stehen, dann war sie plötzlich weg

Anetha vor dem Checkpoint Charlie
Anetha vor dem Checkpoint Charlie | Foto (Zuschnitt): Paweł Starzec

Ein Abstand von dreißig Jahren ist aus historischer Perspektive keine ganz einfache Zäsur. Einen Tag vor dem dreißigsten Jubiläum des Mauerfalls ist Paweł Starzec nach Berlin gefahren, um nachzufragen, wie die Ereignisse jener Nacht im Gedächtnis der Menschen fortleben.

Von Paweł Starzec

Ein Abstand von dreißig Jahren ist aus historischer Perspektive keine ganz einfache Zäsur – kurz genug, um sich noch an jene Zeit zu erinnern, aber lang genug, dass die Musik und die Mode jener Zeit bereits als Retro gelten. Fotografien von vor dreißig Jahren begegnet man eher in Familienalben als in Geschichtsbüchern. In diesem Jahr feiern die friedlichen Revolutionen in Osteuropa ihr dreißigjähriges Jubiläum – Ereignisse, an die sich zwar viele Menschen noch gut erinnern, die sich jedoch zunehmend nur noch mit wenigen symbolischen Momenten verbinden. Als ich vor einigen Monaten an einer internationalen Konferenz zu diesem Thema teilnahm, untersuchte ich, welche Bilder auf den unterschiedlichen Wikipedia-Sprachseiten zur Illustration der politischen Ereignisse im Herbst 1989 verwendet werden. Die beiden am häufigsten verwendeten Fotografien zeigen die an und auf der Berliner Mauer stehenden Menschenmengen in der Nähe des Brandenburger Tores. Die bekannteste, auf 19 Sprachseiten verwendete Fotografie ist auf den 9.11.1989 datiert, was den komplizierten Charakter der Erinnerung an die neuere Geschichte ziemlich gut illustriert: Die ganz offensichtlich bei Tageslicht aufgenommene Fotografie kann gar nicht am 9.11. entstanden sein, da die Pressekonferenz, die den Fall der Berliner Mauer auslöste, erst am Abend jenes Tages stattfand. Ich bin einen Tag vor dem dreißigsten Jubiläum des Mauerfalls nach Berlin gefahren, um nachzufragen, wie die Ereignisse jener Nacht im Gedächtnis der Menschen fortleben. Ich will im Trubel der mehr oder weniger offiziellen Feierlichkeiten nach Menschen suchen, die den Mauerfall selbst miterlebt haben.
 
 Menschen, die sich den auf das Berliner Schloss projizierten Palast der Republik ansehen Menschen, die sich den auf das Berliner Schloss projizierten Palast der Republik ansehen | Foto: Paweł Starzec Was in jener Nacht geschah, ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, welch weitreichende Folgen kleine Fehler am Arbeitsplatz haben können. Im Herbst 1989 war die Lage in der DDR so gespannt, dass Erich Honecker nach achtzehnjähriger Amtszeit von seinem Amt als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED zurücktrat. Zu seinem Nachfolger wurde der jüngere, aber ähnlich unbeliebte Egon Krenz ernannt. Krenz versprach zwar demokratische Reformen, dennoch verbanden die meisten DDR-Bürger den neuen SED-Generalsekretär eher mit seiner offiziellen Danksagung an die chinesischen Machthaber für die Niederschlagung der Studentenproteste am Tiananmen-Platz. Das Amt des Sekretärs für Informationswesen nahm der etwas beliebtere Günter Schabowski ein, der nach Egon Krenz als zweitwichtigster Mann in der SED galt. Trotz seiner Position war Schabowski nicht an den Beratungen des Politbüros zur Lösung des Problems der Grenze zur Tschechoslowakei beteiligt. Im Sommer dieses Jahres waren Hunderte von DDR-Bürgern über diese Grenze geflüchtet, um in der westdeutschen Botschaft in Prag um Asyl zu bitten. Als Antwort auf die Spannungen an der Grenze hatte Krenz versprochen, die Reisebeschränkungen für DDR-Bürger zu lockern. Als Schabowski wenige Momente vor der abendlichen Pressekonferenz am 9.11.1989 einen neuen Entwurf des Reisegesetzes in die Hand gedrückt bekam, teilte ihm niemand mit, wann das neue Gesetz genau in Kraft treten sollte. Von da an entwickelte das Ganze eine Eigendynamik: Auf die Nachfrage eines Journalisten, wann die neue Regelung denn in Kraft treten sollte, antworte Schabowski, seiner Kenntnis nach „sofort, unverzüglich.“ Westdeutsche Rundfunk- und Fernsehsender verbreiteten sogleich diese Meldung, und da diese auch in großen Teilen der DDR empfangen wurden, zogen schon bald darauf mehrere Tausend DDR-Bürger zu den Grenzübergängen. Keiner der Grenzposten wollte der Erste sein, der den Befehl erteilte, in die heranstürmende Menge zu schießen. Dann brachen alle Dämme. Die weiteren Bilder kennen wir: Junge Menschen in zu großen Jacken, die Stücke aus der Berliner Mauer schlagen. Die langen Schlangen von Trabanten an den Grenzübergängen. Die spontanen Feiern in den Straßen.

Eine Festivalwoche

Maria Maria | Foto: Paweł Starzec Einen Tag vor dem dreißigsten Jubiläum jener legendären Pressekonferenz begrüßt mich Berlin mit kaltem Wind und einem Plakat für die Festivalwoche unter dem Motto #mauerfall30. Das Programm besteht aus temporären Ausstellungen und künstlerischen Interventionen, Videoprojektionen und einem Mauerfall-Konzert am Brandenburger Tor. Mein erster Besuch gilt jedoch der Bornholmer Straße, wo vor dreißig Jahren der Grenzübergang an der Bösebrücke als erster Grenzübergang der DDR die Schranken öffnete. Heute findet man hier, wie fast überall entlang des ehemaligen Todesstreifens, kaum noch Spuren der einstigen innerdeutschen Grenze. An die Ereignisse vor dreißig Jahren erinnern nur eine Gedenktafel und ein Schaukasten mit Fotografien. Diese Situation wiederholt sich übrigens nicht nur an den vielen ehemaligen Grenzübergängen zwischen West- und Ost-Berlin, sondern entlang der gesamten einstigen Grenze. Als ich im Sommer dieses Jahres versuchte, die Spuren der deutschen Teilung zu dokumentieren, musste ich zum Teil sehr genau nach physischen Überresten der ehemaligen Grenzbefestigungen suchen, denn diese sind im Verlauf der vergangenen dreißig Jahre – sofern sie nicht in einen der zahlreichen Gedenkorte umgewandelt wurden – komplett aus dem Stadtbild verschwunden. Am Abend begebe ich mich an einen Ort, der bereits mehr als einmal von der Geschichte umgepflügt wurde: Auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Stadtschlosses wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Palast der Republik als Zentrum des politischen Lebens der DDR errichtet – nur um nach der Wiedervereinigung wieder abgerissen und durch einen Nachbau des Berliner Schlosses ersetzt zu werden. Im Rahmen des Festivals zum dreißigjährigen Jubiläum des Mauerfalls ist an seiner Fassade eine großflächige 3D-Videoprojektion zu sehen, die die Ereignisse des Jahres 1989 nacherzählt, darunter auch eine die ganze Fassade ausfüllende virtuelle Replik des ehemaligen Palasts der Republik. Ich fotografiere einige Menschen, die sich den auf das künstliche Schloss projizierten künstlichen Palast der Republik ansehen. Maria spricht mich an, und ich frage sie, wie sie sich an die Ereignisse vor dreißig Jahren erinnert. „Wenn mich jemand fragt, ob ich aus Ost- oder Westdeutschland komme, sage ich immer, ich komme aus Süddeutschland. Aber mein Mann und ich haben im Westen gelebt. In jener Nacht war ich früh zu Bett gegangen, mein Mann war auf einer politischen Versammlung. Als er nach Hause kam, rief er noch in der Tür stehend, ob ich gehört habe, dass die Mauer gefallen sei. Es ist mir peinlich, das zuzugeben, aber im ersten Moment fragte ich ihn, was sie denn auf dieser Versammlung getrunken hätten, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass das stimmte. Am nächsten Tag kam ein Schüler aus meiner Klasse zu spät zum Unterricht, und es stellte sich heraus, dass er die ganze Nacht auf der Mauer gestanden hatte. Unser Rektor gab schließlich den meisten älteren Schülern und den Lehrern frei, damit sie zum Brandenburger Tor gehen konnten.“

Der Tag des Mauerfall-Jubiläums beginnt mit leichtem Nieselregen. Als ich am Alexanderplatz ankomme, regnet es schon kräftiger. Ich frage Sascha und Benjamin nach ihren Erinnerungen. Sascha: „Der größte Erfolg war die Tatsache, dass sich vor unseren Augen eine Revolution abspielte – und die Art und Weise, in der sich diese Revolution abspielte. Ein Jahr später zog ich zum Studieren nach Berlin. Ich mietete mir eine Wohnung im ehemaligen Ost-Berlin und konnte in den folgenden Jahren selbst beobachten, wie die Gegend sich allmählich veränderte. Anfangs waren die Unterschiede sehr deutlich, später wurden sie immer subtiler.“ Auf der anderen Seite des Alexanderplatzes begegne ich Karl, der mich nach dem Weg fragt, und der mir, als ich ihn frage, wie er die Ereignisse jener Nacht erlebt hat, antwortet: „Wie wohl die meisten Leute, denen Sie heute begegnen: Ich habe alles nur im Fernsehen gesehen. Der größte Erfolg der Wende? Dass wir da sind, wo wir heute sind, in einem gemeinsamen Berlin. Dass ich Sie nach dem Weg fragen kann und dass Sie ihn mir zeigen können, obwohl ich nicht davon ausgehen kann, dass Sie hier geboren sind. Wir alle leben in Berlin unter einem Dach.“ Als der Regen ein wenig nachlässt, nutze ich die Gelegenheit, um noch schnell ein paar Orte zu besuchen, die sich mit der ehemaligen Grenze oder der ostdeutschen Vergangenheit verbinden. Anetha, eine schwedische Touristin, die gerade versucht hat, ein Selfie vor dem Checkpoint Charlie aufzunehmen, lässt sich gerne von mir fotografieren. „Es ist reiner Zufall, dass ich gerade heute in Berlin bin, ich wollte schon lange mal hierher kommen. Aber ich habe einige thematische Stadtführungen mitgemacht, und ich muss sagen, dass mich das Tempo der deutschen Wiedervereinigung sehr beeindruckt.“

 
  • Sasha und Benjamin Foto: Paweł Starzec
    Sasha und Benjamin
  • Karl Foto: Paweł Starzec
    Karl

Ein Abend am Brandenburger Tor

Auf dem Weg zum Konzert am Brandenburger Tor gehe ich noch kurz in die Kirche. Woran erinnert man sich hier? „An vor Glück weinende Menschen. An wiedervereinte Familien. An die vielen Trabanten, die Tag für Tag durch meinen Ort fuhren.“ Alessandro arbeitet hier, er verkauft Lampions. „An die Wiedervereinigung kann ich mich nicht erinnern, dazu bin ich zu jung. Aber ich weiß noch, wie sich dieses Ereignis auf meine Familie auswirkte, denn mein Vater und ich arbeiteten im Zirkus. Die Mauer war noch gar nicht richtig offen, da fuhren wir schon in den Osten, weil die Menschen uns dort noch nicht gesehen hatten. Heute kann man die ehemalige Grenze nur noch im Fernsehen sehen.“ Das Gedränge wird dichter, je näher ich dem Brandenburger Tor komme. Mein Blick fällt auf eine Styropor-Nachbildung der Mauer mit einem Durchbruch in Form eines Herzens, vor der man sich fotografieren lassen kann. Hwira bemerkt meinen Blick und bittet mich, ein Foto von ihm zu machen. „Ich bin nur zufällig ein paar Tage auf Geschäftsreise in Berlin. Die Energie hier ist unglaublich, aber es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass Deutschland, als ich geboren wurde, noch ein geteiltes Land war. Ich bin älter als das wiedervereinigte Deutschland, das klingt schrecklich abstrakt.“ Als ich mich dem Eingang zum Konzert nähere, bemerke ich, dass immer mehr Menschen von dort wieder zurückkehren. Der Eingang, der sich aus einer Laune der Geschichte heraus fast genau dort befindet, wo einst die Mauer stand, wurde aus Sicherheitsgründen geschlossen. Ich versuche, an der Absperrung entlang zum nächsten Eingang zu gelangen. Der Tiergarten ist voller dunkler Wege, auf denen man sich leicht verirren kann. Silvia ist aus London nach Berlin gekommen, um hier ihren Geburtstag zu feiern. „Ich kann mich noch an die Nachrichten über die Proteste und den Fall der Mauer erinnern, als wäre es gestern gewesen. Wir sind zum ersten Mal in Berlin, wir sind extra zum Jahrestag des Mauerfalls hierherkommen, um zu sehen, wie sich diese Stadt in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert hat. Kannst du uns mit dem Stadtplan helfen?“
 
  • Eine Straßenkirche am Brandenburger Tor Foto: Paweł Starzec
    Eine Straßenkirche am Brandenburger Tor
  • Alessandro Foto: Paweł Starzec
    Alessandro
  • Hwira Foto: Paweł Starzec
    Hwira
  • Unweit vom Brandenburger Tor, Feierlichkeiten zu 30 Jahren Mauerfall Foto: Paweł Starzec
    Unweit vom Brandenburger Tor, Feierlichkeiten zu 30 Jahren Mauerfall
  • Silvia mit ihrer Karte Foto: Paweł Starzec
    Silvia mit ihrer Karte

Schließlich stehen wir vor einem weiteren verschlossenen Tor. Ein Streifenwagen verkündet über Megaphon, dass dieser Eingang ebenfalls geschlossen wurde und dass wir es beim nächsten versuchen sollten. Trotzdem hört man in der Menge nur fröhliche Kommentare zur Absurdität der erneuten Konfrontation mit Zäunen und Mauern. Jemand ruft: „Die Mauer muss weg.“ Allgemeines Gelächter. Leo und seine Freundin geben den Versuch auf und machen sich auf den Rückweg. „Den Fall der Mauer kennen wir nur aus den Erzählungen unserer Eltern, wir sind noch zu jung, um uns daran zu erinnern. Die Mauer existiert immer noch in den Köpfen, auch wenn sie de facto verschwunden ist. Auch diese Mauer müssen wir einreißen, so wie die aus Beton vor dreißig Jahren.“ Ich reihe mich in den Strom der Menschen ein, die den Versuch aufgegeben haben, heute Abend noch zum Brandenburger Tor zu gelangen. Die Fahrer der Fahrradrikschas warten bereits auf die erschöpften Passanten. „Ob du es mir glaubst oder nicht, ich habe die Mauer von meinem Fenster aus gesehen. Ich lebte damals im Osten. Ich hatte meine Eltern nie gefragt, warum die Mauer da stand – für mich stand sie schon immer da und würde für alle Zeiten da stehen. Erst als die Mauer plötzlich fiel, wurde mir bewusst, dass ich mir nie Gedanken über ihre Funktion gemacht hatte. Woran ich mich bei meinem ersten Besuch im Westen erinnere? Dass ich mich schlecht angezogen fühlte.“

 
  • Leo und seine Freundin Foto: Paweł Starzec
    Leo und seine Freundin
  • Fahrradrikscha Foto: Paweł Starzec
    Fahrradrikscha

In Techno Clubs und an der Agentenbrücke

Auch in den Techno Clubs, für die das wiedervereinte Berlin berühmt wurde, wird in dieser Nacht der Jahrestag des Mauerfalls gefeiert: etliche Clubs haben sich unter dem Motto „European Club Night“ den Feierlichkeiten angeschlossen. In einem von ihnen begegne ich Annika. Leider darf ich sie nicht fotografieren, weil dies in den meisten Berliner Clubs streng verboten ist. Sie fragt mich nach meiner Arbeit, und was die Menschen mir alles erzählt haben. „Das ist kompliziert, weißt du. Denn ich war zwar noch zu jung, um selbst auf der Mauer zu stehen, aber ich habe beobachtet, wie sich der Fall der Mauer auf das Leben meiner Eltern auswirkte. Ich komme aus einer Stadt im Osten Deutschlands. Mein Vater fuhr damals gleich nach Berlin, um beim Fall der Mauer dabei zu sein. Wenig später gab es schon nichts mehr, zu dem er zurückkehren konnte, denn die Firma, in der er gearbeitet hatte, war geschlossen worden. Seine Niedergeschlagenheit hing wie eine dunkle Wolke über unserer Familie. Wir freuten uns zwar über unsere Freiheit, doch wir lernten schon bald, was der Preis für diese Freiheit war, als alles um uns herum den Bach runterging. In dem ganzen Gerede über die Wiedervereinigung fehlen die Stimmen all jener, die diese Freiheit mit dem Verlust ihrer Arbeit bezahlten. Meine Heimatstadt ist heute wie ausgestorben.“

Ich beschließe, den letzten Abend an der Glienicker Brücke zu verbringen, der sogenannten „Agentenbrücke“. Erst nach Sonnenuntergang erreiche ich die kleine Gedenkveranstaltung. Wenige Minuten vor achtzehn Uhr wird in der Mitte der Brücke ein rotes Band gespannt, dass die einstige Grenze symbolisieren soll, und anschließend zu den Klängen der Ode an die Freude wieder entfernt. Ich versuche trotz des Gedränges, ein paar Bilder von der Veranstaltung zu machen. Als die Menge sich langsam wieder auflöst, frage ich John, wie er sich an die Öffnung der Grenze erinnert. „Die Proteste gingen immer weiter. Irgendwann musste die Mauer fallen, doch lange Zeit tat sich nichts, bis schließlich alles ganz schnell ging. Ich habe den Fall der Mauer damals im Fernsehen erlebt. Am nächsten Morgen stieg ich in mein Auto und fuhr los, um nachzusehen, ob die Grenze auch wirklich offen war. Ich passierte den Grenzübergang Drewitz und fuhr nach West-Berlin. Plötzlich wurde mir klar, dass ich gar nicht wusste, wo ich hinfahren sollte, denn ich hatte keinen Stadtplan oder etwas Ähnliches dabei. Die einzige Adresse, an die ich mich erinnerte, war der Kurfürstendamm, also fuhr ich dorthin, um mit eigenen Augen zu sehen, wie es dort aussah.“
 
  • Die Veranstaltung an der Glienicker Brücke Foto: Paweł Starzec
    Die Veranstaltung an der Glienicker Brücke
  • John Foto: Paweł Starzec
    John

Ich habe meinen Protagonisten gefunden

Sanitäter, die die Veranstaltung an der Glienicker Brücke betreuen Sanitäter, die die Veranstaltung an der Glienicker Brücke betreuen | Foto: Paweł Starzec Ich ziehe eine kurze Bilanz der letzten Tage. Ich habe Interviews, ich habe Fotos von einer Styropor-Mauer, von Menschen, die über Absperrungen klettern oder sich ein Hologramm des einstigen Herzens der DDR ansehen. Also sicherlich genug Material für eine tief gehende soziologische Betrachtung über Simulationen und Schnappschüsse der Geschichte. Aber ich habe noch immer nicht das, wofür ich gekommen bin. Ich mache noch ein paar Interviews, doch allmählich finde ich mich damit ab, dass die meisten Menschen, denen ich hier begegne, die Mauer nur noch aus Erzählungen kennen. Ich will schon meine Sachen zusammenpacken, als mich plötzlich einer der Sanitäter anspricht, die die Gedenkveranstaltung an der Glienicker Brücke betreuen. „Ich habe gehört, du suchst nach Geschichten von vor dreißig Jahren. Ich glaube, ich habe etwas für dich. Ich und Hanno waren beide an diesem Ort, genau auf dieser Brücke, genau vor dreißig Jahren, als die Grenze geöffnet wurde. Wir standen auf den beiden Seiten der Brücke und waren als Sanitäter im Einsatz, ich im Westen und Hanno im Osten.“ Ich weiß nicht, wie viel Zufall, wie viel Schicksal und wie viel Statistik hier am Werk ist, aber endlich habe ich meinen Protagonisten gefunden. Wir geben einander die Hand. „Ein Einsatz wie jeder andere, nur gut, dass weder heute noch vor dreißig Jahren jemand ernsthaft verletzt wurde. Heute sind wir zu zweit hier im Einsatz, wir arbeiten immer noch für das Rote Kreuz, nur dass es heute ein gemeinsames Rotes Kreuz ist und nicht mehr zwei voneinander getrennte. So wie ganz Deutschland.“

   

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