Übersetzer im Gespräch Roswitha Matwin-Buschmann

„Die Übersetzung eines literarischen Meisterwerks würde ich allenfalls als Kunst.Werk bezeichnen. Was, so geschrieben, für mich hieße: Es hatte mit großer Kunst zu tun, an der gearbeitet wurde, um sie zu erschließen.“ 

Roswitha Matwin-Buschmann Roswitha Matwin-Buschmann | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Vermutlich doch nicht wie die Jungfrau zum Kinde. Etwas muss da schon angelegt gewesen sein, sozusagen im Keim, lange bevor ich auch nur ahnte, dass es so eine Tätigkeit überhaupt gab.
Meine Mutter hatte einen Bruder, der Rezitator war. Bei uns daheim gab es ein Foto: er, blutjung, elegant, gestikulierend, im schwarzen Frack, an dem eine große weiße Blüte steckte. Ich bewunderte ihn maßlos und beneidete ihn um seinen Beruf.
Meine Mutter hatte einen Cousin, der Schauspieler und Sänger an der Dresdener Oper gewesen war. Er beeindruckte mich stark noch als älterer Herr.
Meine Mutter besaß noch zwei weitere Brüder. Der eine hatte mit Handel und Sprachen zu tun und die halbe Welt bereist, der andere hatte in Riga studiert, war Altphilologe und lehrte Religionsgeschichte und Latein.
Meine Mutter hätte gern Französisch studiert, doch für die Jüngste reichte das Geld nicht mehr.
Mein Vater war Musiker und spielte mehrere Instrumente.
Einer meiner Brüder hatte ein absolutes Gehör...

Erste Vermutung:
Es konnte doch sein, dass ich etwas abgekriegt hatte von dieser Fülle oder für mich etwas davon übrig geblieben war, das mich, vorerst unbemerkt, jedoch unaufhaltsam in eine verwandte Richtung, eben zum Übersetzen von Literatur, drängte.
Wie der Vater in Martin Walsers wunderbarem Buch Ein springender Brunnen für seinen kleinen Sohn aufbewahrenswerte Wörter in den „Wörterbaum“ hängt, so hängte meine Mutter für uns Kinder mehr und mehr Gedichte in unseren „Gedichtebaum“, nahm uns mit ins Konzert und ins Theater. Meine Brüder entzückte das wenig. Sie zogen lieber über die Äcker, um etwas heller gefärbte Exemplare von Feldmäusen auszugraben, aus denen sie dann echte weiße Mäuse zu züchten gedachten. Ich hingegen war ganz Ohr, konnte all die Verse bald auswendig und las daheim, eingeklemmt zwischen Bücherschrank und Kanapee, lange Theaterstücke laut vor mich hin. Wenig später machte ich Kabarett. Und bald darauf sang ich auch, nun schon öffentlich, Lieder von Schubert, Brahms und Hugo Wolf, jene schönen Lieder nach den schönen Dichterworten – „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde, ich finde sie nimmermehr...“, „Vorüber, ach vorüber, geh wilder Knochenmann...“, „Früh, wann die Hähne krähn, muss ich am Herde stehn, muss Feuer zünden...“
Wort. Stimme. Verwandlung. Das war doch schon ganz nah! Wieso studierte ich dann nicht Gesang oder Schauspiel oder etwas in der Art, sondern verschrieb mich, aus purer Neugier, diesem aufreibenden und wenig befriedigenden Hochleistungssport, dem Dolmetschen von - wie sich bald herausstellte - Konferenzen und Politikerreden?
Zweite Vermutung:
Vielleicht hatte ich noch allerlei auszuprobieren, zu trainieren, um mich später, mit geschärftem Blick, endgültig für das zu entscheiden, was mir wohl zugedacht war?
Das Leipziger Dolmetscher-Institut bot nichts Nennenswertes, zum Glück gab es die Vorlesungen von Hans Mayer in der Alten Uni und gab es die Studentenbühne unter Adolf Dresen, wo wir auch Stücke neu bearbeiteten. Damals entdeckte, rezitierte und sang ich Brecht und zog mit der Truppe als Jüdische Frau mit Furcht und Elend des Dritten Reiches durch den Landkreis Teterow.
Die drei Pflichtjahre, uns vom Staat als Tribut für das kostenlose Studium abverlangt, brachte ich im diplomatischen Dienst in Breslau und Warschau zu, wo ich bald insgeheim Texte für ein paar polnische Kulturmagazine übersetzte. Dort auch bündelten sich sehr rasch alle meine Wünsche, klärten sich alle meine Vorstellungen, meldeten sich alle meine Gaben zu Wort, fasste ich endlich den ausschlaggebenden Entschluss.
Binnen kurzem fing ich in einem Ostberliner Verlag als Lektorin für Polnisch und die übrigen slawischen Literaturen an, bald darauf begann ich mit der Übersetzung des ersten Buches. 1966 erschien Lems Roman Der Unbesiegbare, damals noch unter meinem sogenannten Mädchennamen - das Buch, das seltsamerweise unter allen meinen Arbeiten bislang die höchste Auflagenzahl erreicht hat und auch heute noch immer wieder neu aufgelegt wird.
Gewiss, ich hatte mich allein entschieden, hatte allein gehandelt. Die Bedingungen jedoch, die ich in Berlin vorfand, spielten mir tatsächlich alles zu, was nötig war, um meine Wünsche wahr werden zu lassen. Damals war es ein Leichtes, Lektorin zu werden, und es war ein Leichtes, interessante und anspruchsvolle Literatur übersetzen zu dürfen, sofern man das nur ernsthaft wollte und bewies, dass man etwas konnte.
Dritte Vermutung:
Ich war einfach nur ausgeschert (keine meiner Kommilitoninnen und keiner meiner Kommilitonen hatte das gewagt) und hatte so gefunden, was ich, wie mir scheint, schon immer hatte finden sollen.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Hier suggeriert die Frage auch sofort die Antwort: Tja eben, zu vermitteln. Aber „Vermittler“? Ist das Wort auch wirklich passend? Mir jedenfalls fällt dabei eine „Mittelsperson“ ein, ein angeheuerter, neutraler Jemand, der, dienstleistend, ein Geschäft zwischen zwei Kontrahenten abwickelt und damit (eine Stange) Geld verdient, womöglich gar eine Art Dealer.
Man „sucht“ oder „findet“ einen „geeigneten, einen bescheidenen Mittler“, lese ich in meinem heißgeliebten „Klappenbach“. Nun, das wäre es doch! Geeignet und bescheiden, so wie uns die kulturelle Öffentlichkeit in der Regel haben will, wenn möglich, sogar demütig!
Es ist zweifellos schwierig, diesen Beruf treffend zu beschreiben. Was tun wir eigentlich, wir literarischen Übersetzer? Es gibt eine Menge netter Bezeichnungen für uns: Wir sind „Fährleute“, die eine Fracht von einem Ufer ans andere befördern. Wir sind „Brückenbauer“ und „Brückenschläger zwischen den Kulturen“, „Kulturboten“ und (wohl doch verdächtige) „Grenzgänger“, nach Carl Amery aber auch „Grenzwächter“, die den „Ansturm der Pidgin-Trivialität durch möglichst lebenskräftige Fortifikation ihrer eigenen Sprache abzuwehren haben“, was „unversehens ... zu einer sozialen und moralischen Funktion des Übersetzers“ wird. Mehr schon überzeugt mich die Berufsbezeichnung „Kuriere des Geistes“.
Aber schließen wir, zur Aufbesserung des Selbstbewusstseins und zum Trost, mit den Worten des großen deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe: „Was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eins der wichtigsten und würdigsten Geschäfte im allgemeinen Weltwesen.“

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Wenn ich das Wort „Distanz“ nicht als weltenweiten Abstand oder unüberbrückbaren Graben verstehen soll, sondern schlicht als einen gewissen Unterschied verstehen darf, ist die Antwort auf die Frage leicht, obwohl es mitnichten leicht, sondern vielmehr im höchsten Maße abenteuerlich und schwierig für mich war, hinter das Geheimnis jenes Textes zu kommen.
Kazimierz Brandys, der Autor von Wariacje pocztowe (Variationen in Briefen) hatte sein Buch vor dem Ostberliner Verlag Volk und Welt für unübersetzbar erklärt. Ahnungslos versicherte ich dem Verlag, für mich sei das machbar.
K. Brandys ließ in seinen Variationen Väter und Söhne des kleinadeligen Geschlechts der Zabierskis miteinander Briefe wechseln. Die fingierte Familienchronik umspannte 8 Generationen und erstreckte sich über den Zeitraum von 1770–1970, mithin über zwei Jahrhunderte bewegter, oft tragischer polnischer Geschichte. Brandys, als brillanter Stilist bekannt, setzte in diesen Korrespondenzen, nach sorgfältigen Quellenstudien, bewusst die Sprache der jeweiligen Zeit ein.
Aber: Das Polnisch des Jahres 1770 war dem Deutsch von 1770 nicht vergleichbar. Das Polnische klang archaischer, war durch die ausgebliebene, oder unterdrückte, Reformation noch weitaus enger dem Latein verhaftet...
Um den sprühenden Witz, die schillernde sprachliche Gestalt des Werkes nebst der jeweiligen Orthographie zu erhalten, hatte ich mich also in meinen Quellenstudien noch um rund 80 Jahre, nämlich bis zu Christian Reuters „Schellmuffskys wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Land“ von 1696, zurückzubegeben und über Monate in dicken Diktionären die Wandlungen der deutschen Sprache und deren Schreibung innerhalb der zwei Jahrhunderte zu verfolgen.
Selbst die Akademiker vom Grimmschen Wörterbuch hielten ein Gelingen des tollkühnen Versuchs für ausgeschlossen. Großzügig stellten sie mir ein gutes halbes Jahr lang ihr sämtliches Material, die ganze Bibliothek mit ihren Schätzen zur Verfügung und hielten mir, zweifelnd und hoffend, die Daumen. Irgendwann hatte ich es dann geschafft (heute weiß ich nicht mehr, wie) und hatte auch sie überzeugt. Es war unser gemeinsamer Erfolg.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte ich für den Leipziger Reclam-Verlag den Roman Abschied vom Herbst von Stanisław Ignacy Witkiewicz, genannt Witkacy, zu übersetzen. Witkacy, das Universaltalent: Dramatiker, Romancier, Philosoph, Maler, Kunsttheoretiker, der „todernste Clown aus Zakopane“, Wegbereiter des absurden Theaters in der Kunst, des Existenzialismus in der polnischen Philosophie, hatte 1925 einen nachgerade prophetischen Roman geschrieben, der in dekadenten polnischen Künstlerkreisen, im Milieu reicher jüdischer Unternehmer, im Umkreis mondäner, intelligenter und skrupelloser Frauen, korrupter Vertreter der Katholischen Kirche und primitiver, einer heraufziehenden „nivellistischen“ (will heißen: real-sozialistischen) Gesellschaft angehörender Proleten-Funktionäre spielte. Das ging, wüst, turbulent und brillant, über Hunderte von textgespickten Seiten.
Ich studierte Witkacys philosophische Ansichten, seinen Briefwechsel mit deutschen Philosophen, mochte seinen überspannten, verdrehten und zugleich harmlos-naiven Haupthelden Atanazy Bazakbal und dessen Verlobte, Freundinnen und Freunde. Aber mit der Zeit brachten sie mich allesamt, Seite für Seite mehr, mit ihren aberwitzigen geistigen und körperlichen Eskapaden und ihren endlosen Spekulationen über das längst besiegelte Ende von Philosophie, Religion und Kunst wirklich zur Verzweiflung. In den Nächten, da ich in Berlin resigniert über meiner alten „Olympia“- Schreibmaschine hing, nannte ich den Autor alias seinen Haupthelden, ich gestehe es, nie anders als: „ten przeklęty“ („der Verdammte“), was übrigens, so fand ich, genau zu ihm passte.
Im Frühjahr 1991, Abschied vom Herbst war soeben in Leipzig erschienen, machten wir, der polnische Schauspieler Olgierd Łukaszewicz und ich, in einer Veranstaltung des Goethe-Instituts Warschau eine Lesung mit verteilten Rollen, deren Clou in ihrer konsequenten Zweisprachigkeit bestand: Wenn der eine Partner den anderen auf Polnisch ansprach (also mit dem Text des Originals), antwortete der andere auf Deutsch (mit dem Text der Übersetzung). Das Publikum in dem großen vollen Saal ging begeistert mit. Und ich hatte mich rehabilitiert vor dem Genie Witkacy.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Ich liebe die Abwechslung, was das Genre und was die Autoren betrifft. Es muss sein, was ich unter guter Literatur verstehe, das ist das einzige Kriterium. Meist bieten einem die Verlage auch das Richtige an.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Ich mag Schriftsteller, aber ich mag auch Maler und Musiker und Schauspieler. Manche Kollegen arbeiten mit „ihren“ Autoren, das ist mir bekannt. Unter „den meinigen“ gibt es viele, die längst tot sind - Słowacki, Przybyszewski, Witkiewicz, Korczak, Leśmian, Hłasko, Breza, Zajdel... Doch abgesehen davon, ich wüsste kaum, was ich einen Autor fragen sollte, es sei denn, es handelte sich um Zitate. Einen Text muss ich in seinem Rhythmus, seiner Melodie, in seinem Klang erspüren, dabei kann mir niemand helfen, nicht mal der Verfasser. Um mich bei Zweifeln vergewissern zu können, habe ich „meine“ polnischen „Gewährsleute“ - Freunde und Berufskollegen, die in ihrer Sprache firm sind. Sie sind für mich mitunter unentbehrlich.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Es gibt sogar drei, für mich höchst verlockende. Leider hindern mich persönliche Umstände schon seit ein paar Jahren am Übersetzen. Irgendwann einmal wieder? Vielleicht...

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Gewiss, die Literatur gehört zu den Schönen Künsten. Und doch ist nicht jeder Roman ein Kunstwerk. Was die Belletristik betrifft, würde ich, in dem genannten Fall, auch lieber Meisterwerk sagen. Es gibt sehr viele, vielleicht viel zu viele neue Bücher, aber nicht sehr viele Meisterwerke. Das Übersetzen von Literatur halte ich für eine phantastische Kombination aus Sinnlichkeit und logischem Denken und zugleich für ein intensives Sprachtraining. Wenn ich ein Kunst- oder besser, ein Meisterwerk der Literatur übersetzt haben würde, würde ich die Übersetzung allenfalls als Kunst.Werk bezeichnen. Was, so geschrieben, für mich hieße: Es hatte mit großer Kunst zu tun, an der gearbeitet wurde, um sie zu erschließen.

Was das Übersetzen noch für mich ist? Hier, so erlaubt, mein privates „Glaubensbekenntnis“:

Wenn das Übersetzen für mich nicht wäre:
Broterwerb – Zubrot,
ruinöses Geschäft – purer Gewinn,
dauernde Zumutung – unumgängliche Anmaßung,
Gaukelei – redliches Handwerk,
Jonglierkunst – Knochenarbeit – Ausdauertraining
Verwandlungsspiel – Balanceakt – Reinfall,
Selbstverleugnung – Treuebruch,
eitel Freude – liebe Not,
gieriges Zuhören – hartes Hinschauen,
ein heikles Tun, intimes Treiben, das am Ende
auch noch öffentlich wird –
wenn es das alles für mich nicht wäre,
dann wäre es, vielleicht,
eine Aufforderung zum Tanz:
Der Melodie des Originals vertrauen,
sich willig seinem Rhythmus fügen.
Jeder neue Text ein neuer Tanz, Tanz aus der Reihe,
Tanz auf fremder Hochzeit...

Auswahl literarischer Übersetzungen:

  • Stanislaw Lem: Die Stimme des Herrn (poln. Głos Pana)
  • Tadeusz Nowak: Und wenn du König und wenn du Henker bist (poln. A jak królem, a jak katem będziesz)
  • Marek Hłasko: Die schönen Zwanzigjährigen (poln. Piękni dwudziestoletni)
  • Janusz Anderman: Randland der Welt (poln. Kraj świata)
  • Tadeusz Różewicz: In der schönsten Stadt der Welt (poln. W najpiękniejszym mieście świata)
  • Wiesław Myśliwski: Der helle Horizont (poln. Widnokrąg)