Übersetzer im Gespräch Joanna Manc

„Wenn man einer Übersetzung anmerkt, dass sie eine Übersetzung ist, dann ist es keine gute. Doch es muss ihr auch ein bestimmtes Maß an Fremdheit zugemutet werden können, denn es handelt sich um einen Text aus einer anderen Kultur, aus einem Land mit einer anderen Geschichte, die ihre ganz spezifischen Aspekte hat.“

Joanna Manc Joanna Manc | © Sebastian Andreas Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Das hat sich wohl aus meiner persönlichen Geschichte ergeben. Ich wurde in Polen geboren und verbrachte die ersten neun Lebensjahre dort. Ich erinnere mich, wie mir meine Großmutter in unserer Küche Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erzählte, die manchmal sehr dramatisch, manchmal aber auch ziemlich abenteuerlich waren. Diese Geschichten regten meine Phantasie an und hinterließen einen tiefen Eindruck. Doch aus ihnen ging auch hervor, dass Deutschland vor gar nicht langer Zeit Polens größter Feind gewesen war, vor dem man sich hüten musste.

1968 reiste ich dann mit meiner Mutter ausgerechnet nach Deutschland aus, um für immer dort zu bleiben. Auch noch ausgerechnet nach Westdeutschland, zu den „bösen“ Deutschen, wie mir ältere Kinder auf dem Hof, unter unserem Küchenbalkon erklärt hatten. Im Gegensatz zu mir kannten sie nämlich schon die offiziell verordnete Unterscheidung zwischen der BRD und der – „mit Polen in sozialistischer Freundschaft brüderlich verbundenen“ – DDR.

Natürlich merkte ich nach meiner Ankunft in dem neuen Land schnell, dass die Menschen hier – abgesehen von den materiellen Äußerlichkeiten und einigen Mentalitätsunterschieden – gar nicht so anders waren. Sie waren eben genauso gut oder schlecht wie die in Polen. Ich ging zur Schule, schloss Freundschaften und mehr und mehr hatte ich das Bedürfnis, zwei Welten – die polnische und die deutsche, die ich mittlerweile auch in mir trug – miteinander zu verbinden. Das, was durch die Erzählung der Großmutter so unvereinbar schien, wollte ich irgendwie zusammenbringen.

Wie zufällig entdeckte ich dabei die Literatur. Irgendwann wollte ich meine Begeisterung für ein Buch aus den Kindertagen in Polen, mit einer deutschen Schulfreundin teilen, und um das möglich zu machen, gab es keinen anderen Weg, als das Buch zu übersetzen. So fing es an.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ich glaube bei dem Buch Blauer Schnee (Originaltitel: Niebieskie śniegi) von Piotr Bednarski, in dem sich der Autor an seine eigene Kindheit erinnert. Es erzählt die Geschichte eines achtjährigen Jungen, der während des stalinistischen Terrorregimes in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit seiner Familie aus dem Osten Polens nach Sibirien in einen Gulag verschleppt wird. Anfangs hatte ich Bedenken, ob es in einer Übersetzung auch möglich sein wird, die Lebenssituation der Verbannten und die Atmosphäre eines solchen Ortes so wiederzugeben, dass sie auch im Deutschen nachempfunden werden können. Mir war bewusst, dass viele Begriffe und die Denk- und Handlungsweise der Protagonisten für den heutigen deutschen Leser sehr fremd sein mussten. Gleichzeitig ist das Buch aber sehr ergreifend und in einer wunderschönen poetischen Sprache geschrieben. Wahrscheinlich war das ausschlaggebend für die positiven Reaktionen der Leser.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Das war ziemlich am Anfang meiner Arbeit als Übersetzerin, als ich noch recht unerfahren war. Damals ist es mir gelungen, den Knaus Verlag für das Buch Sonate für S. (Orginaltitel: Eine kleine) von Artur Daniel Liskowacki zu gewinnen. Der Roman handelt von Deutschen, die vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Stettin leben. Abgesehen von dem sehr speziellen Sprachstil des Autors, der mit sehr langen, sich manchmal über eine halbe Seite ziehenden, verschachtelten Sätzen, erzählt, springt die Geschichte auch noch ständig in der Zeit hin und her, so dass ich manchmal beim Korrekturlesen meiner eigenen Übersetzung sehr aufpassen musste, nicht den Faden zu verlieren. Hinzu kam, dass alle im Buch erwähnten Liedertexte, Filmtitel, Speisen, Gemälde, Bibelzitate, usw. in der polnischen Übersetzung angegeben waren. Ich konnte sie ja nicht wieder aus dem Polnischen einfach ins Deutsche übersetzen, sondern musste nach den original deutschen Bezeichnungen und Namen recherchieren. Dabei konnte mir der Autor, mit dem ich damals fast jede Woche telefoniert habe, zwar teilweise helfen, doch vieles musste ich mir selbst erarbeiten. Das war eine harte Schule und gleichzeitig eine sehr wichtige Erfahrung, durch die ich sehr viel gelernt habe.

Welche Rolle spielen bei Ihnen für den Übersetzungsprozess die Kontakte und der Austausch mit den Autoren?

Für mich als Übersetzerin ist ein guter Austausch mit dem Autor ein großer Glücksfall. Es gibt beim Übersetzen so viele Details und Nuancen, auf die man achten muss und die manchmal nur in direkten Gesprächen geklärt werden können. Ganz zu schweigen vom „Erfühlen“ der Atmosphäre eines Textes, was sich häufig erst durch den Kontakt mit dem Autor vertiefen lässt. Ich bin davon überzeugt, dass z.B. die Unterstützung und Offenheit von Włodzimierz Nowak bei meiner Arbeit an seinem Buch Die Nacht von Wildenhagen (Originaltitel: Obwód głowy) zu der Qualität der Übersetzung erheblich beigetragen haben.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Im Moment gibt es zwei Bücher, die mir sehr am Herzen liegen. Das erste: Der Attentäter aus der Aprikosenstadt (Orginaltitel: Zabójca z miasta moreli) von Witold Szabłowski, ein Band mit literarischen Reportagen über die Türkei, die meiner Meinung nach, gerade hier in Deutschland viel Interesse finden könnten. Das zweite ist Rauska von Teresa Oleś-Owczarkowa. Der Roman ist aus der Sicht der zehnjährigen Alusia geschrieben, die während des Zweiten Weltkriegs mit ihrer ganzen Familie zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht wird. Das ist eine sehr interessante Perspektive, zumal das Mädchen – auch wenn es sich dem Ernst der Lage sehr bewusst ist – im Gegensatz zum Rest der Familie sein Schicksal immer wieder auch positiv sieht. Ein Buch über Freiheit in Unfreiheit…

Da ich aber auch Kinderliteratur übersetze, suche ich schon seit Jahren einen deutschen Verlag für Julian Tuwims und Jan Brzechwas Werke. Ein großer Wunsch von mir ist es, Brzechwas Pchła Szachrajka auf Deutsch herauszubringen.

„Einer Übersetzung darf man auf keinen Fall anmerken, dass sie eine Übersetzung ist“ – „Dem Leser einer Übersetzung muss ein bestimmtes Maß an Fremdheit zugemutet werden dürfen.“ Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie eher zu und warum?

Ich stimme beiden zu. Wenn man einer Übersetzung anmerkt, dass sie eine Übersetzung ist, dann ist es keine gute. Doch es muss ihr auch ein bestimmtes Maß an Fremdheit zugemutet werden können, denn es handelt sich um einen Text aus einer anderen Kultur, aus einem Land mit einer anderen Geschichte, die ihre ganz spezifischen Aspekte hat. Ich denke, genau dieser Balanceakt macht eine gute Übersetzung aus.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Nein, und ich bezweifle, dass das bei der „kleinen Sprache“ Polnisch irgendwann möglich sein wird.  

Übersetzte Bücher:

  • Artur Daniel Liskowacki, Sonate für S. (Originaltitel: Eine kleine)
  • Piotr Bednarski, Blauer Schnee (Originaltitel: Niebieskie śniegi)
  • Włodzimierz Nowak, Die Nacht von Wildenhagen (Originaltitel: Obwód głowy)
  • Julian Tuwim, Herr Klitzewinzig und der Wal (Originaltitel: Pan Maluśkiewicz i wieloryb)
  • Marek Edelman, Die Liebe im Ghetto (Originaltitel: I była miłość w getcie)