Übersetzer im Gespräch Maciej Ganczar

Maciej Ganczar
Maciej Ganczar | Foto: privat

„Ich muss dafür sorgen, mich nicht allzu weit vom Original zu entfernen, aber auch dafür, ihn dem neuen Rezipienten näherzubringen, der sich in einem anderen Umfeld bewegt als der Rezipient des Originaltextes. Diese beiden Rezipienten trennen nicht nur Sprache und Raum, sondern wie im Falle der Dramen Hermann Brochs oft auch die Zeit.“

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Das ist zweifellos das Verdienst Professor Jakub Lichańskis, der bei einem Treffen kurz nach meinem Rigorosum mit einem leisen Augenzwinkern anmerkte, ich solle mich doch jetzt, da der polnische Staat mich ausgebildet habe, irgendwie revanchieren. Und so brachte mich der exzellente Broch-Kenner dazu, zunächst einen kurzen Text des Verfassers der Schlafwandler ins Polnische zu übertragen. Ich griff nach der kommentierten Werkausgabe Hermann Brochs, die Paul Michael Lützeler herausgegeben hat, und stieß auf die brillante Erzählung Hitlers Abschiedsrede. Deren Übersetzung schickte ich an die Breslauer Literaturzeitschrift Odra, dort erschien sie zwei Monate später. Dieser gute, und so wollte mir scheinen, leichte Anfang brachte mich auf die Idee, etwas Größeres zu übersetzen und zu veröffentlichen. Weil ich eine Schwäche fürs Theater habe, griff ich wie selbstverständlich nach Bühnenwerken. Nach der Übersetzung mehrerer Theaterstücke verschiedener Autoren wandte ich mich an die Theateragentur ADiT mit dem Vorschlag, eine Anthologie des deutschsprachigen Gegenwartsdramas herauszugeben. Die Idee fand Anklang, vom Goethe-Institut kam weitere Unterstützung. Bald war sie schon fast ein Selbstläufer.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Zu dem Thema ist wohl schon so viel gesagt worden, dass man schwerlich originell sein kann. Die Rolle des Übersetzers kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, gerade in der Ära der Globalisierung, die die einen in den Himmel loben und die den anderen zutiefst zuwider ist. Sicher hilft er dabei, sich mit der Mentalität und den daraus resultierenden charakteristischen Verhaltensweisen der jeweiligen Nationen vertraut zu machen und sie zu verstehen. Ich spreche hier nicht von Stereotypen, sondern vielmehr von historischen Gegebenheiten, die das Nationalbewusstsein ausgeprägt haben. Es muss schließlich einen Grund dafür geben, dass österreichische Schriftsteller mit solcher Hingabe das eigene Nest beschmutzen; dass deutsche Autoren in immer neuen Generationen in ihrem Werk mit der Geschichte ins Gericht gehen, hat auch seine Wurzeln, ebenso wie der Schweizer Spott über das eigene Hinterwäldlertum ihrer „Neutralität“. Ein Literaturübersetzer ist jedoch vor allem ein Mittler zwischen den Kulturen hier und heute. Denn in ganz Europa vollziehen sich nahezu parallel dieselben Prozesse, doch wie stark weichen deren Bewertung und literarische Transformationen voneinander ab. Die Griechen deuten ihre Krise anders als die Deutschen. Und genau hier kommt der Übersetzer ins Spiel, der den Lesern jene Lesarten nahebringt, es ermöglicht, Ansichten nachzuvollziehen, und dadurch die Nationen einander näherbringt. Die Arbeit eines Übersetzers ist mit Sicherheit weniger effektheischend als die Arbeit der Politiker, dafür sind die Auswirkungen seiner Arbeit von längerer Dauer. Denn nach Jan Kochanowskis genialer Nachdichtung der Psalmen Davids kann ich greifen, wann immer ich will. Politische Konstrukte oder Ideen gehen nach dem Verlust ihrer Aktualität meist unwiederbringlich verloren. Deshalb ist eine Übersetzung, wenn sie keine Katastrophe, sondern besser noch kongenial ist, ein wesentliches Bindeglied zwischen uns und unseren Kulturen. Die Qualität einer Übersetzung steht für mich nicht im Vordergrund. Deren Beurteilung überlassen wir ruhig den Übersetzungswissenschaftlern. Für uns Leser ist wichtig, dass wir Faulkners Romane kennen, auch wenn die Literaturwissenschaftler an deren Übersetzungen kein gutes Haar lassen.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

In der Zeit des Schengener Abkommens, in der ich für ein paar Euro an jeden Ort gelangen kann, an den ich nur will, fällt es immer schwerer, jene kulturelle Distanz auszumachen. Präsent ist sie noch in der Sprache, ihrer Semantik, Idiomatik. Natürlich ist es bedeutend leichter, diese Unterschiede wahrzunehmen, wenn man ältere Texte übersetzt. Mir ging es im Zuge der Arbeit an den Dramen Hermann Brochs so. Zwar ist ihre Thematik nur allzu aktuell, schließlich geht es um die Geschäftswelt mit ihren Machenschaften und Opfern in der Krise, formuliert wurde das aber in einer wirklich poetischen und opulenten, für Broch so typischen Sprache, die jeder kennt, der mit seinen Originaltexten in Berührung gekommen ist.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Ich bin nicht sicher, ob das schon der Rand der Verzweiflung war, aber mit Sicherheit war die Arbeit an den erwähnten Broch-Dramen schwer. Er benutzte die Nomenklatur einer Wirtschaftswelt, die von der heutigen stark abweicht. Erinnern wir uns daran, dass er die Wirtschaftssprache seiner österreichischen Gegenwartswelt verwandte, die sich von der heutigen österreichischen und deutschen Wirtschaftssprache unterscheidet. Wörterbücher boten hier keinerlei Hilfe. Die einzige Lösung war der Kontakt zu befreundeten Deutschen und Österreichern – das ist im Zeitalter des Internets glücklicherweise kein Problem – die sich mit Wirtschaft befassen und die – ich hoffe, sie nehmen mir das nicht übel – schon über die entsprechende Zahl an Lebensjahren und Erfahrungen verfügen. Dank ihnen erhielt ich immer eine umfassende, manchmal sogar etymologische Erläuterung des jeweiligen Ausdrucks. Bisweilen mit der verblüfften Anmerkung: „Mensch, was hast du dir da aufgehalst?”

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Oh, das ist verschieden. Manchmal ist es der Rat eines Bekannten, so war es bei Broch. Manchmal weisen mich Bekannte aus Österreich oder Deutschland auf etwas hin. Manchmal ist es purer Zufall. So war es bei den Dramen Wilhelm Genazinos. Als ich an der Università del Salento in Lecce lehrte, brachte ein Student in meine Lehrveranstaltung die italienische Übersetzung eines Romans des Büchner-Preisträgers mit. Im Gespräch mit dem Student stellte sich heraus, dass schon ein bedeutender Teil des Werks des Schriftstellers ins Italienische übersetzt war. Ich war verblüfft. Genazinos Dramen hatte ich im Computer. Ursprünglich hatte ich geplant, eines in die schon erwähnte Anthologie aufzunehmen, doch es passte nicht in die Gesamtkonzeption der beiden Bände. Nach dem Gespräch mit dem italienischen Studenten kam ich zum Schluss, dass man Genazinos Dramen in polnischer Übersetzung veröffentlichen sollte, und das habe ich auch getan.
Ein weiterer Zufall. Vor kurzem bat mich Professor Piotr Wilczek darum, eine Lehrveranstaltung zur deutschen Literatur für Studenten zu konzipieren, die interdisziplinär studieren. Die Lehrveranstaltungen sollen in polnischer Sprache stattfinden, deshalb sollten die Texte auch auf Polnisch existieren. Bei der Vorbereitung stieß ich auf gewichtige Lücken bei den Übersetzungen der deutschsprachigen Literatur, insbesondere der Dramatik. Das Gros der Theaterstücke etwa eines Horváth oder Schnitzlers ist bis heute unübersetzt, andere sind zwar übersetzt, aber nie publiziert worden und verstauben in den Schubladen der Programmdirektoren polnischer Theater. Ähnlich steht es um die Dramen von Max Frisch. Es stellte sich heraus, dass ich, wenn ich die Lehrveranstaltung führen will, gleichzeitig Meilensteine der deutschsprachigen Dramatik übersetzen und veröffentlich muss. So entstand mein jüngstes Projekt, die Übersetzung der Komödien Ödön von Horváths. Ich will nicht verhehlen, dass das kein leichtes Unterfangen ist.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Manchmal ist das eine beratende Stimme. So war es bei dem Schweizer Dramatiker Lukas Holliger. Mit ihm beriet ich mich vor allem über das für die Anthologie ausgewählte Stück Der schönste Tod meines Lebens. Erstaunlich: Die Aussicht auf eine Übersetzung ins Polnische zwang ihn zur kritischen Lektüre seines eigenen Werks. Ich erinnere mich, dass ich bereits nach Abschluss der Übersetzung E-Mails mit Bitten erhielt, Korrekturen einzufügen, die der Autor am Originaltext vorgenommen hatte. Das war natürlich eine Übersetzung der absolut zeitgenössischen Dramatik. Mittlerweile ist das Stück im Vorstadttheater Basel uraufgeführt worden.
Bei Wilhelm Genazino war es so, dass ich erst nach Abschluss der Übersetzungen den Kontakt zum Schriftsteller gesucht habe, um ihn nach Kleinigkeiten zu fragen, bei denen ich mir während des Übersetzens der Dramen unsicher war. Ich stellte auch Fragen zur Konzeption des Bands insgesamt und zu meiner Einführung.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Rezipiert werden meine Übersetzungen nicht nur vom Lesepublikum, sondern vor allem von Theaterleuten, Programmdirektoren, Regisseuren, Schauspielern und Zuschauern. Ich hoffe einmal ein Stück wie Patrick Süskinds Kontrabass zu übersetzen, das von Barbara Woźniak ins Polnische übertragen wurde, ein Stück, das seit Jahren die Menschen bewegt und noch lange gespielt werden wird. Ich hoffe, einmal auf ein solches Stück zu stoßen.
Während der nächsten Monate werde ich einige Horváth-Komödien übersetzen. Natürlich nicht nur übersetzen, sondern auch veröffentlichen, damit die Texte ihr eigenes Leben leben können und auch Jahre später ein Leser unabhängig von der Welt des Theaters danach greifen kann. In der Hinsicht unterscheide ich mich als Philologe, der darauf bedacht ist, dass alles katalogisiert, veröffentlicht und beschrieben wird, etwas von den Theaterpraktikern, für die der Text nur der Ausgangspunkt einer Inszenierung ist und eine untergeordnete Rolle spielt.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Auf ihre Weise ja. Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass es ohne das Original den Text in der Übersetzungssprache nicht gäbe, ich weiß auch um meine Verpflichtungen gegenüber Autor und Originaltext. Aber ich weiß auch, dass der übersetzte Text ein eigenständiger Text ist. Ich muss dafür sorgen, mich nicht allzu weit vom Original zu entfernen, aber auch dafür, ihn dem neuen Rezipienten näherzubringen, der sich in einem anderen Umfeld bewegt als der Rezipient des Originaltextes. Diese beiden Rezipienten trennen nicht nur Sprache und Raum, sondern wie im Falle der Dramen Hermann Brochs oft auch die Zeit. Hier stellt sich auch die Frage nach einer Archaisierung oder dem Verzicht darauf. Sollte man für den polnischen Leser die Sprache des Stücks aktualisieren? Nach Rücksprache mit meinen Freunden in Österreich schien mir nur eine Antwort richtig. Ja, man muss die Sprache aktualisieren. Das ergab sich vor allem aus der Tatsache, das Brochs Texte auch für seine Landsleute heute oft unverständlich sind. Ich bin mir trotz meiner Entscheidung dessen bewusst, dass zahlreiche Übersetzer sich in einer solchen Situation für eine Archaisierung entschieden hätten.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ein heikles Thema. In erster Linie bin ich Hochschullehrer und Autor sprachdidaktischer Materialien. Mit dem Übersetzen beschäftige ich mich eher hobbymäßig. Ich glaube, dass es möglich ist, vom Übersetzen zu leben, wenn man eine gewisse Schwelle überschritten hat, den, wie die Italiener sagen, punto di non ritorno. Wenn jemand Kompetenz erlangt, sich mit der Zeit einen Namen macht, dem dann auch solche Aufträge folgen, die es ihm erlauben, über ein Einkommen auf der Höhe des Landesdurchschnitts zu verfügen, dann kann es sich ein literarischer Übersetzer erlauben, seine Aktivitäten in anderen Bereichen einzustellen. Das hat natürlich große Vorteile. Abgesehen von der beruflichen und finanziellen Unabhängigkeit kann man sich voll und ganz der Übersetzertätigkeit widmen. Denn wie Wilczek es mit Barańczak beschreibt: „Das Übersetzer-Sein ist eine allumfassende Tätigkeit, das den größten Teil des Lebens in Anspruch nimmt und enormer Kompetenz, des Engagements und Verantwortungsbewusstseins bedarf. Der Übersetzer ist ein Priester...” Und schließlich wählt ein echter Priester, dem der Schutz des Heiligen obliegt, das Geheimnis des Glaubens, seinen Beruf aus Berufung und nicht um ein Krösus zu werden.

Die wichtigsten Übersetzungen:

  • Becker, Marc: Końce świata. (Weltuntergänge), In: Współczesne sztuki młodych autorów niemieckich. Końce świata. Antologia [Zeitgenössische Stücke junger deutscher Autoren], Band II, ADiT, Warszawa 2010.
  • Broch, Hermann: Rozgrzeszenie. Z powietrza wzięte. Dramaty., (Die Entsühnung. Aus der Luft gegriffen. Dramen), ADiT, Warszawa 2010.
  • Genazino, Wilhelm: Dobry Boże, spraw, żebym oślepł. Dramaty. (Lieber Gott mach mich blind. Dramen), ADiT, Warszawa 2011.
  • Specht, Kerstin: Zoo. (Der Zoo), In: Współczesne sztuki uznanych autorów niemieckich. Zbliżenia. Antologia [Zeitgenössische Stücke bekannter deutscher Autoren. Annäherungen. Anthologie], Band I, ADiT, Warszawa 2010.
  • Wondratschek, Wolf: Strażak (Der Feuerwehrmann), in: RED 2/12 2010, S. 44-49.