Übersetzer im Gespräch Elżbieta Jeleń

„Als Übersetzerin vermittle ich zwischen zwei mehr oder weniger verschiedenen Kulturen. Vermittlung bedeutet für mich das Verbreiten und Verinnerlichen dessen, was anders ist, fremd, unbekannt und vielleicht Argwohn oder gar Angst weckt. Die Annäherung an eine andere Kultur bietet auch die Chance, die eigene Kultur aus einer neuen Perspektive zu betrachten und die Muttersprache zu bereichern.“

Elżbieta Jeleń Elżbieta Jeleń | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Gegen Ende meines philologischen Studiums entschied ich mich für eine Abschlussarbeit zur Theorie des Übersetzens. Ich interessierte mich für Literatur und für Sprache, für die verschiedenen Arten, wie die Welt, in der wir leben, beschrieben werden kann. Manchmal sind solche Beschreibungen richtungweisend und bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Das Übersetzen gibt uns die Möglichkeit, sich in zwei Sprachen zu vertiefen, in die Muttersprache sowie in die Sprache, aus der wir übersetzen. Dies ist eine Reise, die zu überraschenden Zielen führen kann, auf die ich aber seit vielen Jahren immer wieder gerne aufbreche. Der erste Auftrag kam eher zufällig zustande. Jemand empfahl mich einem Verlag, der dringend jemanden suchte für eine termingebundene Übersetzung. Danach übersetzte ich für das Nürnberger Haus Tankred Dorsts Drama Wegen Reichtum geschlossen. Daraus entstand die Zusammenarbeit mit den Verlagen Księgarnia Akademicka sowie Panga Pank, für die ich weitere Werke deutscher Dramatiker übersetzte.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Die Frage beinhaltet bereits die Antwort: als Übersetzerin vermittle ich zwischen zwei mehr oder weniger verschiedenen Kulturen. Vermittlung bedeutet für mich das Verbreiten und Verinnerlichen dessen, was anders ist, fremd, unbekannt und vielleicht Argwohn oder gar Angst weckt. Die Annäherung an eine andere Kultur bietet auch die Chance, die eigene Kultur aus einer neuen Perspektive zu betrachten und die Muttersprache zu bereichern.

Ist es Ihnen schon passiert, dass sprachliche Schwierigkeiten bei der Übersetzung Sie an den Rand der Verzweiflung brachten?

Sprachrätsel gehören zu diesem Beruf. Und obwohl es manchmal schwer fällt, sich vom Gedanken über ein Formulierungsproblem zu befreien, so bedeutet es doch andererseits eine ungemeine Befriedigung, wenn die Lösung gefunden ist. Am schwierigsten ist es, wenn irgendetwas noch nicht im Polnischen angekommen ist. Als Übersetzerin zeitgenössischer Autoren habe ich allerdings den Eindruck, dass ich heute weniger mit solchen Problemen zu kämpfen habe, als noch zu Beginn der 1990-er Jahre. Die Wirklichkeiten, in der wir leben, werden sich immer ähnlicher.

Woher kommt Ihr Interesse für deutsche Kinder- und Jugendliteratur?

In Deutschland gibt es meiner Meinung nach viele hervorragende Autoren, die für jüngere Leser schreiben und diese als Gesprächspartner auch für sehr schwierige Themen sehen. Einer von ihnen ist zum Beispiel der Zeichner und Schriftsteller Wolf Erlbruch, dessen Bücher seit Jahren in der Übersetzung von Łukasz Żebrowski im Verlag Hokus Pokus erscheinen. Diese ungewöhnlich klugen Bücher sind grafisch sehr schön gestaltet und regen sowohl Erwachsene wie Kinder zum Denken und zum Dialog an. Und dies ist doch das Wertvollste, wenn die ganze Familie ein Buch liest. Auf dem polnischen Markt findet man ziemlich viele Übersetzungen deutscher Jugendliteratur. Oft sind die Auflagen schnell vergriffen, aber in den Diskussionsforen empfehlen jugendliche Leser weiterhin ihre Lieblingsbücher. Eine dieser Autorinnen ist Jana Frey. Ein anderer ausgezeichneter Jugend- und Kinderbuchautor, den ich hier nennen möchte, ist Andreas Steinhöfel. Seine drei „Rico, Oskar“-Bücher sind in meiner Übersetzung beim Verlag WAM erschienen. Ich erlaube mir, die Beurteilung der kleinen Julia zu zitieren:

„Die Rico, Oskar-Bücher erzählen die Geschichte zweier Jungs, die gefährliche Rätsel lösen. Die Bücher gefielen mir, weil sie spannend waren und die Welt von einer ganz anderen Seite zeigten. Heute ziehen Kinder elektronische Geräte dem Lesen vor, aber diese Bücher machen den Eindruck, als ob man an einem rätselhaften Spiel um Steine, geheimnisvolle Schatten und schwierige Herzensangelegenheiten teilnehmen würde. Allgemein ist die Geschichte von Rico und Oskar toll, einfallsreich und interessant auf eine ganz besondere Art.“

Wonach richten Sie sich bei der Auswahl von Texten, die Sie übersetzen?

Meist ist es so, dass der Text mich auswählt. Meine Wahl war die „Rico, Oskar“-Reihe, dafür fand ich auch einen Verlag. Überzeugt hatte mich die ungewöhnliche Klugheit in diesen Büchern. Vor einigen Jahren las ich mit großer Begeisterung den ersten Band, „Rico, Oskar und die Tieferschatten“. Ich war überzeugt, dass der Roman auch den polnischen Lesern gefallen würde. Die Geschichte ist interessant, und die beiden Hauptfiguren verkörpern wertvolle Eigenschaften: der leicht behinderte Rico und sein Freund Oskar, ein außerordentlich begabter Junge, der große Probleme im Kontakt mit Gleichaltrigen hat. Für mich als Übersetzerin war der Text auch eine sprachliche Herausforderung, denn Oskar erfindet neue Wörter.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ja, ich hätte gerne Arno Geigers Roman „Der alte König in seinem Exil“ übersetzt, aber eine Kollegin ist mir zuvorgekommen. Es ist ein Roman für Erwachsene, die Geschichte eines Sohnes, der seinen an Alzheimer erkrankten Vater pflegt. Eine sehr berührende literarische Beschreibung des Zerfalls, des Versuchs, die Würde einer nahen Person zu bewahren. Ich denke, viele von uns werden mit ähnlichen Problemen innerhalb der engsten Familie konfrontiert. Dank der literarischen Qualität ist es aber kein Tagebuch, sondern ein sprachlich sorgfältig gestalteter Roman, der zum Nachdenken anregt.

Welche Rolle spielt bei Ihrer Arbeit der Austausch mit den Autoren?

Ich habe das Glück, dass ich lebende Autoren übersetze. Nicht viele von ihnen habe ich tatsächlich persönlich kennen gelernt, aber mit den meisten stehe ich in E-Mail-Kontakt. Und jeder antwortete bislang geduldig auf alle Fragen. Ihre Antworten sind für mich eine große Hilfe, schon oft führten sie mich auf die richtige Spur, wenn mir schien, ich stecke in eine Sackgasse. Sehr angenehm sind mir in Erinnerung die Treffen mit Tankred Dorst und Ursula Ehler. Beim Übersetzen von Dramen sind auch Begegnungen mit den Schauspielern und Regisseuren äußerst hilfreich, die mit den von mir übersetzten Texten arbeiten. Gelegentlich wird dann auch die endgültige Fassung noch einmal abgeändert.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ich bin festangestellt, so verdiene ich das Geld zum Leben. Das literarische Übersetzen ist mein finanzielles Hobby. Das klingt einerseits nicht sehr optimistisch, ist aber andererseits eine ziemlich komfortable Situation, denn ich muss weder auf Aufträge warten noch jeden Auftrag annehmen. Ich möchte dieses Gespräch mit der optimistischen Feststellung beenden, dass es mir in dieser Hinsicht gelungen ist, die goldene Mitte zu finden.  

Übersetzungen (Auswahl):

  • Tankred Dorst, Zamknięte z powodu bogactwa; Titel des Originals: Wegen Reichtum geschlossen ; Verlag Księgarnia Akademicka 1999
  • Tankred Dorst, Merlin albo ziemia jałowa; Titel des Originals: Merlin Merlin oder Das wüste Land; Verlag Księgarnia Akademicka 2006
  • Andreas Steinhöfel, Rico&Oskar-Reihe; Verlag WAM 2011–2013:
    Rico, Oscar i głębocienie; Titel des Originals: Rico, Oscar und die Tieferschatten
    Rico, Oskar złodziejski kamień; Titel des Originals: Rico, Oskar und der Diebstahlstein
    Rico, Oskar i złamanie serca; Titel des Originals: Rico, Oskar und das Herzgebreche