Deutschland heute – Reportagen Du hast Kinder, denk darüber nach

Das Café Kiezkind in Prenzlauer Berg
Das Café Kiezkind in Prenzlauer Berg | Quelle: Flickr © Thomas Angermann

Als sie klein waren, hieß es „Kinder müssen funktionieren“, wobei „funktionieren“ bedeutete, nicht zu quengeln und keine Zweifel zu äußern. Heute, da sie selbst Eltern sind, legen sie Wert darauf, ihren Kindern zuzuhören und ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Agnieszka Wójcińska von der Reportergruppe Rekolektyw hat sich umgehört, wie Eltern in Deutschland heutzutage ihre Kinder erziehen.
 

Im November ist der Berliner Helmholtzplatz an Samstagnachmittagen nahezu menschenleer. Zwei Paare gehen mit ihren Kindern in Richtung Spielplatz, eine Mutter mit Babytrage ist auf dem Weg zum hiesigen Café. In den Sommermonaten ist hier an den Wochenenden wesentlich mehr los: Samstags gibt es einen Wochenmarkt mit regionalen Lebensmitteln und anderen gesunden Produkten und sonntags einen Kinderflohmarkt. Ohne das Grün der Blätter wirkt der Platz jetzt grau und trist. Nur das elegante Spalier der vierstöckigen Wohnhäuser – mit ihren im Schachbrettmuster gefliesten Treppenhäusern und ihren Gegensprechanlagen mit Messingtafeln – bietet das gewohnte Bild.
 
Dafür ist es im Kiezkind, einem Café für Kinder und Eltern, das sich mitten auf dem Platz befindet, umso voller. Das Kiezkind ist ein wahres Paradies für Familien, es gibt reichlich Bücher und Spielzeug und als besondere Attraktion sogar einen beheizten Innen-Sandkasten. Vor dem Eingang stehen bunte Bobby-Cars. Die alkoholfreie Getränkekarte enthält neben Kaffee und Tee auch Kakao, Milch mit Honig und „Baby-Latte“, ein spezielles Angebot für Kinder, das in manchen deutschen und amerikanischen Cafés auch als „Babyccino“ bezeichnet wird: ein Becher mit aufgeschäumter warmer Milch, der längst zum Erkennungszeichen moderner Mütter beim Cafébesuch mit Kindern geworden ist.
 
Der Helmholtzplatz ist das Herz des Prenzlauer Bergs, und das Kiezkind ist seine Essenz. Seit ungefähr zehn Jahren gilt dieser Teil Berlins in und außerhalb Deutschland als eine Art Familienmekka. Gegen Ende der Neunzigerjahre hatte man mit der Modernisierung der alten, heruntergekommen, oft noch mit Kohleöfen geheizten Wohnhäuser begonnen. Der Prenzlauer Berg, der bis dahin von einfachen Leuten, Oppositionellen und Punkern bewohnt worden war, wurde zunehmend gentrifiziert. Die Bewohner der kommunalen Wohnungen wurden in Wohnblöcke umgesiedelt, und die modernisierten Wohnungen fanden neue Mieter: Angehörige der Mittelschicht, Zugezogene, Freiberufler, Akademiker und Künstler, die irgendwann Kinder bekamen. Heute schätzt man, dass die Bevölkerung von Prenzlauer Berg zu 80 Prozent aus Familien mit Kindern besteht. Die Infrastruktur folgte dieser Entwicklung: verkehrsberuhigte Straßen, eine Vielzahl von kleinen Geschäften mit Naturtextilien, Bioläden und Spielplätzen mit familienfreundlichen Cafés wie dem Kiezkind. Auf den Straßen wimmelt es geradezu von Fahrrädern mit Kinderanhängern.
Die hiesigen Eltern gelten als besonders engagiert, als Menschen, die ihre Elternrolle sehr ernst nehmen, bisweilen etwas zu ernst. So sehr, dass sie sogar zum Gegenstand eines satirischen Comics [1] und des kritischen Buchs Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter [2] wurden. Aus diesem Grund beginne ich meine Suche nach den neuesten Trends im deutschen Elternsein eben hier in Prenzlauer Berg. 

Trend 1: Bewusste Elternschaft

Der etwas über dreißigjährige Felix sitzt an einem Ecktisch im Kiezkind, trinkt seinen Caffè Latte und liest aufmerksam etwas auf seinem Smartphone. Von Zeit zu Zeit blickt er zu seiner viereinhalbjährigen Tochter Polina, die sich im Sandkasten des Cafés vergnügt. Felix' Familie ist ziemlich typisch für diese Gegend, auch wenn sie nicht mehr in Prenzlauer Berg wohnen, sondern im nahegelegenen Gesundbrunnen, und nur hierhergekommen sind, um ihren Lieblingsladen mit Kinderbekleidung zu besuchen. Felix arbeitet in der Verwaltung, seine Frau Veronica produziert Animationsfilme. Als sie Eltern wurden, war er 34 und sie 29. Es ist in Prenzlauer Berg nichts Ungewöhnliches, erst mit 30 oder sogar erst mit 40  Kinder zu bekommen, eine Entwicklung, die übrigens auch dem bundesweiten Trend entspricht: Im Durchschnitt bekommen deutsche Frauen ihr erstes Kind mit 29,5 Jahren. Hinsichtlich der Zahl der Kinder (viele Familien haben hier zwei oder drei)  überflügelt der Prenzlauer Berg jedoch die bundesweiten Statistiken: 2015 betrug die Geburtenrate in Deutschland 1,5 Kinder pro Frau, was zwar deutlich unter dem EU-Durchschnitt lag, jedoch immerhin der höchste Wert seit der Wiedervereinigung war. [3]

Auf seinem Smartphone hat Felix ein Buch von Jesper Juul geöffnet, einem unter modernen Berliner Eltern äußerst populären dänischen Kinderpsychologen, der die „Gleichwürdigkeit“ zwischen Eltern und Kindern betont. Felix sucht in den Büchern von Jesper Juul nach Antworten auf die vielen Fragen, die er und seine Frau sich tagtäglich zum Thema Kindererziehung stellen. Was für Fragen das seien? Zum Beispiel, was Polina in einem bestimmten Alter wissen und selbständig können sollte. Ob sie ihr nicht zu viele Pflichten aufbürden. Ob es normal ist, wenn sie wütend wird. Wie oft diese Wutausbrüche vorkommen und wie lange sie anhalten sollten.

Felix ist der Überzeugung, dass Eltern die Pflicht haben, ihre Elternrolle zu reflektieren. Das sei ein großer Unterschied im Vergleich zu seiner eigenen Erziehung.
 
„Meine Mutter hat sich keine großen Gedanken über die Beziehung zwischen Eltern und Kindern oder über alternative Bildungswege gemacht“, erzählt mir Sonja Volkmann. „Als Mutter eines Sohnes in Prenzlauer Berg mache ich mir über alles Gedanken, was mit meinem Sohn zu tun hat, und habe ständig Angst, etwas falsch zu machen. Ich weiß noch, wie ich mit Müttern aus der Nachbarschaft darüber diskutiert habe, ob man Kindern Karotten oder Pastinaken als erstes Gemüse geben sollte. Als ich ihnen erzählte, dass ich mich für Karotten entschieden hatte, sagten sie: »Na, ich weiß nicht, ich habe neulich einen Artikel gelesen, in dem davon abgeraten wurde«. Diese vollständige Professionalisierung: Du musst wie im Beruf ständig auf dem Laufenden sein, die neuesten Studien kennen und wissen, was dein Kinderarzt dazu sagt. Oder auch diese ganze Philosophie, Kindern nicht die Flasche zu geben, sondern sie so lange wie möglich zu stillen. Ich habe Ole die Flasche gegeben, als er ein halbes Jahr alt war, weil ich Antibiotika nehmen musste, aber ich habe mir die ganze Zeit Milch abgesaugt, damit ich ihn hinterher wieder stillen konnte. Und ich hatte schreckliche Angst, dass es nicht funktionieren könnte.“
 
Sonja ist Journalistin, ihr Mann IT-Spezialist. Ihr Sohn, der neunjährige Ole, ist gerade auf einem Kindergeburtstag. In Prenzlauer Berg leben sie seit zehn Jahren. Wir sitzen in ihrem geräumigen, mit der Küche verbundenen Wohnzimmer (weiße Wände, breite Dielen und hohe Fenster), und Sonja erzählt, dass Diskussionen wie die über Karotten oder Pastinaken keine Seltenheit waren.
 
„Wir sind spät Eltern geworden, unser Kind ist für uns eine Art Projekt. Das war eine sehr bewusste, bedeutsame Entscheidung: Ja oder nein, jetzt oder später, eines oder zwei. Das ist nichts, was einfach so passiert. Du fühlst dich ständig unter Druck, ob du deine Kinder auch wirklich richtig erziehst und ausreichend förderst“, erzählt sie. „Als ich nach den Büchern von Jesper Juul zum Ausgleich die Bücher des deutschen Psychologen Michael Winterhoff las, der schreibt, dass man Kindern Grenzen setzen muss, fühlte ich mich geradezu schuldig. Schließlich will ich vor allem, dass mein Kind glücklich ist.“ 

Trend 2: Kinder haben eigene Bedürfnisse und entdecken ihre Individualität

Sonja erzählt begeistert davon, dass Ole in einen Kindergarten geht, in dem es anfangs kein Spielzeug gab, sondern nur einen großen Raum mit Kissen. Dadurch sollten die Kinder ihre eigene Kreativität entwickeln. Einige Wochen später wurden die Kinder selbst gefragt, welche Spielzeuge sie gerne hätten. Gewünscht wurden vor allem einfache Bauklötze aus Holz.
 
Als ich Felix frage, was für ihn das Wichtigste bei der Erziehung sei, denkt er lange nach, dann sagt er, dass er seiner Tochter vor allem die Möglichkeit geben wolle, ihre Individualität zu entdecken und ihre eigenen Interessen zu entwickeln.

„Die Philosophie meiner Eltern bestand darin, ihr eigenes Leben zu leben – wir Kinder sollten uns anpassen, niemand hat uns nach unseren Bedürfnissen oder Wünschen gefragt“, sagt Felix. „Heute legen Eltern großen Wert darauf, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen.“
 
„In den Achtzigerjahren, als ich klein war, herrschte die Überzeugung vor, man müsse aus seinem Kind vor allem einen guten Menschen machen“, erzählt Nina Mueller. „Emotionen wie Wut oder Widerwille waren nicht gerne gesehen. Es hieß »Kinder müssen funktionieren«, wobei »funktionieren« bedeutete, nicht zu quengeln und keine Zweifel zu äußern.“

Marcin Piekoszewski, Ninas Ehemann, fügt hinzu: „Was sich im Grunde nicht groß von dem polnischen Erziehungsmodell jener Jahre unterscheidet, ganz nach dem Motto »Benimm dich ordentlich« und »Setz dich gerade hin«.“
 
Nina und Marcin sind ein Beweis dafür, dass nicht nur Eltern in Prenzlauer Berg nach neuen Wegen in der Erziehung suchen. Die beiden leben in Neukölln, wo sie die deutsch-polnische Buchhandlung „Buchbund“ betreiben. Als ich die Buchhandlung betrete, bieten sie mir gleich einen leckeren Tee an, denn man kann sich bei ihnen auch einfach hinsetzen, etwas Warmes trinken, lesen oder arbeiten. In Berlin leben sie seit 13 Jahren, sie kommt aus Franken, er aus Kluczbork in Oberschlesien. Ihre ältere Tochter, die siebenjährige Mira besucht eine öffentliche Schule in ihrem Kiez. Für ihren zweijährigen Sohn Adam suchen sie bereits nach einem Platz in einer sogenannten Freien Schule, also einer, in der die Kinder selbst entscheiden, womit sie sich beschäftigen möchten, und auf diese Weise ihre persönlichen Interessen entdecken.
 
Doch selbst die öffentlichen Schulen berücksichtigen inzwischen diesen Ansatz. „Das Berliner Bildungsprogramm geht davon aus, dass Kinder so sind, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten. Dass sie ihren eigenen Weg finden und selbständig lernen, und dass die Erwachsenen sie lediglich aktiv auf diesem Weg unterstützen, indem sie ihnen zuhören und auf ihre Bedürfnisse eingehen“, erläutert Hubert Kopeć, der in einem deutsch-polnischen Kindergarten arbeitet, mit einer Deutschen verheiratet ist und selbst zwei Kinder im Alter von neun und sieben Jahren hat.
 
„Hier hören Eltern ihren Kindern zu“, sagt Anna Hoffman, Mutter des achtjährigen Filip und des fast anderthalbjährigen Jaron. „Wenn etwas nicht stimmt, begeben sie sich auf das Niveau der Kinder und überlegen, woran es liegen könnte. Es gibt hier nicht dieses für Polen typische Fußaufstampfen, bei dem ich mich selbst manchmal ertappe. Ich denke, dass die Kinder dadurch selbstsicherer werden und ihre eigenen Grenzen kennenlernen.“
 
„Sogar wenn es um Nachhilfe geht“, fügt Nina hinzu. „Die Eltern in unserem Bekanntenkreis betrachten Nachhilfestunden nicht als eine Investition in die Zukunft, sondern suchen eher nach etwas, das zu ihren Kindern passt und ihnen Freude bereitet.“

Trend 3: Das Kind als soziales Wesen

„Jaron kam mit einem Jahr in den Kindergarten“, sagt Anna. „Wenn Eltern ihr Kind hier später in den Kindergarten geben, dann stimmt irgendetwas nicht: Entweder sie wollen ihr Kind auf eine Waldorfschule schicken, wo Kinder ab eineinhalb Jahren angenommen werden, oder sie sitzen lieber zu Hause oder sind übertrieben fürsorglich.
 
Wir treffen uns in ihrer geräumigen und hellen Wohnung in einer Neubausiedlung in der Nähe des Treptower Parks, die sich reizvoll in die Struktur des alten Berlins einfügt. In der Verbindung von Altem und Neuem hat man es in Berlin zur Meisterschaft gebracht. Anna, die ausländischen Firmen bei der Eröffnung von Zweigstellen in Deutschland hilft, lebt seit fünfzehn Jahren in dieser Stadt, ebenso wie ihr Mann Björn, der als Informatiker arbeitet. Sie kommt aus Stettin, er aus Schleswig-Holstein. Anna sagt, sie kenne hier keine Familie, die ein Kindermädchen beschäftigt. Auch die Großeltern helfen eher selten, weil sie entweder selbst noch arbeiten oder zu weit entfernt wohnen. Es wird auch nicht gerne gesehen, wenn ein Kind zu viel Zeit mit der Großmutter verbringt, weil es die Gesellschaft anderer Kinder benötigt. Anna räumt jedoch ein, dass die Situation in den alten Bundesländern, wo Kindergartenplätze teurer sind, etwas anders aussieht. Dort sei es üblicher, dass die Großeltern bei der Kinderbetreuung aushelfen oder dass die Mutter länger zu Hause bleibt. Jaron verbringt, wie viele andere Kinder auch, acht Stunden täglich im Kindergarten.
 
„Kindermädchen sind eher ein polnisches Phänomen“, bestätigt Marcin Piekoszewski. „Wenn überhaupt, beschäftigen hier nur sehr reiche Leute ein Kindermädchen, und dann eher aus praktischen Gründen, nicht statt des Kindergartens, sondern zusätzlich. Denn es geht im Kindergarten ja nicht nur darum, den Eltern den Alltag zu erleichtern, sondern vor allem darum, den Kindern von klein auf soziale Fertigkeiten beizubringen.“
Auch ihr Sohn kam mit einem Jahr in den Kindergarten, in eine große, städtische Kindertagesstätte. Typisch für Berlin sind auch die sogenannten Kinderläden, kleine selbstverwaltete Horte, die sich oft in ehemaligen Geschäftsräumen im Erdgeschoss befinden (daher stammt auch der Name). Die Eltern stellen Erzieherinnen an, kochen selbst oder entscheiden über das Essensangebot und die Auswahl an Spielzeug. Diese privaten Einrichtungen werden ähnlich wie die städtischen Kindertagesstätten vom Senat unterstützt. Bis vor Kurzem war die Tagesbetreuung für Kinder in Berlin ab dem dritten Lebensjahr kostenfrei, seit diesem Jahr bereits ab dem ersten Lebensjahr.
 
„Das Miteinander in der Gruppe spielt hier von Beginn an eine große Rolle, auch das Berliner Bildungsprogramm legt großen Wert darauf“, sagt Anna. „Im Kindergarten wurde uns gesagt, wir sollen unserem Kind nicht das Lesen beibringen, weil es das gemeinsam mit den anderen Kindern in der Schule lernen würde. Und als wir zu Beginn der ersten Klasse Filips Lehrerin nach seinen Fortschritten in Mathematik und Deutsch fragten, sagte sie uns, das würde er schon alles lernen, aber vielleicht sollte er einem Sportverein beitreten, um dort das Miteinander in der Gruppe zu üben.“

Trend 4: Gelassenheit und Vertrauen

Es ist ein regnerischer Sommertag, in einer großen Pfütze vor dem Kindergarten sitzen mehrere Kinder im Alter von ein bis eineinhalb Jahren in ihren Windeln und planschen vergnügt vor sich hin. Diese Szene schildert mir Hubert, der als Erzieher in einem deutsch-polnischen Kindergarten an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain arbeitet. Selbstverständlich seien die Kinder anschließend abgetrocknet und angezogen worden, fügt er hinzu. Kann ich mir eine solche Szene in einem polnischen Kindergarten vorstellen? Eher nicht. Denn wie viele polnische Eltern würden solche Aktivitäten als empörend und gesundheitsschädlich einstufen?
 
Hubert meint, dass diese Szene gut die Einstellung der Deutschen zu Aktivitäten im Freien beschreibt, die sich am besten mit dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“ beschreiben lässt. Dabei handelt es sich nicht einmal um einen aktuellen Trend, sondern um eine Vorstellung, die in der deutschen Kultur schon seit Langem verankert ist. Dies äußert sich zum Beispiel darin, dass Berliner Familien auch bei nasskaltem Wetter gemeinsam Fahrradausflüge unternehmen und Kinder praktisch das ganze Jahr über auf Fahrrädern durch die Gegend gefahren werden: zunächst im Tragetuch, später im Kindersitz oder -anhänger. Für mich ist dies einer von vielen Belegen für die große Gelassenheit der Berliner Eltern im Umgang mit ihren Kindern.
 
Das zeigt sich zum Beispiel auch daran, dass viele Eltern keinen besonders großen Wert auf die Kleidung und die Ausstattung ihrer Kinder legen. Second-Hand-Kleidung liegt hier voll im Trend, und selbst in Prenzlauer Berg, so versichert mir Sonja, schreibt dir niemand vor, von welcher Marke dein Kinderwagen oder deine Trinkflasche sein muss.
„Es stört sich auch niemand daran, wenn dein Kind einen Fleck auf dem Hemd hat oder sich beim Spielen schmutzig macht“, sagt Nina.
Die Eltern haben Vertrauen in ihre Kinder und fördern ihre Selbständigkeit.
„Einmal bin ich bei einem Ausflug von Filips Kindergruppe als zusätzliche Betreuerin mitgekommen“, erzählt Anna. „Die Kinder waren etwa vier Jahre alt und liefen, sobald sie draußen waren, sofort in alle Richtungen auseinander. Ich stand völlig geschockt da, doch die Erzieherin ging ganz ruhig weiter, und als ich wieder hinschaute, stellten sich die Kinder wie an der Schnur gezogen vor dem Fahrradweg und anschließend vor der Straße auf.“
 
„Man merkt das auch an den Spielplätzen“, sagt Marcin, Ninas Ehemann. „Es gibt hier wesentlich höhere Konstruktionen als auf polnischen Spielplätzen, manchmal bis zu vier Meter hoch, und trotzdem laufen die Eltern ihren Kindern nicht die ganze Zeit hinterher und passen auf sie auf. Als Mira zweieinhalb Jahre alt war, gingen wir beide auf den Spielplatz, zusammen mit dem gleichaltrigen Kacper und seiner Mutter. Sie stand ganz entspannt mit dem Rücken zur Kletterwand, an der ihr Sohn gerade emporstieg. Als er ungefähr auf der Höhe ihres Kopfes war, verlor ich irgendwie den Gesprächsfaden. Aber sie schaute nur einmal kurz hin, und das war völlig normal: Wenn er runterfällt, fällt er ja auf Sand. Auf diese Weise entdecken Kinder die Welt.“

„Mit drei bis vier Jahren beginnen die Kinder, bei Freunden zu übernachten. Sie dürfen auch schon früher allein zur Schule gehen“, ergänzt Nina. „Mira ging schon gegen Ende der ersten Klasse allein zur Schule, anfangs mit einer Freundin. Sie findet sich in Berlin genauso selbstverständlich zurecht, wie ich in meinem kleinen Ort in Franken.“
„Das ist ein grundlegender Unterschied, aus solchen Kinder werden später ganz andere Menschen. Menschen, die anders auf die Welt zugehen und Dinge einfach ausprobieren“, konstatiert Marcin. 

Trend 5: Am besten natürlich

„Auf der ersten Elternversammlung im Kindergarten meines älteren Sohns gab es eine große Diskussion, weil es zum Nachtisch Pfannkuchen gegeben hatte“, erzählt Anna lachend. „Das endete dann eher lustig, weil eine Mutter sagte, sie gebe ihrem Sohn zwar auch Pfannkuchen, aber nur einen, und den wolle sie ihm selbst geben. In der Schule gibt es grundsätzlich nichts Süßes, wir geben Filip nur Wasser und Obst mit, es gibt auch keinen Kiosk mit Süßigkeiten. Ich gebe mir Mühe, für die richtige Ernährung zu sorgen. Unsere Bekannten auch, aber niemand übertreibt es.“
 
Manche Eltern in Prenzlauer Berg betrachten Zucker angeblich als ihren größten Feind. Nach dem gängigen Stereotyp ist dieser Ortsteil von einem wahren Öko-Wahn erfasst: Vegane Ernährung, Kinderbekleidung aus Yakwolle und Spielzeug aus Holz.
In der Tat mangelt es hier nicht an kleinen Geschäften mit Stramplern aus reiner Wolle, Geschirr aus biologisch abbaubaren Materialien und Spielzeug aus Holz, in der Nähe des Mauerparks gibt es eine ganze Reihe veganer Geschäfte mit Lebensmitteln, Kleidung und Schuhen und mitten im Einkaufszentrum an der U-Bahn-Station Schönhauser Allee einen großen Biomarkt.
„Viele Familien in Prenzlauer Berg haben kein Auto, wir auch nicht“, erklärt Sonja. „Das neue Statussymbol ist der Kühlschrank. Man definiert sich hier darüber, wie viele organische und ökologische Lebensmittel man in der Küche hat. Aber ich kenne nur wenige Familien mit Kindern, die sich rein vegan ernähren, weil das nur schwer umzusetzen ist.“
Sie räumt auch ein, dass die ausschließliche Nutzung von Bio-Produkten ein Ideal ist, das sich nicht immer erreichen lässt. Sie kauft selbst gern in Bio-Läden und backt Brot, aber wenn sie es eilig hat, kauft sie auch mal etwas im Supermarkt, auch Brot. Genau wie die anderen Berliner Eltern, mit denen ich mich unterhalte.
 
„Der Öko-Druck macht sich vor allem beim ersten Kind oder bei Einzelkindern bemerkbar. Es gibt so viele Zeitschriften, die dir erzählen, alles müsse ökologisch und aus natürlichen Materialien sein. Beim zweiten Kind bist du viel entspannter, weil du weißt, dass es auch mit Plastikspielzeug groß wird“, lacht Nina.

Trend 6: Aktiv und gemeinsam

Das Erziehungsmodell, dem ich in Berlin begegne, unterscheidet sich auch grundsätzlich vom amerikanischen Modell, bei dem die Kinder nach der Schule zu diversen Aktivitäten gebracht werden und die Betreuung häufig von entsprechenden Institutionen übernommen wird.
 
Auch die Berliner Kinder, mit deren Eltern ich mich unterhalte, haben selbstverständlich zusätzliche Aktivitäten, jedoch meist nur eine und zum Beispiel im Rahmen der Hortbetreuung, die Nachmittage verbringen sie mit ihren Eltern. Anna sagt, sie kenne keine Familie, die ihr Kind nach der Schule noch zum Englisch-Unterricht schicke, weil die Kinder das sowieso ab der dritten Klasse in der Schule lernen würden.
„Unser Sohn ging zum Trommel- und Klavierunterricht, also sagte er uns, dass er nicht auch noch zum Schwimmen wolle, weil er nachmittags lieber spielen möchte. Und ich freue mich auch, wenn wir nach der Arbeit und der Schule ein wenig Zeit miteinander verbringen können“, sagt Anna. „An den Wochenenden unternehmen viele Familien Ausflüge mit dem Fahrrad, gehen in den Park, ins Schwimmbad oder ins Museum. Man sitzt mit den Kindern nicht einfach zu Hause herum.“
Die Eltern nehmen hier aktiv am Leben ihrer Kinder teil.
 
Ein gutes Beispiel hierfür sind Kindergeburtstage, die in den meisten Fällen zu Hause stattfinden und die von den Eltern selbst organisiert werden – ohne die Hilfe von Animatoren, wie es in Polen oft der Fall ist.
„In den letzten Jahren sind Schatzsuchen in Mode gekommen, die sich die Eltern selbst ausdenken und organisieren“, erzählt Hubert, der selbst zwei Kinder im Alter von neun und sieben Jahren hat. „Auch zum Geburtstag unseres älteren Sohns haben wir eine Schatzsuche veranstaltet, und zuvor waren wir mit den Kindern im Naturkundemuseum, um uns die Dinosaurier anzusehen.“
 
Ein wesentlicher Punkt ist, dass diese aktive Teilnahme auch die Beteiligung der Väter an der Kinderbetreuung umfasst. Anna ging zwei Monate nach der Geburt ihres zweiten Sohns Jaron wieder zur Arbeit, Björn nahm zehn Monate Elternzeit und blieb mit seinem Sohn zu Hause.
Die Zeiten, in denen Mütter sich allein um die Kinder kümmerten und sogar mit einem abgeschlossenen Studium nach der Geburt zu Hause blieben (nach dem Motto „Kinder, Küche, Kirche“) oder, wie im Osten, die Doppelbelastung von Familie und Beruf bewältigen mussten, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Der Staat fördert diese Entwicklung: Die Elternzeit kann beliebig zwischen Mutter und Vater aufgeteilt werden. Nehmen beide sie in Anspruch, haben sie gemeinsam 14 Monate, tut es nur einer, hat er 12 Monate. In den meisten Familien, mit denen ich gesprochen habe, haben die Eltern die Elternzeit untereinander aufgeteilt.

„Die Väter fahren hier, genau wie die Mütter, ihre Kinder mit Kinderwagen oder Fahrradanhängern durch die Gegend, gehen auf Spielplätze und nehmen an Elternversammlungen teil“, sagt Anna.

Trend 7: Keine Angst vor dem Fremden

„Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im letzten Jahr sollte sich Filip als Hausaufgabe die Kindernachrichten im Fernsehen ansehen“, erzählt Anna. „Ich fragte ihn, ob er keine Angst habe, aber er sagte mir, man müsse keine Angst haben, denn darum ginge es denen ja nur, dass wir Angst haben, und solche Dinge passieren nun einmal. In sämtlichen Klassen wurde über den Anschlag gesprochen, und niemand sagte, dass Araber böse Menschen seien.“
 
„Das Berliner Bildungsprogramm fördert die soziale Inklusion – die Überwindung der Benachteiligung von Menschen aufgrund von Behinderungen oder ihres kulturellen, ethnischen und religiösen Hintergrunds – und orientiert sich an den Bedürfnissen und Problemen der Gesellschaft und der Welt.“ Und das merkt man auch in der Praxis.
 
Nina erzählt, dass die Klasse ihrer Tochter Mira in einer öffentlichen Grundschule in Neukölln äußerst bunt gemischt ist. Es gibt Kinder einkommensstarker und -schwacher Familien, Kinder mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund und auch Kinder, deren Eltern aus Finnland oder Israel stammen. Sogar Kinder lesbischer Eltern.
„Die Kinder gehen damit um, wie es Kinder eben tun: Entweder sie mögen jemanden oder sie mögen ihn nicht. Wenn sie sich jedoch außerhalb der Schule verabreden, dann eher mit Kindern, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie sie selbst“, sagt sie.
 
Die multikulturelle Vielfalt macht sich vor allem in den Einrichtungen in Ortsteilen wie Neukölln oder Wedding bemerkbar, in Prenzlauer Berg und Moabit eher weniger.
 
Auch in dem kleinen Kinderladen in Berlin-Wedding, den Fetiha Mabrouks Sohn Amin besucht, geht es sehr bunt zu. Von den zehn Kindern hier haben mehr als die Hälfte einen nichtdeutschen Hintergrund. Neben Amin, dem Sohn einer muslimischen Familie mit marokkanischem Migrationshintergrund, auch Lidia, die aus einer polnischen Familie stammt, Fibi, deren Eltern zwar Vietnamesen sind, jedoch aus Singapur nach Berlin kamen, Naima, deren Mutter aus Somalia stammt und ein Kopftuch trägt, und Amaru, der Sohn einer Polin und eines Mexikaners. 

Trend 8: Keine Trends, ein einheitliches Modell gibt es nicht

Fetiha ist Anästhesiologin, ihr Mann Radiologe. Beide sind in Deutschland geboren. Als ich sie frage, was für sie das Wichtigste bei der Erziehung ihres fast zweijährigen Sohns Amin sei, sagen sie, an erster Stelle stehe seine Ausbildung. Schon jetzt spricht sie mit ihrem Sohn Deutsch und ihr Mann Arabisch, weil sie überzeugt ist, dass in den ersten drei Jahren die Basis für das spätere Lernen gelegt wird. An zweiter Stelle komme die Religion, weil sie den Charakter formt. Sie findet es schade, dass in Amins Kinderladen nur christliche Feste gefeiert werden.
 
Diese beiden Schwerpunkte wurden mir sonst in keinem der Gespräche, die ich mit Berliner Eltern geführt habe, genannt. Amins Familie ist auch in anderer Hinsicht eine Ausnahme: Fetihas Mutter, die zuvor in der Nähe der belgischen Grenze lebte, ist nach Berlin gezogen ist, um bei der Betreuung ihres Enkels zu helfen.
 
„In einer multikulturellen Gesellschaft gibt es eben viele unterschiedliche Modelle, und keines davon ist die Norm“, sagt Marcin. „Das ist wohl die Quintessenz dessen, wie Eltern in Berlin heutzutage ihre Kinder erziehen.“
 
Seine Frau Nina erzählt mir von der Fernsehsendung „Mein Kind, dein Kind“ beim Sender Vox, die sie sich während ihrer zweiten Schwangerschaft angesehen hat. In jeder Folge besuchen zwei Mütter oder Väter sich gegenseitig und tauschen sich über ihren Alltag und ihren Umgang mit den eigenen Kindern aus. Kommentiert wird das Ganze von Zuschauern mit sehr unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen.


„Noch in der Generation vor uns hatte meine Mutter höchstens einen Einblick in den Alltag ihrer Tante, ihrer Cousine oder ihrer Freundinnen – im Grunde gab es nur ein einziges Erziehungsmodell“, sagt Nina. „Durch diese Fernsehsendung wurde mir bewusst, dass es in Deutschland Eltern gibt, die ihre Kinder schlagen und bestrafen, und andere, die sie völlig frei erziehen. Eltern, die ihre Kinder zu eigenständigen Menschen erziehen, und solche, die davor zurückscheuen. Ich schaue mir auch an, wie meine Freundinnen ihre Kinder erziehen, und jede tut es anders. Jesper Juul hat schon recht, wenn er sagt, wir seien die erste Generation, die ihre Kinder anders erziehen will, als ihre Eltern es getan haben, jedoch nicht genau wisse wie – also müssen wir experimentieren.“
 

[1] Die Mütter vom Kollwitzplatz von OL (Olaf Schwarzbach). Der Comic erschien zunächst in der Berliner Zeitung und später auch als Buch.
[2] Von Anja Maier, Bastei Lübbe 2011.
[3] Nach Angaben des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2015: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Geburten/Geburten.html/ (abgerufen am 27.11.2017).