Übersetzer im Gespräch Eliza Borg

„Die Literatur ist eines der Kulturgüter einer Gesellschaft, die Kunst des Wortes, das ist eine Binsenweisheit, und sie widerspiegelt in geringerem oder größerem Maße die Spezifik der Gesellschaft in der sie entsteht, in diesem Sinne also ist der Übersetzer der Vermittler zwischen zwei Kulturen, der seiner eigenen angestammten Kultur eine andere, ‚fremde‘, näherbringt.“

Eliza Borg Eliza Borg | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Ein bisschen durch Zufall. Eine Kollegin, Maria Przybyłowska, schlug mir gegen Ende der Achtziger die Zusammenarbeit vor und zwar gleich zu Anfang an einem guten und wichtigen Buch, nämlich Heimatmuseum von Siegfried Lenz. Das war für mich als „Neuling“ (denn Übersetzerin war ich zu dem Zeitpunkt mit Sicherheit noch nicht, hatte ich doch bis dahin nur eine geringe Einzelerfahrung) so, als hätte man mich ins tiefe Wasser geworfen. Aber ich habe dabei sehr viel gelernt und erste Erfahrungen am Werk eines hervorragenden Schriftstellers machen dürfen. Einen besseren Einstieg und einen größeren Glücksfall kann man sich kaum vorstellen. Heimatmuseum ist bis heute immer noch mein Lieblingsbuch, und die Arbeit daran eine meiner wichtigsten.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Karl Dedecius, der verdiente Übersetzer und Förderer polnischer Literatur in Deutschland, hat eine schöne Metapher für die Rolle des Übersetzers gefunden, als er von einer Person sprach, die die Inhalte einer Sprache über einen Grenzfluss zum anderen, fremden Ufer hinüber trägt, (er benutzte dabei geschickt das Wortspiel übersetzenübersetzen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Metapher getreu wiedergegeben habe, aber das war zumindest der Sinn). Es ist interessant, dass die polnische Sprache aus einer ganz anderen Quelle schöpft, um unsere Arbeit zu beschreiben: „tłumaczyć” heißt, etwas Unverständliches erklären, in diesem Fall die Inhalte einer fremden, unverständlichen Sprache. Der andere polnische Begriff dafür – „przekładać“ – kommt der deutschen Bezeichnung schon näher. Die Literatur ist eines der Kulturgüter einer Gesellschaft, die Kunst des Wortes, das ist eine Binsenweisheit, und sie widerspiegelt in geringerem oder größerem Maße die Spezifik der Gesellschaft in der sie entsteht, in diesem Sinne also ist der Übersetzer der Vermittler zwischen zwei Kulturen, der seiner eigenen angestammten Kultur eine andere, „fremde“, näherbringt.
Andererseits denke ich aber, es gibt zahlreiche literarische Werke, die auf ihre Weise „universell“ – nicht durch nationale oder kulturelle Spezifik geprägt – oder aber einfach sehr persönlich sind. In diesem Falle überträgt der Übersetzer nicht zwingend ein Werk aus einer anderen Kultur, sondern ganz einfach die eigene, individuelle Welt des Autors.

Bei welchem Text, den Sie übersetzt haben, war für sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ich glaube, ich hatte noch nie mit Büchern zu tun, bei denen ich eine übergroße kulturelle Fremdheit oder gar einen Kulturschock empfunden hätte. Ich denke, ungeachtet aller historischen Konflikte bewirkt die unmittelbare Nachbarschaft von Polen und Deutschen und das gemeinsame Erbe dessen, was wir als europäische Kultur bezeichnen (die hellenische und die lateinisch-christliche Tradition, die Ideen der Aufklärung usw.), dass wir uns in wesentlichen Fragen gar nicht allzu sehr voneinander unterscheiden. Meinem Empfinden nach sind die Unterschiede auf die jeweils andere Mentalität zurückzuführen, aber hier würden wir in den Sumpf nationaler Stereotype gelangen, da lasse ich diesen Faden besser fallen und halte mich lieber an ein ebenfalls gemeinsam mit Maria Przybyłowska übersetztes Buch, bei dem ich eine große Ähnlichkeit bei den Problemen und den Gestalten empfunden habe. Gottesdiener von Petra Morsbach handelt von den allzu menschlichen Schwächen und Zwiespälten eines katholischen Priesters (und darüberhinaus der Kirche) in Bayern und den seiner geistlichen Obhut anvertrauten Schäfchen. Mir war, als hätte ich von den Problemen der polnischen Geistlichen gelesen!

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Soweit ist es nie gekommen, ich habe allerdings auch noch kein derart sprachliches Phänomen wie zum Beispiel Finnegans Wake von James Joyce übersetzen müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich der Übersetzer Krzysztof Bartnicki die Haare gerauft hat, andererseits ist das eine unglaubliche Herausforderung zu irren Wortneuschöpfungen. Sehr schwierig zu übersetzen, allerdings auf andere Weise als Joyce’ Werk, war Heimatmuseum wegen der Fülle ostpreußischer Regionalismen, und wir hatten damals, vor mehr als 20 Jahren, große Probleme damit, an entsprechende Wörterbücher zu gelangen, es war nicht so wie heute. Als wir letztes Jahr Verbesserungen zur 2. Ausgabe einfügten, standen uns bereits mehrere deutsche Internet-Wörterbücher zur Verfügung, zum Beispiel ein Wörterbuch des masurischen Dialekts, zusammengestellt von Erwin Kruk. Ich erinnere mich noch, wie viel Mühe wir hatten, das Wort „Kadik“ herauszubekommen – ganz einfach Wacholder. Es ist amüsant, dass wir uns in der polnischen Übersetzung auf die Version „kadyk“ geeinigt haben, denn wie sich später in Gesprächen mit Ortsansässigen, häufig aber auch in die Masuren Zugereisten herausstellte, ist dieses Wort dort heute noch bekannt und gebräuchlich.
Eine andere, wirklich schwierige Übersetzung war ein Text aus der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, Aufzeichnungen des Dominikaners Martin Gruneweg (Fragmente). Beim ersten Lesen habe ich vielleicht ein Viertel oder noch weniger davon verstanden. Aber ich habe es geschafft, mithilfe von Quellen und Leuten, während ich fieberhaft versuchte, mich an früher erworbenes Wissen über die erste und zweite Lautverschiebung, die Diphtongierung, die Monophtongierung und andere Veränderungen in der Entwicklung der deutschen Sprache zu erinnern. Das war in der Tat eine echte Herausforderung.
Eine Sache gibt es, die mich bei der Übersetzung an den Rand der Verzweiflung treiben kann – Zitate im Text ohne Seitenangabe der zitierten Quelle, was mich so manches Mal zum zeitraubenden Durchblättern Hunderter von Seiten polnischer Übersetzung zwang, um endlich auf den zitierten einen Satz, das Satzfragment oder manchmal nur auf ein einziges Wort zu stoßen!

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Oft entscheidet der Text (das heißt der Verlag) darüber, dass ich ihn übersetzen soll, wenn ich aber die Möglichkeit habe zu wählen, dann muss mir das Buch ganz einfach gefallen oder zumindest wichtig und gut geschrieben sein – es sollte gute, wertvolle Literatur sein. Sie muss nicht mit meinen Ansichten übereinstimmen, ich muss mich nicht mit dem Autor identifizieren. Es ist schon vorgekommen, dass ich Bücher mit einem inneren Kontra zum Autor übersetzt habe, und ich hoffe, ich habe sie nicht weniger sorgfältig übersetzt als jene, von denen ich begeistert war.

Welche Rolle spielt für Sie das Gespräch mit dem Autor?

Wenn eine solche Möglichkeit besteht, nutze ich sie gern. Diese Art von Zusammenarbeit konnte ich bei der Übersetzung von Jenny Erpenbecks Heimsuchung gar nicht hoch genug schätzen. Und dann noch die Möglichkeit, den eigentlichen „Helden“ dieser Geschichte – das Haus, sein Inneres und seinen Garten mit eigenen Augen zu sehen, war bei der Übersetzung aller Beschreibungen („Visualisierung!“) außerordentlich hilfreich, auch wenn das Buch keine Dokumentation, keine Reportage und kein autobiografisches Werk ist, sondern reine Literatur.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ich träume seit Jahren davon, einen Verlag zu finden, der das Romandebüt Klosterschule der österreichischen Schriftstellerin Barbara Frischmuth herausbringt, bislang leider ohne Erfolg. Ich finde auch die anderen Bücher dieser Autorin großartig (zwei davon sind schon vor einiger Zeit auf Polnisch erschienen), sie sind es wert, dass polnische Leser sie kennen lernen (zum Beispiel Die Mystifikationen der Sophie Silber oder Die amoralische Kinderklappe – für Kinder).
Mein Lieblingsautor, den ich auch nur schwer „an den Mann bringen“ kann, ist Kurt Tucholsky mit seinen politischen und gesellschaftskritischen Texten, seinen Humoresken und Satiren. Angeblich ist seine Zeit schon vorbei … Sehr schade.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungen als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Werke?

Als eigenständige Werke würde ich wohl eher die Übersetzung von Poesie oder experimenteller Prosa betrachten (siehe Finnegans Wake), was das Übrige anbelangt, denke ich, dass meine Arbeit ein bisschen so etwas ist wie die Kopie eines Originals, eine Kopie aber, wenn sie auch noch so genial ist, wäre ohne die Existenz des Originals nicht denkbar. In der äußeren, der sprachlichen Schicht kann sie großartig sein und oft ist sie es auch, aber ich persönlich hege große Demut und Respekt vor dem wahren Schöpfer, dem Autor des Werkes. Andererseits kann man nicht verhehlen, dass die Arbeit des Übersetzers Erfindungsgeist und „Kreativität“ verlangt und nicht bloß Zugang zum Wörterbuch.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Schwer zu sagen – ich musste es nie, weil ich über dreißig Jahre lang am Institut für Germanistik gearbeitet habe, also ein ständiges Einkommen hatte, und das Honorar für Übersetzungen war nur ein Zubrot zum Verdienst. Ich weiß, wenn ich diese Arbeit nicht hätte, müsste ich mehr und schneller übersetzen, um davon leben zu können. Ich bin wohl der Typ des langsamen Übersetzers, zu kurze Termine setzen mich eher unter Stress.

Wichtigste Übersetzungen:

  • Siegfried Lenz: Muzeum ziemi ojczystej [Originaltitel: Heimatmuseum], Czytelnik 1991 (gemeinsam mit Maria Przybyłowska)
  • Elias Canetti: Masa i władza [Originaltitel: Masse und Macht], Czytelnik 1996 (gemeinsam mit Maria Przybyłowska)
  • Linde Salber: Nieznany ląd. Freud i kobiety [Originaltitel: Der dunkle Kontinent. Freud und die Frauen], Nisza 2008
  • Jenny Erpenbeck: Klucz do ogrodu [Originaltitel: Heimsuchung], WAB 2010
  • Die Aufzeichnungen des Dominikaners Martin Gruneweg – tekst z XVI/XVII wieku. Publikacja m.in. towarzysząca wystawie „Pod wspólnym niebem“, 2012 [Begleittext zur Ausstellung „Unter gemeinsamem Himmel”]