Übersetzer im Gespräch Lisa Palmes

Lisa Palmes
Lisa Palmes | © Barbara Cöllen

„Die Kunst des Übersetzers besteht darin, dem Autor seine Stimme in der betreffenden Zielsprache zu leihen. Übersetzen ist die Kunst, den sprachlichen Klang, die Eigenheiten eines Textes aufnehmen und übernehmen zu können. Manchmal denke ich, es ist ein wenig wie Kreuzworträtseln: innerhalb eines festgelegten Rahmens ist ein passender Ausdruck zu finden ...“

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Der Weg zum Übersetzen war bei mir ein langer und verschlungener Weg – von dessen Windungen ich allerdings keine missen möchte, da sie sich sicherlich bereichernd auf meine Übersetzertätigkeit auswirken. Im Alter der „Träume und Schäume“, um es mit den Worten meiner Interviewpartnerin Agnieszka Hofmann zu sagen, dachte ich daran, jemand Bedeutendes zu werden, und entschied mich für ein Studium der Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft. Im ersten Studienjahr musste ich feststellen, dass diese Fächer mir um einiges zu theoretisch waren, und entschloss mich kurzerhand zum praxisorientierten Gegenteil – einer Friseurausbildung. Dank einer Friseurkollegin und Freundin aus Katowice wurde mein Interesse für Polen und die polnische Sprache geweckt, die ich schon bald als „meine“ erkannte – was mich bewog, meinen Berufsweg ein zweites Mal zu ändern und ein Polonistik- und Germanistikstudium in Berlin zu beginnen. In diesem Studium fühlte ich mich endlich „wie ein Fisch im Wasser“. Verschiedene glückliche Umstände und Winke des Schicksals ließen mich schließlich Kontakte zum Buchinstitut Krakau und zu erfahreneren Übersetzerkollegen knüpfen, sodass ich irgendwann mein erstes übersetztes Buch in den Händen hielt: Wojciech Jagielskis Nocny wędrowcy [dt. Titel: Wanderer der Nacht].

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Die polnische und die deutsche Kultur sind einander doch relativ ähnlich, daher kann man hier kaum von „Distanz“ sprechen, sondern eher von kulturellen Besonderheiten oder besonderen Themen, die ein Land betreffen. Und gerade diese machen das Übersetzen ja so spannend und wichtig!
Als Beispiel ließe sich hier ein Krimi von Mariusz Czubaj nennen, den ich gerade übersetzt habe. Dieser Krimi spielt zum Teil in einem Priesterseminar und nimmt die dort herrschenden Hierarchien sehr kritisch aufs Korn. Diese Auseinandersetzung mit Kirchenhierarchien halte ich für ein eher polnisches Thema, da die (katholische) Kirche in Polen einen ganz anderen Stellenwert besitzt als in Deutschland. Zwar wird die Kirche hierzulande auch immer wieder harsch kritisiert, aber ich glaube, dass sie die Allgemeinheit nicht so stark beschäftigt wie in Polen.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Dazu muss ich vorab sagen, dass ich mich dem Übersetzen noch nicht übermäßig lange widme, tatsächlich erst seit 2008/2009, und die Liste der von mir übersetzten Bücher und Texte demnach auch noch nicht übermäßig lang ist. Daher hatte ich bisher das Glück, durch sprachliche Dinge noch nicht an den Rand der Verzweiflung gebracht worden zu sein.
Schwierig stelle ich es mir vor, einen Text zu übersetzen, der einem als Übersetzer sprachlich „nicht liegt“. In meiner bisherigen Laufbahn bin ich bereits manches Mal auf Bücher gestoßen, die ich vom Inhalt her außerordentlich spannend und lesenswert fand, bei denen sich in mir jedoch keine sprachliche Vorstellung bildete, d.h. bei deren Lektüre sich nicht das Gefühl einstellte, zu wissen, wie sie auf Deutsch klingen würden. Man muss einen Text spüren, um ihn übersetzen zu können. Spürt man ihn nicht, ist man nicht der geeignete Übersetzer für ihn.

Zwar nicht an den Rand der Verzweiflung gebracht, aber dennoch länger beschäftigt als geahnt, haben mich kürzlich pädagogische Schriften von Maria Falska und Janusz Korczak. Sie enthielten zahlreiche Gesprächszitate aus dem Leben des Internats, die meistens aus sehr kurzen und knappen Äußerungen bestanden – das Polnische verfügt ja über eine beneidenswerte Zahl an Möglichkeiten des praktischen Kurzsatzes mit unpersönlicher Verbform. In solchen Fällen wird man als Übersetzer durch die Beschaffenheiten der Sprachen gezwungen, konkreter zu sein als das Original, und das verlangt schon einiges an Grübelei. Dazu kam noch als Besonderheit dieser Texte, dass längere Textpassagen häufig den Charakter von Notizen hatten und die Sätze manches Mal gar kein Verb enthielten, sondern stattdessen einen Gedankenstrich. Von letzteren wimmelte es ohnehin im ganzen Text, was das Verständnis und die Übersetzung nicht gerade erleichterte. Kurz gesagt: eine Herausforderung!

Welche Rolle spielen bei Ihnen für den Übersetzungsprozess die Kontakte und der Austausch mit den Autoren?

Der Kontakt und der Austausch mit den Autoren spielen in meiner übersetzerischen Tätigkeit eine große Rolle. Ich bitte die polnischen Verlage jedes Mal um die E-Mail-Adresse des Autors, weil sich auf diese Weise unklare Stellen klären und allgemeine Fragen zum Buch am leichtesten besprechen lassen. Um noch einmal auf den Czubaj-Krimi zurückzukommen: Es handelt sich dabei um den ersten Band einer Krimiserie, und so erkundigte ich mich beim Autor beispielsweise danach, ob verschiedene der auftretenden Personen auch in den nächsten Bänden eine Rolle spielen werden – in solch einem Fall gestaltet sich natürlich der Kontext der Figur ganz anders.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Oh ja, natürlich, und nicht nur eines. Als erstes wäre da das Buch, das ich mir zu Beginn meiner Übersetzerlaufbahn ausgesucht und lange Zeit hindurch verschiedenen Verlagen angeboten habe – leider bis jetzt ohne Erfolg. Es handelt sich um eine reportageähnliche Erzählung von Michał Olszewski über Polen früher und heute, über die Veränderungen, die das Land zur Zeit durchmacht und vor allem über polnische Randgebiete, die sich diesen Veränderungen entziehen – hier ging es um die Gegend in der Nähe des Kaliningrader Gebiets. Ich finde diese Erzählung nach wie vor wunderbar und gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich doch noch eine Möglichkeit bietet ...
Generell liegt mir die Gattung der Reportage besonders am Herzen. So würde ich natürlich liebend gern alle vorigen und weiteren Bücher von Wojciech Jagielski übersetzen sowie auch andere, der „polnischen Schule der Reportage“ zuzuordnende Werke.
Aus diesem Grund veranstalte ich dieses Jahr in Zusammenarbeit mit der deutsch-polnischen Buchhandlung „Buchbund“ in Berlin eine Reihe von Gesprächen mit insgesamt zehn polnischen Reportagenschreibern, die ihr aktuelles Buch vorstellen. Der erste Gast war Wojciech Jagielski, als nächste kommen Lidia Ostałowska, Witold Szabłowski, Wojciech Górecki. Alle Verlagsvertreter sind natürlich herzlich eingeladen ... und ich hoffe sehr, dass sich auf diesem Gebiet etwas bewegt!

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Ich betrachte meine Übersetzungen als etwas Künstlerisches und Handwerkliches zugleich. Natürlich ist Übersetzen eine kreative Tätigkeit, aber eben nur innerhalb eines gewissen, vom Originalautor vorgegebenen Rahmens. Die Kunst des Übersetzers besteht darin, dem Autor seine Stimme in der betreffenden Zielsprache zu leihen. Übersetzen ist die Kunst, den sprachlichen Klang, die Eigenheiten eines Textes aufnehmen und übernehmen zu können. Manchmal denke ich, es ist ein wenig wie Kreuzworträtseln: innerhalb eines festgelegten Rahmens ist ein passender Ausdruck zu finden ... Natürlich ist diese Tätigkeit nicht neutral, nicht frei von eigenem Klang; jede Übersetzung ist eine Interpretation. Sie sorgt dafür, dass ein Text in der übersetzten Sprache lebt. Aber innerhalb dieses Rahmens zu schaffen ist etwas völlig anderes, als frei zu schaffen. Deshalb stimme ich auch nicht mit der oft geäußerten Meinung überein, am Literaturübersetzer sei ein Schriftsteller verlorengegangen – für mich sind diese beiden Tätigkeiten etwas Grundverschiedenes.

„Einer Übersetzung darf man auf keinen Fall anmerken, dass sie eine Übersetzung ist.“ – „Dem Leser einer Übersetzung muss ein bestimmtes Maß an Fremdheit zugemutet werden dürfen.“ Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie eher zu und warum?

Das ist eine schwierige Frage. Im Grunde stimme ich beiden Aussagen zu. Sie schließen sich meiner Meinung nach auch nicht unbedingt aus. Eine Übersetzung sollte natürlich nicht „übersetzt“, d.h. hölzern und holprig klingen. Andererseits kann eine gewisse Fremdheit, etwas Ungewohntes ja gerade das Reizvolle sein und sollte einem Text daher nicht völlig genommen werden. Ich denke, man kann durchaus so übersetzen, dass der Text angenehm zu lesen ist und sich dennoch eine gewisse Fremdheit bewahrt.
Deswegen gefällt es mir gut, was der Verlag, in dem der Czubaj-Krimi auf Deutsch erscheint, vorschlug: die polnischen Vornamen auch in ihrer abgekürzten Form so zu belassen (d.h. z.B. Krzysztof – Krzysiek), auch auf die Gefahr hin, dass der deutsche Leser nicht sofort begreift, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. In dem Krimi kamen obendrein einige nicht-standardsprachliche Ausdrücke vor, die wir nicht ausgelassen oder „wegübersetzt“ haben, sondern so in den Kontext eingebaut, dass sie für den deutschen Leser erschließbar sind. Das waren z.B. die kukurydze: die an Maiskolben erinnernden Hochhäuser der Milleniumssiedlung in Katowice – hier müssten zumindest österreichische Leser (Mais wird in Österreich „Kukuruz“ genannt) den Ausdruck spontan verstehen – oder auch die dresiarze: umschrieben als junge Prolotypen im Trainingsdress, oder die tirówki: Prostituierte, die an Autobahnraststätten auf den LKW (T.I.R.)-Standplätzen auf Kunden warten. Das finde ich eine gute Idee und sehr spannend, sowohl für mich als Übersetzerin als auch für den Leser.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ja, ich lebe vom Übersetzen. Allerdings dürfte meine Wahlheimat Berlin einer der wenigen Orte Deutschlands oder gar Europas sein, in denen so etwas möglich ist. Natürlich bin ich alles andere als reich - aber dafür ist Übersetzen nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung für mich, und das kann eigentlich gar nicht in Geld aufgewogen werden.  

Wichtigste Übersetzungen:

  • Wojciech Jagielski: Wanderer der Nacht [Originaltitel: Nocni wędrowcy]. Transit, Berlin 2010
  • Bartłomiej Rychter: Die Bestie von Sanok [Originaltitel: Złoty wilk]. DTV, München 2012.
  • Serhij Zhadan (Hrsg.): Totalniy futbol. Eine polnisch-ukrainische Fußballreise [Originaltitel: Dryblując przez granicę]. Edition Suhrkamp Sonderdruck 2012.
  • Irena Grudzińska-Gross: Czesław Miłosz und Joseph Brodsky. Die Freundschaft zweier Dichter [Originaltitel: Miłosz i Brodski. Pole magnetyczne]. Peter Lang, Frankfurt/Main, Warschau 2012.
  • Mariusz Czubaj: 21:37. Prospero, Münster 2013.