Übersetzer im Gespräch Małgorzata Łukasiewicz

Małgorzata Łukasiewicz
Małgorzata Łukasiewicz | © Lukasz Rayski

„Übersetzen ist eine Art Kunst des Lesens, Kunst der Interpretation. Wahrscheinlich steht es den ausübenden Künsten am nächsten, der Schauspielkunst und der musikalischen Interpretation. Für den seinem Beruf nachgehenden Übersetzer haben die puren Etiketten wohl kaum besondere Bedeutung.“

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Gereizt hat mich diese Beschäftigung, seit ich anfing, große Literatur im Original zu lesen. Die erste Fremdsprache, die ich gut genug konnte, war Französisch. Tja, da liest man halt, französisch, und irgendwie so von allein, nebenbei, im Hinterkopf formen sich diese Redewendungen, Sätze, Absätze auf polnisch. Ganz am Anfang hatte ich übrigens vor, mich mit französischer Literatur zu befassen. Erst später, als ich Philosophie studierte, drängte es mich plötzlich mit aller Macht in Richtung Deutsch, hin zu deutscher Literatur, deutschem Gedankengut. Was das berufliche Rüstzeug betrifft – ich hatte glänzende Lehrmeister und Mentoren: Jerzy Lisowski an der Universität, die Lektorin Wanda Lipnik beim Polnischen Wissenschaftsverlag (PWN), Jan Garewicz und Marek Siemek im Translatorium der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN), ältere Kollegen im (alten) Polnischen Schriftstellerverband (ZLP), die 1975 ein Übersetzungsseminar organisierten. Die erste gewichtige Arbeit – nach zahlreichen Übersetzungen von Pressetexten, Gebrauchstexten usw., die ich noch während des Studiums machte – war Simmels Soziologie für den Wissenschaftsverlag. Danach ging’s dann richtig los.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Das lässt sich schwer definieren und abschätzen. Die Kultur ist ein höchst kompliziertes Gebilde, und die Verständigung zwischen zwei Kulturen findet über ein kompliziertes Netz von Wegen und auf unterschiedlichen Ebenen statt. Die Literatur ist nur einer von diesen Pfaden, und ein Übersetzer allein kann, selbst wenn er sich noch so anstrengte, den Lesern in seinem eigenen Land nur einen schmalen Ausschnitt von den literarischen Schätzen einer fremden Kultur nahe bringen. Es liefe also darauf hinaus, dass ihm eine höchst bescheidene Rolle zukommt. Andererseits jedoch ist die Literatur für Leute, die lesen, noch immer der wichtigste oder zumindest ein sehr wichtiger, für das Bild anderer Kulturen ausschlaggebender Faktor. Stellen wir uns zum Beispiel vor, Günter Grass, also ein Autor, der eine Menge zum heutigen Deutschlandbild beigetragen hat, wäre seinerzeit in Polen nicht auf einen Übersetzer wie Sławomir Błaut gestoßen. Wir hätten vielleicht irgendeinen Grass auf polnisch, aber das wäre vermutlich ein langweiliger, schwerfälliger Grass, nicht einer, der durch sprachlichen Einfallsreichtum fasziniert. Man hätte keine Lust, ihn zu lesen, um seine Bücher würde sich kaum jemand scheren. Um wie viel ärmer wäre dann unser Bild von der deutschen Kultur.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ich weiß nicht, ob man innerhalb von Europa und schon gar zwischen benachbarten Ländern von kultureller Distanz sprechen kann. Wir unterscheiden uns durch die Sprache, durch die Tradition unserer Gepflogenheiten und unserer Literatur, und das stellt, zugegeben, die Übersetzer mitunter vor allerlei Schwierigkeiten, aber es erzeugt doch keine Distanz. In der Literatur, in der Kunst schlechthin haben wir eigentlich Distanzen anderer Art zu überwinden. Jedes Kunstwerk, das diesen Namen verdient, stellt eine einmalige Welt für sich dar, die nach eigenen Regeln gebaut und etwas wie ein neuer, fremder, unbekannter Kontinent ist, den jeder für sich entdecken muss.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Wenn man die eigene Arbeit entsprechend kritisch sieht, kann es auf jeder Seite Abschnitte geben, mit denen man schwer zu Rande kommt, d.h. wo man nur schwer eine Lösung findet, die einen zufrieden stellt. Man bastelt herum, sucht, knobelt, grübelt. Stundenlang, tagelang, wochenlang. Aber darin besteht ja das ganze Vergnügen.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Von so wesentlichen Fragen wie den Vertragsbedingungen mit dem Verleger mal abgesehen, achte ich vor allem darauf, ob etwas interessant genug ist, dass ich bereit wäre, so viel Zeit daran zu wenden, wie erforderlich ist, damit es auch gut wird.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Sofern sich eine Gelegenheit bietet, mache ich mit Freuden von ihr Gebrauch, und in der Regel ergeben sich daraus sehr nette und fruchtbare Kontakte. Aber mir passiert das nicht allzu oft, weil ich viele Autoren übersetzt habe und übersetze, die nicht mehr leben. Mit Hannah Arendt würde ich mich gern unterhalten wollen.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

O ja, nicht nur eins! Aber unberufen toi, toi, toi, die Titel verrate ich nicht.

Betrachten sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Übersetzen ist eine Art Kunst des Lesens, Kunst der Interpretation. Wahrscheinlich steht es den ausübenden Künsten am nächsten, der Schauspielkunst und der musikalischen Interpretation. Für den seinem Beruf nachgehenden Übersetzer haben die puren Etiketten wohl kaum besondere Bedeutung.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Bei den Honoraren, die die Verleger heutzutage für Übersetzungen aus dem Deutschen anbieten – nein. Überleben könnte man vielleicht, aber das hieße, sich halbtot zu ackern (und das ist nicht die reine Freude, und die Ergebnisse sind in der Regel schwach) oder auf die Möglichkeiten zu verzichten, an denen mir liegt.

Auswahl von Übersetzungen:

  • T. W. Adorno, M. Horkheimer, Dialektyka oświecenia [Originaltitel: Dialektik der Aufklärung]
  • Jürgen Habermas, Filozoficzny dyskurs nowoczesności [Originaltitel: Philosophischer Diskurs der Moderne]
  • F. Nietzsche, Niewczesne rozważania [Originaltitel: Unzeitgemäße Betrachtungen]
  • W.G. Sebald, Czuję. Zawrót głowy [Originaltitel: Schwindel. Gefühl]
  • R. Walser, Rodzeństwo Tanner [Originaltitel: Geschwister Tanner