Übersetzer im Gespräch Karl Dedecius

Karl Dedecius Karl Dedecius | © Pawel Mazur Karl Dedecius: Entschuldigen Sie, dass ich nur kurz auf Ihre Fragen antworte, aber meine Hemmungen sind groß. Ich arbeite gerade unter Druck an der Vollendung meines letzten Buches, eines Albums über mein Leben und Werk (Text und Bild), bin inzwischen 91 Jahre alt und sehr langsam und auch von Krankheiten geplagt. Meine zweite Hemmung besteht darin, dass ich in den vergangenen 60 Jahren meiner Beschäftigung mit Übersetzungen polnischer Texte unzählige Interviews gegeben habe und darin fast alles schon gesagt hatte, manches sogar wiederholt, was ich aus meiner Erfahrung sagen konnte. Ich habe also große Angst, Ihre Fragen mit Banalitäten zu beantworten, was ich am Ende meines Daseins als Übersetzer meiden sollte.

Herr Dedecius, seit Jahrzehnten sind Sie erfolgreich als Übersetzer tätig. Was waren Ihre Lieblingsprojekte, Lieblingsübersetzungen?

Da ich etwa 3.000 Gedichte von 300 Dichtern übersetzt habe, was ich mir zum Lebensziel gemacht hatte, wollte ich nicht nur die bedeutendsten Erscheinungen in meine Pläne einbeziehen, sondern Polen in Gänze als Kultur- und literarische Nation – im Lande, im Exil und in der Illegalität – darstellen. Mich haben viele Aspekte dieser Aufgabe gereizt und motiviert. Nobelpreisträger, große Vertreter literarischer Gruppen, Moden, Ideen und Formen, auch folkloristisch interessante Vertreter, so bitte ich um Entschuldigung, dass ich ganz ungern aus diesem Füllhorn, das eine Ganzheit darstellen soll, eine Einzelheit herausgreife.
Natürlich habe ich Vorlieben, und das sind in erster Linie Vertreter meiner Generation und dann die Vertreter der Regionen, Heimatvertriebene, wie Różewicz, Herbert, Miłosz, Szymborska, Zagajewski und viele andere. Weil ich unsere Schicksale, wenn auch von verschiedenen Seiten beleuchtet, vergleichen und verständlich machen wollte. Deshalb auch das ständige Bedürfnis, neue, andere, mit anderen Schwerpunkten und an ein anderes Publikum sich richtende Anthologien zusammenzustellen. Jemand der gut rechnen kann, ich kann es nicht, hat herausgefunden, dass ich 60 verschiedene Anthologien veröffentlicht habe – das wollte ich selbst nicht glauben. Aber es ist aus den angeführten Gründen wahrscheinlich.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Es gibt Kunstwerke, deren Kunstcharakter auch ein Übersetzer zu wahren verpflichtet ist. Andere Texte, avantgardistische, historische, experimentelle, humoristische, verlangen andere Vorgehensweisen. Ich versuche nicht nur Texte und ihre Musik zu übersetzen und ihre Ideologie und ihre verschmitzte Verschlüsselung, sondern auch die Form, zu der sich der Autor entschlossen hat. Dieses Verfahren setzt Kompromisse auf beiden Seiten voraus, die ich dann mit dem Autor zu diskutieren versuche. Deshalb meine Vorliebe grundsätzlich für lebende Autoren und mein Bestreben, sie kennenzulernen, um alle schwierigen Fragen der Form und des Inhalts mit ihnen zu besprechen.

Könnten Sie vom Übersetzen leben?

Leben könnte ich vom Übersetzen nicht, deshalb habe ich lebenslänglich Brotberufe ausgeübt, um meine materielle Sicherheit zu stabilisieren und übersetzt habe ich bis zuletzt als Hobby und fast ausschließlich ehrenamtlich.

Eine typische Assoziation, die viele vom Übersetzer haben, ist ein Mensch am Schreibtisch, tage- und nächtelang in einem Raum voller Bücher. Verraten Sie uns, wie Sie Ihren Übersetzeralltag gestalten und über die Jahre gestaltet haben?

Wie ich meinen Übersetzeralltag gestaltet habe, das hing vor allem von meiner beruflichen Beanspruchung ab, wie viel Freizeit sie mir noch für das Übersetzen gelassen hatte. Grundsätzlich war es entbehrungsreich auf dem privaten Sektor, erbarmungslos fleißig und zeitraubend (Sonntage, Feiertage und lange Nächte am Schreibtisch).

Stimmen Sie dem zu, dass Übersetzungen klassischer Werke veralten, die Originaltexte aber nicht?

Ich stelle mir vor, dass die Übersetzer je nach Zeit, Charakter, Talent, Bekenntnis unterschiedliche Wege gehen und unterschiedliche Ziele im Sinn haben. Solange die Autoren immer jünger werden, veralten die klassischen Werke immer schneller. Aber das ist ganz natürlich. Für Autor und Übersetzer versiegt die sprudelnde Quelle der Gedanken und der Gefühle nie, allen Übersetzern und Autoren stehen Projekte ohne Ende offen, sobald sie ihre Quelle finden.

Haben oder hatten Sie als Übersetzer Vorbilder?

Natürlich hatte ich Vorbilder und natürlich würde ich sie auch den jungen Kollegen empfehlen. Sie stehen begründet in meinem Buch Vom Übersetzen (Suhrkamp, Taschenbuch 1986): Horaz, Hieronymus, Voss, Goethe, Wieland – sie hatten ihre Erfahrung am kürzesten und prägnantesten formuliert und ihre Grundsätze finde ich in meiner jahrzehntelang dauernden Arbeit fast restlos bestätigt.
In Płock ist ein Buch des Germanisten Prof. Kuczyński erschienen, in dem er viele von dem ihm zugänglichen Interviews mit mir in polnischer Sprache (die meisten habe ich in Polen auf Polnisch gegeben) versammelt und publiziert hat – Pół wieku tłumaczenia. Rozmowy z Karlem Dedeciusem 1959–2009.