Übersetzer im Gespräch Jacek St. Buras

Jacek St. Buras
Jacek St. Buras | © Alicja Buras

„Das Übersetzen ist eine Beschäftigung für Besessene, denen die reine Freude an der Ausübung des Berufs die unvermeidlichen finanziellen Enttäuschungen, die mangelnde öffentliche Anerkennung und Resonanz, das ewige Im-Schatten-der-Autoren-Stehen aufzuwiegen vermag.“

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Anlagen zum Übersetzer, hatte ich – ich sag es mal unbescheiden, wenngleich im Scherz – wohl schon von Kind an. Ich meine damit den Hang, aber auch eine bestimmte Fähigkeit, Menschen, vor allem jedoch deren Redeweise nachzuahmen, also gewisse schauspielerische Gaben, die einhergehen mit dem Spaß, den man am Spiel mit der Sprache hat, am Verdrehen von Wörtern, dem Erfinden neuer Wörter, was übrigens ein beliebter Zeitvertreib in meiner Familie war. Später lernte ich durch eine Fügung des Schicksals gut Deutsch (ich ging drei Jahre lang in Wien zur Schule) und machte mir so eine Ausgangssprache zueigen, was bekanntlich die Grundvoraussetzung für den Übersetzerberuf ist.
Dennoch hatte ich, schon Student der Warschauer Germanistik, ursprünglich vor, mich mit Literaturwissenschaft zu befassen, und zwar eigentümlicherweise mit dem deutschen Barock... Diese meine Pläne durchkreuzten die Ereignisse von 1968, bei denen ich mich engagiert hatte. Als Folge davon bekam ich keine Assistentenstelle, wurde nicht zur Promotion zugelassen (nicht mal extern) und hatte große Schwierigkeiten, überhaupt eine sinnvolle Arbeit zu finden. In dieser nicht eben leichten Situation fing ich an, die unterschiedlichsten Texte zu übersetzen: für den Rundfunk, für Zeitschriften, Auftrags- und Gebrauchsarbeiten für allerlei Institutionen – Literarisches war leider nur selten darunter. Damals übersetzte ich auch eine Menge Texte ins Deutsche, was ich später zu vermeiden suchte. Es war eine typische Lohnarbeit, aber dank meiner schon eingangs erwähnten Vorlieben machte sie mir viel Freude. Ich denke, ich habe in dieser Zeit trotz allem viel gelernt, ich hatte mit höchst unterschiedlichen Ausdrucksarten und Sprechweisen zu tun gehabt, hatte die Sprache trainiert und meinen Wortschatz bereichert, was mir in späteren Jahren sehr zupasse kam. Einiges an literarischen Texten – Gedichte, Theaterstücke, Essays, Prosa – übersetzte ich damals auch, gewissermaßen nebenbei, aber mein Abenteuer als Übersetzer deutsprachiger Literatur begann erst richtig in den achtziger Jahren.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Am heftigsten habe ich wohl die Dissonanz zwischen meinen Eindrücken (sowie den absehbaren Eindrücken der Rezipienten, der Leser und der Zuschauer) und den Intentionen des Autors empfunden, als ich Heinrich von Kleists Der Prinz von Homburg übersetzte. Das ist ein großartiges Drama, ein bedeutendes Werk mit phantastischen Rollen, aber dieses Stück wurde geschrieben, um dem preußischen Adel während seines Ringens mit Napoleon den Rücken zu stärken, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als Preußen eine von den drei Teilermächten Polens war. Kleist übt in seinem Stück zwar Kritik an dem auf bedingungslosem Gehorsam fußenden Modell des preußischen Staates, aber der preußische Patriotismus oder Nationalismus ist, aus historischen Gründen, nicht gerade das, was uns in Polen besonders nahe stünde.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Verzweiflung ist ein sehr großes Wort. Natürlich, das Wissen um eine erlittene Niederlage kann arg frustrierend sein. Ein Übersetzer sollte jedoch über ein großes Maß an Bescheidenheit verfügen und sich bewusst sein, dass seine Lösungen trotz besten Willens und größter Anstrengungen mitunter unvollkommen sind, manchmal in einem Maße, dass er sich gezwungen sieht, Abstand zu nehmen von der Übersetzung eines Gedichts oder gar eines Dramas oder eines Romans, sofern er in seiner Sprache keine zufriedenstellenden Entsprechungen für die Einfälle des Autors zu finden vermag. Denn die Veröffentlichung einer misslungenen Übersetzung, die künstlerisch weit hinter dem Original zurückbleibt, ist absolut peinlich und schädlich. Gewiss, auf die treffende Lösung zu kommen, kann bisweilen unsagbar mühselig sein. Die Erfahrung hat mich jedoch gelehrt, dass man nicht vorzeitig aufgeben darf. Einmal, als ich Thomas Bernhards Stück Der Theatermacher übersetzte, war ich ganz kurz davor, die Arbeit hinzuwerfen, weil mir tagelang kein treffendes Äquivalent für das Schlüsselwort „Blutwursttag“ aus der ersten Szene des Stücks einfiel. Wenn ich das Problem nicht gelöst hätte, hätte ich aufgeben müssen. Ob das Verzweiflung war? Ich weiß es nicht. Aber ich erinnere mich gut an das Gefühl der Genugtuung, als mir plötzlich das richtige Wort einfiel. Wen es interessiert, der möge die polnische Übersetzung des Stücks einsehen.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Beginnen wir damit, dass sich im allgemeinen der Text für mich entscheidet. So hat das angefangen, so hat sich das eingebürgert. Bis heute übersetze ich hauptsächlich Texte (Gedichte, Theaterstücke, Prosa), die mir die Verlage oder die Theater anbieten. Es ist schon vorgekommen, dass ich die Übersetzung eines Werks abgelehnt habe wegen seines geringfügigen künstlerischen Werts: seiner banalen Fabel, der mangelhaften Konstruktion, uninteressanten Sprache, aber manchmal auch im Hinblick auf die ideelle Haltung, die mir nicht behagte. Generell betrachtet, interessieren mich Werke von hohem künstlerischem Rang, in ihrer Aussage mit meinen Ansichten möglichst verträgliche, ehrgeizige, sprachlich originelle, ja sogar schwierige und sehr schwierige Werke, die dennoch nicht unüberwindbare Schwierigkeiten vor einem auftürmen. Das muss vor allem ein Text sein, den ich auf seinen diversen Ebenen verstehen kann, selbst wenn einem dieses Verstehen eine gewaltige Anstrengung abverlangt (wie beispielsweise die Gedichte von Paul Celan, Gottfried Benn oder Ernst Jandl). Einen Text, der für mich ein Rätsel ist, kann ich allerdings nicht übersetzen. Texte zu übersetzen, ohne sie zu verstehen (was leider vorkommt), halte ich für unverantwortlich. Und das Übersetzen von künstlerisch seichten Werken für überflüssig.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Ehrlich gesagt, es spielt im allgemeinen gar keine. Ich gehe von der Voraussetzung aus, dass alles, was der Autor in dem vorliegenden Werk zu sagen hatte, in dem von ihm verfassten Text enthalten ist (oder sein sollte). Diesen Text muss ich, sämtliche nur möglichen Methoden und Mittel einsetzend, von Grund auf verstehen und ihn, gemäß meinem Verständnis, übersetzen. Natürlich geschieht es hin und wieder, wenn auch höchst selten, dass ich einen Autor nach irgendeinem Detail befrage. Unlängst, als wir, meine Frau Alicja und ich, gemeinsam den Roman Die Arbeit der Nacht des österreichischen Prosaikers Thomas Glavinic übersetzten, hielten wir es für geboten, den Autor nach einem gewissen geheimnisvollen Gegenstand zu befragen, der wieder und wieder in diesem Werk auftauchte. Thomas Glavinic antwortete, er habe jenes nicht näher definierbare Etwas (mit dem rätselhaften Namen „Werkstoff“) in seinem Werk gezielt eingeführt, um die Atmosphäre der Ungewissheit in diesem Katastrophenroman noch zu potenzieren. Unter seinen zahlreichen Übersetzern aber seien wir die ersten, die sich nach dieser geheimnisvollen Sache erkundigt hätten...

Gibt es ein deutsches Werk, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ich würde liebend gern den Faust II von Goethe übersetzen. Es ist nun genau 15 Jahre her, dass ich den ersten Teil dieses in jeder Hinsicht außergewöhnlichen, in seiner Art einmaligen Werkes in meiner Übersetzung herausgebracht habe. Ich hoffe, es gelingt mir noch, seinen zweiten, um so viel umfangreicheren und schwierigeren, Teil zu übersetzen. Ich arbeite daran.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Meine Arbeit als Übersetzer von Belletristik betrachte ich als künstlerische Tätigkeit (oder vielmehr als künstlerisches Schaffen), und zwar in dem Grade und Maße, in welchem das beispielsweise auch für die Arbeit eines Schauspielers am Theater oder eines Pianisten gilt, anders gesagt - als die Tätigkeit eines ausübenden Künstlers, eines Künstlers, der interpretiert. Jede Übersetzung ist ja eine Art schöpferische Interpretation des Originaltextes, ist dessen Neuerschaffung, bei der man die Mittel einer anderen Sprache einsetzt. Sie ist, ja sie sollte ein Kunstwerk sein, das diesen Namen verdient in dem nämlichen Maße, in dem ihn das Originalwerk verdient.

Was würden Sie jungen Leuten raten, die sich mit dem Gedanken tragen, den Übersetzerberuf zu ergreifen?

Nun ja, meiner sich auf jahrelange Erfahrung gründenden Überzeugung nach, ist das eine Beschäftigung für Besessene, denen die reine Freude an der Ausübung des Berufs die unvermeidlichen finanziellen Enttäuschungen, die mangelnde öffentliche Anerkennung und Resonanz, das ewige Im-Schatten-der-Autoren-Stehen aufzuwiegen vermag. Es wäre also angebracht, sich selbst zu befragen, ob das Übersetzen von Literatur für mich eine ausreichend fesselnde Beschäftigung sein könnte, denn falls nicht, sollte man sich besser nicht aufopfern. Auch wäre es nicht verkehrt, die eigenen natürlichen Voraussetzungen einmal kritisch zu prüfen – das Ohr für Sprachen, die Sensibilität für den Rhythmus und die Melodie geschriebener wie mündlicher Rede, das vorhandene (oder nicht vorhandene) Talent, sich zwanglos in der Sprache bewegen zu können und so weiter. Mit diesen Eigenschaften geht das Interesse für Sprache als solcher einher, denn sie ist das alleinige Arbeitsinstrument des Übersetzers. Dieses Instrument gilt es ununterbrochen zu vervollkommnen, ein Leben lang – es genügt nicht, nur bereit zu sein, die Anstrengung auf sich zu nehmen, die Beschäftigung mit Sprache sollte vielmehr echtes Vergnügen bereiten. Darüber hinaus sollte man bereit sein, ununterbrochen, angestrengt und, was wichtig ist, selbständig an der Verbesserung seiner übersetzerischen Fähigkeiten zu arbeiten, denn das nehmen uns weder Kurse noch Workshops ab. Natürlich bin ich mir bewusst, dass man auch diesen Beruf, wie jeden anderen, auf eine Weise ausüben kann, die von Vollkommenheit weit entfernt ist.

Sie sind Redakteur der Reihe KROKI/SCHRITTE, durch Ihre Hände gehen sämtliche dafür übersetzten Bücher. Hat dieses Projekt Ihr Verhältnis zur Arbeit des Übersetzers verändert?

Wohl kaum. Es hat mich eher noch in der Überzeugung bestärkt, wie wichtig und unersetzlich, und doch zugleich notorisch unterschätzt der Beruf des literarischen Übersetzers ist. Bislang sind in dieser Reihe 44 Übersetzungen hervorragender, wichtiger oder zumindest interessanter, in sprachlicher Hinsicht ausnahmslos ambitionierter, manchmal sehr schwieriger Bücher erschienen. Sie im Original zu lesen, wären nur sehr wenige polnische Leser imstande gewesen. Den Zugang zu diesen Büchern verdanken wir einem Kreis von Übersetzern, deren Talent und oft über Jahre hinweg perfektionierte Fertigkeiten sie befähigten, den mitunter halsbrecherischen Aufgaben gewachsen zu sein. Keine Maschine wäre damit fertiggeworden.

„Einer Übersetzung darf man auf keinen Fall anmerken, dass sie eine Übersetzung ist.“ – „Dem Leser einer Übersetzung muss ein bestimmtes Maß an Fremdheit zugemutet werden dürfen“. Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie eher zu und warum?

Entschieden näher steht mir die erste der beiden genannten Thesen, aus dem einfachen Grund: Ich halte (gemäß meiner Antwort auf eine der vorangegangenen Fragen) die Übersetzung eines literarischen Werkes für ein autonomes Kunstwerk, welches in der Wahrnehmung des Lesers so weit wie nur möglich den Eindruck erwecken sollte, es handle sich um ein Originalwerk. Ein gewisses Fremdheitsgefühl lässt sich im allgemeinen ohnehin schwer vermeiden, was zum Beispiel an fremd klingenden Bezeichnungen, Namen oder Vornamen liegen kann, denn bei der „Eingemeindung“ eines Werks über die Übersetzung sollte man sich vor Extremen besser hüten. Aber das bewusste oder auf Leichtfertigkeit zurückgehende Signal an den Leser, dass das Buch, das er liest, kein Originalwerk, also kein vollständig glaubwürdiger Text ist, halte ich für ein Missverständnis.

Wichtigste Übersetzungen:

  • Robert Musil Człowiek matematyczny i inne eseje [Titel des Originals: Der mathematische Mensch und andere Essays], Czytelnik 1995
  • Johann Wolfgang Goethe Faust, część I, [Titel des Originals: Faust, Teil I], Wydawnictwo Literackie 1997
  • Christoph Ransmayr Ostatni świat, [Titel des Originals: Die letzte Welt], Wydawnictwo Sic! 1998
  • Heinrich von Kleist Dramaty wybrane (Rozbity dzban; Kasia z Heilbronnu; Książę Homburg), [Titel des Originals: Ausgewählte Werke (Der zerbrochene Krug; Käthchen von Heilbronn; Der Prinz von Homburg)], Wydawnictwo Literackie, Kraków 2000
  • Bertolt Brecht Opera za trzy grosze, [Titel des Originals: Die Dreigroschenoper], Oficyna Wydawnicza ATUT 2008