Übersetzer im Gespräch Olaf Kühl

„Bei Polen und Deutschland kann man von einer Distanz eigentlich nicht sprechen. Die historischen Gemeinsamkeiten überwiegen, auch die Struktur der Sprachen ähnelt sich, bis hinein in die rhetorischen Figuren und die Denkweise.“

Olaf Kühl Olaf Kühl | © Jan Zappner Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Übersetzer zu werden, war nie mein bewusstes Ziel. Um mein Slawistikstudium zu finanzieren, habe ich kunsthistorische Texte der sowjetischen Zeit aus dem Russischen übersetzt. Nach dem Studium habe ich als Nachtwächter gearbeitet, um meine Familie zu ernähren. Dann lud mich Prof. Rolf Fieguth zur Mitarbeit an der Neuausgabe der Werke von Witold Gombrowicz im Hanser Verlag ein. Für mich als Anfänger war das eine große Herausforderung. Bald danach kamen Anfragen zur Übersetzung polnischer Autoren von anderen Verlagen. Und von da an konnte ich über einen Auftragsmangel nicht mehr klagen.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Eine sehr große natürlich. Über diese Rolle ist aber auch schon viel gesagt worden, die einschlägigen Metaphern für die Arbeit des Übersetzers sind bekannt, deshalb möchte ich das hier nicht wiederholen.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Bei Polen und Deutschland kann man von einer Distanz eigentlich nicht sprechen. Die historischen Gemeinsamkeiten überwiegen, auch die Struktur der Sprachen ähnelt sich, bis hinein in die rhetorischen Figuren und die Denkweise. Mehr noch, ich sehe bei nicht wenigen polnischen Autoren das Bestreben, sich Leseerwartungen des deutschen Publikums anzuverwandeln, vor allem bei Autoren, die hier übersetzt werden und oft zu Lesereisen nach Deutschland kommen. Sie scheinen in einer Art vorauseilenden mentalen Gehorsams insgeheim vor allem schon für ihr deutsches Publikum zu schreiben. Und der deutsche Leser, statt sich dem Fremden in der polnischen Kultur zu öffnen, entzückt sich dann an seinem polnisch gefärbten Spiegelbild. Ganz sicher gibt es Zeitverschiebungen. Was in Deutschland von der Generation der 68er an Gesellschaftskritik abgehandelt war, tauchte in der polnischen Literatur erst nach der Wende auf. Wenn Dorota Masłowskas Konsumkritik nach Gudrun Ensslin klingt, ist das nicht nur ein verspätetes Echo. Es ist zugleich Zitat und Metamorphose. Das Revolutionäre der Sprache von Masłowska befruchtet und überlagert die bekannten deutschen Stimmen und verleiht ihnen einen neuen Hallraum. Vielleicht sind wir in einer Etappe, da wir wieder bewusst darauf achten sollten, was Deutsche und Polen unterscheidet, um von da aus in einen neuen Dialog einzutreten.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Verzweiflung wäre übertrieben. Treffender ist resignierter Verzicht - auf bestimmte schöne Seiten des Polnischen, die dem Deutschen einfach abgehen. Der Instrumentalis zum Beispiel, der fünfte Fall, der Dichter wie Bruno Schulz oder Julian Przyboś zur poetischen Umgestaltung der Welt, nicht nur ihrer Beschreibung, befähigt. Reich-Ranicki hatte schon Recht mit seiner Behauptung, die Stärke der polnischen Literatur liege in ihrer Lyrik. Oder ingressive Präfixe wie das „za“, das einen Anfang markiert. Wenn man sich einmal mit diesen Mängeln abgefunden hat, kann man umgekehrt ganz bewusst die Vorzüge der deutschen Sprache aufbieten, um da wieder etwas wett zu machen. Über die langen Zeitläufte hinweg ist es vielleicht gar so, dass eine Sprache aus der anderen Möglichkeiten herauskitzelt, die in ihr bislang nicht aktualisiert waren.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Ganz egoistisch nach meinem persönlichen Geschmack. Da ich ökonomisch nicht ausschließlich vom Übersetzen abhänge, kann ich mir aussuchen, was ich mache. Autoren, die sich selbst mit jedem neuen Buch kopieren, interessieren mich nicht. Es muss eine Herausforderung in der Sprache sein. Manchmal spielt auch die Person eine Rolle im Sinne einer kreativen Potenz, von der man sich etwas für die Zukunft erwartet. Deshalb lohnt es sich, Michał Witkowski zu übersetzen, auch wenn er manchmal Schrott liefert.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass der Autor nicht viel zu sagen hat, was seinen Text angeht. Nicht der Autor, sondern sein Text hat das letzte Wort. Der Schriftsteller weiß ja oft gar nicht, was sich ihm da alles geschrieben hat, um mit Gombrowicz zu reden. Deshalb ist es nicht sinnvoll, ihn danach zu fragen, es sei denn, das dient der Beseitigung tatsächlicher Missverständnisse. Ein- oder zweimal im Leben ist es mir sogar passiert, dass die persönliche Bekanntschaft mit dem Autor mir auch noch die letzten Illusionen über sein Werk geraubt hat. Glücklicherweise überwog aber die erfreuliche Erfahrung, dass sich mit einigen Autoren über die Jahre hinweg, auf Lese- und anderen Reisen, enge Freundschaften entwickeln konnten. Wenn Texte und Personen sich so in anregender Harmonie verbinden, ist das eine große Bereicherung für das eigene Leben.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

In letzter Zeit langweile ich mich mit der polnischen Literatur. Ich bin gespannt auf den neuen Roman von Dorota Masłowska, das nächste Poem von Tomasz Różycki und ich hege die heimliche Hoffnung, dass irgendwo in der polnischen Provinz ein ganz junger (oder vielleicht ganz alter) Mensch sitzt und schreibt, von dessen Namen noch nie jemand gehört hat.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Übersetzungen sind keine eigenständigen Kunstwerke, weil sie nicht auf eigenen Füßen stehen. Sie sind vom Original abhängig. Der Übersetzer spricht nicht, so wie der Autor. Seine Stimme hat, nach der Terminologie von Roman Ingarden, eine geringere Seinsqualität. Übersetzungen altern rascher, so wie das Klonschaf Dolly schneller alterte als ein natürlich gezeugtes Schaf. Das alles bedeutet aber nicht, dass an den Übersetzer geringere Anforderungen zu stellen wären als an den Autor. Im Gegenteil, der Autor verdankt seine Existenz in der fremden Sprache einzig und allein der geistigen Wachheit, der sprachlichen Empfindsamkeit, der Bildung und Belesenheit des Übersetzers. Das ist mir erst klar geworden, seit ich selber in andere Sprachen übersetzt werde. Gerät man an einen weniger talentierten oder oberflächlicheren Übersetzer, so findet man sich in der Zielsprache als Zerrbild seiner selbst wieder. Da kann man manchmal wirklich erschrecken. Diese umgekehrte Perspektive hat meinen Respekt vor der Rolle und Verantwortung des literarischen Übersetzers in gerade noch messbare Höhen steigen lassen.

Wie schafft man es, aus vier Sprachen zu übersetzen?

Das Entscheidende ist doch, was ich im Deutschen mache. Die unterschiedliche Vertrautheit mit den Schichten der einzelnen slawischen Sprachen kann man wettmachen, indem man sich mehr Zeit für die Arbeit nimmt, oder indem man Muttersprachler befragt, oder Wörterbücher studiert. Aber richtig ist, dass Polnisch meine erste und Russisch meine zweite Hauptsprachen sind. Dem Ukrainischen versuche ich erst seit einigen Jahren beharrlich zu Leibe zu rücken. Und aus dem Serbischen übersetze ich im Grunde eine einzige Autorin – die Kunsthistorikerin Bojana Pejić.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Allein vom Übersetzen nicht. Aber ich habe schon immer mehrere Dinge gleichzeitig gemacht. Seit vierundzwanzig Jahren bin ich Berater für die Russlandpolitik des Berliner Senats. Den rhythmischen Wechsel zwischen den einzelnen Arbeitsbereichen finde ich inspirierend. Wenn man stundenlang Stasiuk übersetzt hat und dann vom Elfenbeinturm ins Rote Rathaus kommt und auf Menschen trifft, die in ganz anderen Kategorien denken, für die ganz andere Dinge wichtig sind, und wenn man dann aus bürokratischer Banalität wieder in die Welt der Literatur fliehen kann, ist das sehr heilsam.

Sie sind selbst auch Schriftsteller. Sind Schreiben und Übersetzen für Sie sehr verschiedene Tätigkeiten?

Für mich sind es ganz unterschiedliche Tätigkeiten, auch wenn sie mit den gleichen Werkzeugen – Federkiel, Tinte und Papier – ausgeführt werden. Beim Übersetzen kann ich ungefähr sagen, wie viele Seiten ich in welchem Zeitraum schaffe. Ich kann planen. Das Schreiben ist ein sehr viel unwägbarerer Prozess. Man schöpft ja viel mehr aus dem Nichts. Man ist auf die berühmte Inspiration angewiesen. Man braucht noch mehr leere Zeit, also Muße, als Schutzhülle um die eigentliche Arbeit herum, als man dies zum Übersetzen braucht. Möglicherweise kann man als Tellerwäscher arbeiten und nachts schreiben, aber man – jedenfalls ich – kann nicht tagsüber Literatur übersetzen und dann fließend in die fiktionale Welt des eigenen Romans eintauchen. Als Übersetzer arbeite ich in und an der Sprache. Als Autor habe ich es mit ganz anderem Material zu tun – mit Personen, mit ihren Lebensläufen, mit Szenen und Dialogen. Während ich als Übersetzer von Anfang an auf die Feinheiten des Stils achte, notiere ich als Autor manche Gedanken ohne Rücksicht auf sprachliche Schludrigkeiten, um sie erst einmal festzuhalten. Und wenn die Lektorin dann nicht aufpasst, bleibt es auch so stehen.

Wichtigste übersetzte Bücher:

  • Wacław Berent. Wintersaat (poln. Ozimina). Roman. Suhrkamp, 1985.
  • Witold Gombrowicz. Tagebücher (poln. Dziennik). Hanser, 1988.
  • Andrzej Stasiuk. Die Welt hinter Dukla (poln. Dukla). Suhrkamp, 2000.
  • Dorota Masłowska. Schneeweiß und Russenrot (poln. Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną). Kiepenheuer & Witsch, 2004.
  • Dorota Masłowska. Die Reiherkönigin. Ein Rap (poln. Paw Królowej). Kiepenheuer & Witsch, 2007.