Übersetzer im Gespräch Ursula Kiermeier

Ursula Kiermeier
Ursula Kiermeier | © Piotr Maur

„Die Kunst einer Übersetzerin liegt in der Lesart und der formgerechten Nachbildung aller Ebenen des Kunstwerks – das ist für meinen Geschmack Kunst genug.“ 

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Der allererste Anstoß zum Übersetzen kam im Latein-Unterricht in der Schule, den ich im Gegensatz zu vielen anderen vergöttert habe und dem ich bis heute viel verdanke: vor allem die Akribie bei der Originallektüre und das antike Bildungsgut. Meine ersten, noch nicht literarischen Übersetzungen aus dem Polnischen entstanden anonym für das hektographierte „Solidaritäts-Bulletin“, das in den späten Achtzigern in meiner Heimatstadt Mainz konspirativ polnische Untergrundartikel in deutscher Sprache veröffentlichte. An diese ersten Übersetzungen denke ich einerseits voller Nostalgie zurück, andererseits scheue ich mich, sie wieder in die Hand zu nehmen, denn mein Polnisch steckte damals noch in den Kinderschuhen, und ich will gar nicht wissen, wie viele Fehler ich gemacht habe. Dennoch war das mein bescheidener Beitrag zum Widerstand der Polen gegen den Realsozialismus, den ich nicht missen möchte. Meine ersten ernstzunehmenden literarischen Übersetzungen entstanden Anfang der 1990er Jahre für zwei Sondernummern der Krakauer Kulturzeitschrift Dekada Literacka – dort erschien unter anderem meine Nachdichtung von Wisława Szymborskas Gedicht Männerwirtschaft – und 1994 für Sinn und Form auf Anregung der Lyrikerin Karin Kiwus, die mit einer deutschen Schriftstellerdelegation (Oskar Pastior, Jürgen Becker und anderen) im Krakauer Goethe-Institut weilte und mich zum Einsenden von Nachdichtungen der Krakauer Dichterin Mira Kuś einlud. So fing alles an.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Eine Übersetzerin (ich bleibe so kurz nach dem Internationalen Frauentag mal bei der weiblichen Form) ist – ganz wörtlich genommen – Vorleserin und Fürsprecherin des fremden Textes in ihrer eigenen, der Zielkultur. Sie liest literarische Texte vor dem Lesepublikum, wählt nach ihrem Geschmack und auf Empfehlungen anderer das Beste aus, empfiehlt für gut befundene Texte deutschsprachigen Verlagen und Zeitschriften weiter, spricht für ihre literarischen Schützlinge bei Redaktionen vor, ist Agentin und Fürsprecherin ihrer Texte bei den Instanzen, die über das literarische Sein oder Nichtsein von Texten entscheiden, über die Publikation. Eine Übersetzerin liest ihre Texte ihrem Lesepublikum aber auch in einem ganz anderen Wortsinne vor, nämlich mit der eigenen Stimme. Karl Dedecius, bei dem ich ein paar Jahre in die Lehre gehen durfte, nannte den Übersetzer einen Charakterdarsteller. Das trifft es meiner Ansicht nach am besten: Übersetzende rezitieren Texte, leihen ihnen ihre Stimme, modulieren, intonieren, setzen Akzente, Tempi, wählen Tonlagen, „interpretieren“ einen Text, wie ein Sänger ein Lied „interpretiert“. Und in dieser ihrer Interpretation vermitteln sie die Texte der neuen Kultur – also nie objektiv, sondern immer durch das Prisma ihrer Stimme gebrochen.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ein Phänomen der polnischen Kultur ist mir bis heute fremd geblieben: der Messianismus. Ehe ich Polnisch lernte, gab es für mich nur ein auserwähltes Volk, das jüdische, und dass sich Polen im 19. Jahrhundert als „Christus der Nationen“ sah, erscheint mir bis heute als Hybris. Natürlich weiß ich, in welcher historischen Unterdrückungssituation der polnische Messianismus entstand und dass er ein Hoffnungsfunken in einer 123 Jahre lang ausweglos erscheinenden politischen Lage war, dennoch fremdele ich damit. Wahrscheinlich weil ich Deutsche bin: Die Vorstellung, dass eine Nation der gesamten Welt das Heil bringen will, ist mir zutiefst suspekt.
Immer, wenn ich in literarischen Texten auf Mickiewicz-Zitate stoße, muss ich also in mir selbst eine kulturelle Distanz überwinden. Die kulturelle Distanz wird dadurch noch größer, dass Mickiewicz in der deutschen Kultur – abgesehen von den kleinen Kreisen der Polonophilen – fast völlig unbekannt ist. Die Probleme des normalen deutschen Bildungsbürgers beginnen bei Mickiewicz schon mit der Aussprache. Es wäre für einen deutschen Bildungsbürger, so wir ihn denn nach PISA noch annehmen dürfen, unsäglich peinlich, wenn er Balzac oder Zola als Balsatz oder TZolla ausspräche, und allgemeines Hohngelächter wäre ihm gewiss. Doch wenn derselbe Bildungsbürger aus einem der größten polnischen Dichter unwillkürlich einen Scherz der berühmtesten Maus der Welt macht, also einen Mickie-Witz, darf man ihm das eigentlich nicht übelnehmen, man muss fast schon dankbar sein, dass er dem Namen des großen Romantikers überhaupt schon einmal begegnet ist. Es fehlt beim deutschen Lesepublikum an Elementarwissen über die polnische Literatur, insbesondere über das 19. Jahrhundert, ohne das das 20. Jahrhundert und die Gegenwart nur partiell verständlich sind. Das Unwissen des deutschen Lesepublikums ist für mich als Übersetzerin die klaffendste kulturelle Distanz, die es zu überbrücken gilt.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Der polnische Renaissancedichter Jan Kochanowski hat die Gattung der Fraszki in die polnische Literatur eingeführt. Der schlesische Barockpoet Wenzel Scherffer von Scherffenstein übersetzte Kochanowskis Gattungsbegriff als „Scherz- und Stachelgedichte“. Scherffers Übersetzung trifft die ganze Spannweite des Worts Fraszka. Eine Fraszka kann dumm herumwitzeln, existenzielle Fragen des Menschseins berühren oder vor Bosheit triefen. All das fasste Kochanowski in dem einen Wort zusammen. In der Übersetzung des Gedichtzyklus Treny/Thränen kam das Wort Fraszka an mehreren Stellen vor: Fraszka als seichtes Kinderlied, Fraszka als Spott des Todes über die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens. Ein einziges deutsches Wort kann all diese Facetten nach meinem Empfinden nicht wiedergegeben, deshalb habe ich mich für das Wortfeld tändeln – Tand (nach dem Shakespeareschen und Fontaneschen „Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand“) entschieden. So entstand in meiner Nachdichtung der Treny folgender Beginn der 11. Klage:
„Ein Tand ist die Tugend, sagt Brutus, den Tod in der Hand/
Tand, wohin man auch sieht, Tand, überall Tand“.
Bis zu dieser Lösung war es ein langer, steiniger Weg.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Das variiert. Manches wähle ich selbst aus, manches auf den Rat von Menschen, denen ich vertraue, manches, weil es mir von Verlagen oder Kultureinrichtungen angeboten wird.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Eine sehr große, wenn der Autor sich auf das Beantworten meiner Fragen einlässt und nicht meint, er könnte besser Deutsch als ich. Es gibt Autoren, die einen Kontrollzwang haben und jedes Komma in Frage stellen, obwohl die polnische Interpunktion nach völlig anderen Regeln funktioniert als die deutsche. Kurz gesagt: Von manchen Autoren habe ich im Gespräch ungemein viel über Poesie und polnische Literatur und Kultur gelernt, und ich bin ihnen für die mir geschenkte Zeit zutiefst dankbar, bei anderen war die Zusammenarbeit für beide Seiten eine Qual. Es hängt wie immer im Leben vom einzelnen Menschen ab.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ideen, Pläne und Vorlieben habe ich viele, drei Buchprojekte liegen mir gegenwärtig besonders am Herzen: Die gesammelten Gedichte Jan Kochanowskis, das opus magnum von Stanisław Vincenz und eine Anthologie der polnischen Gegenwartslyrik seit bruLion.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Wenn das Original ein Kunstwerk ist, sollte auch die Übersetzung ein Kunstwerk sein. Ich liebe es zu reimen, Wortspiele nachzubilden und im Sinne des Autors neue zu erfinden, formale und inhaltliche Äquivalenz anzustreben, die Grenzen der Wörter auszuloten und an Sprachnormen zu rütteln. Im Gegensatz zu vielen meiner KollegInnen betrachte ich das Übersetzen nicht als reines Verlustgeschäft, sondern bin der festen Überzeugung, dass ein Text in der Übersetzung Dimensionen gewinnen kann, die im Original nur latent oder gar nicht vorhanden waren. Natürlich bestimmt eine Übersetzerin nicht über Inhalt und Struktur eines literarischen Textes, das ist Aufgabe des Originalautors, die Kunst einer Übersetzerin liegt in der Lesart und der formgerechten Nachbildung aller Ebenen des Kunstwerks – das ist für meinen Geschmack Kunst genug.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Nein. Ich habe es einmal versucht, dieses Experiment hat relativ schnell mit einem Sack voller Schulden geendet. Seitdem versuche ich immer eine Festanstellung zu haben, die mir genügend Freiraum fürs Übersetzen lässt, aber trotzdem regelmäßige Einkünfte – seien sie auch noch so niedrig – garantiert. Daher habe ich seit meinem Magisterexamen an verschiedenen polnischen Universitäten gelehrt, heute arbeite ich in der Deutschlehrerausbildung am Germanistischen Institut der Jagiellonen-Universität Krakau. Nur einsam am Schreibtisch zu übersetzen, wäre für mich zu menschenfern und trist. Ich brauche den Kontakt zu lebendigen Menschen, nicht nur den zu Papier. Daher wird das Übersetzen, so sehr ich es liebe, immer nur ein Teil meines Berufslebens sein.

Auswahl literarischer Übersetzungen:

  • Jan Kochanowski: Treny. Thränen. Przekład na język niemiecki. Deutsche Nachdichtung Ursula Kiermeier. Krakau: Wydawnictwo Krakowskie 2000.
  • Zofia Nałkowska: Die Ungeduldigen. Roman. Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier. Mit einem Nachwort von Włodzimierz Bolecki. (Polnische Bibliothek) Frankfurt/Main: Suhrkamp 2000.
  • Małgorzata Saramonowicz: Die Schwester. Roman. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt/ Rotbuch Verlag. 2000.
  • Andrzej Wajda: Wesele. Das Hochzeitsfest. . Nach dem Drama von Stanisław Wyspiański. Filmuntertitel. DVD. Warschau: BestFilm 2005.
  • Roman Kołakowski: Manru. Moderne Adaption der Oper Ignacy Jan Paderewskis für die Opera Nova Bydgoszcz. Spielzeit 2009/10.