Übersetzer im Gespräch Barbara Samborska

Barbara Samborska
Barbara Samborska | © Polnisches Institut Düsseldorf

„Ich glaube, man muss einfach in beiden Kulturen zuhause sein (...). Nur dann kann man versuchen, die jeweils andere Kultur den Leuten in seinem Heimatland zugänglich zu machen.“

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Im Leben entscheiden oft die Umstände darüber, ob etwas klappt oder nicht. Ursprünglich hatte ich mit Polen oder der polnischen Sprache überhaupt nichts am Hut. Ich studierte in Halle Romanistik und Germanistik und war zwar literaturbesessen, dabei aber absolut frankophil. Dann kam, wie gleichfalls oft im Leben, eine Beziehung dazu. Nur, dass mein Partner kein französischer, sondern ein polnischer Ingenieur war, der sich mit Deutsch mindestens genauso schwer tat, wie ich mit Polnisch. Aber ich habe wohl ein sehr offenes Ohr für Sprachen. Irgendwann haben wir geheiratet und sind nach Warschau gezogen. Mir wurde dann auch sofort eine Stelle als Lektorin in der Germanistik angeboten. Die Romanisten hatten leider nichts frei.
Warschau war natürlich eine gewaltige Umstellung, die tagtägliche Auseinandersetzung mit der polnischen Sprache schweißtreibend, aber ein absoluter Gewinn.
Zum Übersetzen „verdonnert“ wurde ich von der Institutsleitung. Dort war nämlich eine Anfrage eingegangen, ob man denn niemanden hätte, der diverse Bücher (Bildbände über Polen und später dann Kinder- und Jugendliteratur) ins Deutsche übersetzen könnte. Auf meine abwehrende Geste, von wegen mangelndes Polnisch, reagierte man mit einer einfachen Antwort: Sie machen das schon! Also tat ich, wie mir befohlen.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Meine ersten Schritte waren sehr mühsam. Ich musste mir nicht nur unbekannte Wendungen aneignen, sondern auch tief eintauchen in die Mentalität meines Gastlandes, mich mit Gepflogenheiten und Brauchtum bekannt machen. Denn wenn man etwas vermitteln will, muss man es zunächst erst selbst verstehen. Und davon war ich in den ersten Jahren weit entfernt. Es wäre mir nicht mal im Traum eingefallen, mich damals als Übersetzer zu bezeichnen.
Ich glaube, man muss einfach in beiden Kulturen zuhause sein, und ich denke, das bin ich mittlerweile. Nur dann kann man versuchen, die jeweils andere Kultur den Leuten in seinem Heimatland zugänglich zu machen. Ich finde es manchmal erschreckend, wie wenig europäische Nachbarn voneinander wissen. Und da spielt es keine Rolle, ob das Nachbarland östlich oder westlich vom eigenen liegt.
Ich hoffe wenigstens, dass es durch Literaturübersetzungen zumindest ansatzweise gelingt, dem Leser etwas von der Denkweise, der Mentalität und dem Verhalten literarischer Gestalten aus einem benachbarten Land zu vermitteln. Andererseits sind die Probleme, die die Menschen in jedem Land bewegen, so alt wie die Menschheit selbst und sich darin trotz unterschiedlicher Lebensbedingungen absolut ähnlich. Und das wiederum kann das Verständnis für den anderen erleichtern. Immer vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein.

Bei welchem der Texte, die sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Seltsamerweise kann ich diese Frage nicht wirklich beantworten. Ich habe mittlerweile die Hälfte meines bisherigen Lebens in Polen verbracht, die andere Hälfte in Deutschland bzw. in anderen Ländern. Ich hatte daher bei keinem der Texte ein Gefühl von Fremdheit. Ich habe aber manchmal den Eindruck, die deutschen Leser erwarten, alles auf dem Tablett serviert zu bekommen. Es regt mich zum Beispiel echt auf, wenn sich Leser darüber beschweren, dass polnische Namen so schwer auszusprechen oder zu lesen sind. Zugegeben, an skandinavische oder italienische gewöhnt man sich beim Lesen leichter. Aber, liebe Leute, lasst euch doch mal auf das Abenteuer ein! Denn hinter diesen komplizierten Namen verbirgt sich oft eine spannende, interessante Story, aus der man auch etwas für die eigene Bildung herauslesen kann.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Die Übersetzung der Narrenturm-Trilogie war eine echte Herausforderung. Nicht so sehr der Sprache wegen – ich liebe gute historische Romane und bin durch langjähriges Lesen mit deren sprachlichen Besonderheiten durchaus vertraut – sondern wegen der ewigen Suche nach deutschen Ortsnamen. Andrzej Sapkowski hat die drei Bände für seine polnischen Leser zu Recht mit den gängigen polnischen Ortsnamen bestückt. Nun gehörte aber ein Großteil von Schlesien im 15. Jahrhundert zum deutschen Sprachbereich. Ich war also ständig im Netz unterwegs auf der Suche nach deutschen Ortsbezeichnungen aus jener Zeit und den Namen deutscher Einwandererfamilien aus Adelskreisen. Die Adelsfamilien waren dank einer Dissertation an der Universität Breslau relativ schnell gefunden. Aber an den Ortsnamen habe ich mir an einer Stelle fast die Zähne ausgebissen. Vier Namen konnte ich finden, drei blieben unerforscht. Auch erweiterte Suchen blieben ergebnislos. Was tun? Also habe ich Andrzej Sapkowski angerufen, von dem ich gehört hatte, er ließe sich nicht gern behelligen. Gemeinsam suchten wir die ominöse Stelle. Sapkowski lachte: „Die ersten vier gibt oder gab es tatsächlich, die übrigen drei habe ich dazu erfunden. Denk dir eine nette Übersetzung aus.“ Um dem leidigen Problem in den Gottesstreitern aus dem Wege zu gehen, hatte ich Kontakt zu Sapkowskis tschechischem Übersetzer geknüpft. Ich habe dieser Zusammenarbeit wirklich viel zu verdanken. Bei Lux perpetua waren dann schon alle Fronten geklärt.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Die Entscheidung liegt eigentlich nicht bei mir, sondern bei den Verlagen. Die Anzahl der Übersetzungen aus dem Polnischen ins Deutsche hält sich sehr in Grenzen. Der deutsche Buchmarkt orientiert sich bei Übersetzungen nun mal am Geschäft, und das Angebot an polnischen Büchern ist sehr überschaubar. Einerseits würde ich gern mehr übersetzen, andererseits passiert es immer wieder, dass bereits getroffene Entscheidungen zurückgestellt werden, weil man sich von einem anderen ausländischen Titel ein besseres Geschäft verspricht.

Welche Rolle spielt für Sie das Gespräch mit dem Autor?

Ich halte es für enorm wichtig. Wenn die Möglichkeit besteht, mit dem Autor zu kommunizieren, nehme ich das gerne wahr. Zwei Autoren habe ich nicht persönlich kennen gelernt, einer davon hat mir aber trotzdem sehr geholfen, Pawel Jaszczuk, der Autor des Romans Der Teufel von Lemberg. Das Buch erschien bei dtv zwar als Krimi, ist aber eigentlich ein Sittengemälde der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts und zeigt das Lemberg jener Tage in seiner ganzen ethnischen Vielfalt. Der Autor stellte mir einen Stadtplan aus jenen Tagen und einen Stadtführer zur Verfügung, und so konnte ich munter drauflos übersetzen.
Mit zwei Autoren war ich in Deutschland auf Lesereise. Das geschieht zwar erst, nachdem der jeweilige Titel in Deutschland erschienen ist, aber es ist eine hervorragende Gelegenheit, sich für eine eventuelle weitere Zusammenarbeit besser kennenzulernen.
Sehr wichtig ist für mich im Moment das Gespräch mit Zyta Rudzka, die für ihr Drama Kaltes Büffet 2011 mehrere Preise erhielt. Ich erarbeite in einem Translatorium mit Studenten der Viadrina den Text für eine szenische Lesung an einem Berliner Theater im kommenden Frühjahr. Da es bei Theaterstücken nur minimale Hinweise auf die Intention der einzelnen Figuren gibt, ist man schon glücklich, wenn man sich bei der Autorin noch mal vergewissern kann, ob das auch so und nicht anders gemeint ist, Doppeldeutigkeiten nicht ausgeschlossen.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Es gibt mehrere, allen voran Das Mädchen mit den Schwefelhölzern von Anna Janko. Ich habe bisher vergeblich bei mehreren renommierten Verlagen in Deutschland versucht, das Buch unterzubringen, weil Janko nicht nur eine berührende Frauengeschichte schildert, sondern fast jeder Satz von ihr verrät, dass sie eigentlich in der Poesie zu Hause ist. Schließlich hat sie mehrere ausgezeichnete Gedichtbände veröffentlicht. Ich versuche es immer wieder, weil ich es schade fände, deutschen Leserinnen, denen gute Bücher wichtig sind, diesen Titel vorzuenthalten.
Und ich wünsche mir, Sapkowski würde sich noch mal mit so viel Bravour an einem weiteren historischen Thema von europäischem Format versuchen. Da wäre ich sofort dabei.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Werke?

So vermessen bin ich nicht. Ich glaube, wir Übersetzer gehören wohl eher in dieselbe Kategorie wie die Kopisten von Gemälden. Es gibt wahre Könner, aber auch sie kopieren eben nur das Original in all seinen Facetten. Es heißt ja nicht umsonst – Kunst kommt von Können. Und Können wird dem Übersetzer schon abverlangt. Jedes neue Buch ist eine neue Herausforderung in sprachlicher Hinsicht und in Bezug auf seine Allgemeinbildung. Ich glaube manchmal, Leser und Verlage setzen voraus, dass sich der Übersetzer einfach in allem auskennt. Geht es heute um Bibelzitate oder den Talmud, ist morgen vielleicht schon ein ganz anderes Fachgebiet gefragt, in das man sich einarbeiten muss, um der Materie Herr zu werden, die das Buch vor einem ausbreitet. Eins wird es einem aber nie – langweilig.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Auf jeden Fall nicht vom Übersetzen von Literatur. Ich glaube, jeder von uns hat seine ständige Einnahmequelle und betrachtet Literaturübersetzungen als Zubrot. Leider ist das so. Es gibt nach wie vor Bestrebungen, die Übersetzern höhere Honorare bringen sollen, aber bei der gegenwärtigen Marktlage dürfte das wohl schwerlich gelingen. Eins ist auf jeden Fall positiv, Übersetzer werden stärker wahrgenommen. Auch dank dieser Initiative des Goethe-Instituts.

Wichtigste Übersetzungen:

  • Andrzej Sapkowski: Narrenturm [Originaltitel: Narrenturm], dtv München, Oktober 2005
  • Andrzej Sapkowski: Gottesstreiter [Originaltitel: Boży bojownicy], dtv München, Oktober 2006
  • Andrzej Sapkowski: Lux perpetua [Originaltitel: Lux perpetua], dtv München, Herbst 2007
  • Bartosz Żurawiecki: Drei Herren im Bett [Originaltitel: Trzech panów w łóżku, nie licząc kota], dtv München, Frühjahr 2008.
  • Paweł Jaszczuk: Der Teufel von Lemberg [Originaltitel: Foresta Umbra], dtv München, September 2009
  • Izabela Szolc: Ein stiller Mörder [Originaltitel: Cichy zabójca], Prospero Münster, März 2012