Übersetzer im Gespräch Martin Pollak

„Als Übersetzer muss ich in den Schatten treten, ich darf mich nicht vordrängen, schließlich steht der Autor, den ich übersetze, im Vordergrund. Ich muss mir immer bewusst sein, dass es darum geht, ein fremdes Werk ins Deutsche zu übertragen, fremde Gedanken.“

Martin Pollak Martin Pollak | © Katarzyna Dzidt / Paul Zsolnay Verlag Wien Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Während des Studiums habe ich begonnen, kürzere Texte für Zeitschriften zu übersetzen, nicht nur Literatur, sondern auch politische Aufsätze, Analysen, kritische Essays. In vielen Fällen waren das Texte von Dissidenten, obwohl man diesen Begriff damals noch kaum verwendete, wir sprachen eher von Regimekritikern. Ich erkannte, dass man in Österreich und überhaupt im deutschen Sprachraum sehr wenig über Polen wusste: da gab es einen riesigen Nachholbedarf. Als ich 1976 Redakteur des Wiener Tagebuch wurde, einer linken, eurokommunistisch orientierten Monatszeitschrift für Politik und Kultur, gehörten Übersetzungen aus dem Polnischen zu meinem täglichen Brot. Ich übersetzte die wichtigsten Dokumente der polnischen Opposition, das war in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren. Seit August 1980, dem Beginn der Streiks an der Ostseeküste, war ich persona non grata in Polen und durfte nicht mehr einreisen, das versuchte ich durch vermehrtes Übersetzen „auszugleichen“. Aber die erste wichtige literarische Übersetzung fiel mir durch einen Zufall in den Schoß: Eine gute Bekannte, Übersetzerin aus dem Englischen, bekam von einem renommierten deutschen Verlag den Auftrag, ein Buch aus dem Amerikanischen zu übersetzen. Der Autor trug allerdings den wenig amerikanisch klingenden Namen Ryszard Kapuściński, das Buch hieß The Emperor. Meine Bekannte sah gleich, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Polnischen handelte, weshalb sie das Angebot ablehnte („so was macht man nicht als Übersetzer, der auf sich hält“) und verwies den Verlag an mich. So kam ich als Neuling zur Übersetzung eines der Meisterwerke der modernen polnischen Literatur. Ich habe mich ziemlich gequält mit der Übertragung, ich habe lange daran gearbeitet, doch am Ende ist alles gut gegangen. In der Folge habe ich fast alle Bücher Kapuścińskis übersetzt.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Es ist eine Binsenweisheit, dass Übersetzer wichtige Vermittler zwischen den Kulturen sind, das versteht sich von selbst. Aber bei Sprachen, die nicht von so vielen Menschen mit anderer Muttersprache gesprochen werden – und dazu gehört Polnisch – ist diese Rolle tatsächlich ungeheuer wichtig. Der Übersetzer darf sich nicht darauf beschränken, ein bestimmtes Werk aus dem Polnischen zu übertragen, er sollte auch in die Rolle eines literarischen Scouts schlüpfen und sich bemühen, die polnische Literatur mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekannt zu machen, bei den Verlagen, aber auch in der Öffentlichkeit. Das ist in meinen Augen eine wichtige Aufgabe des Übersetzers.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ich glaube nicht, dass man im Fall der österreichischen und polnischen Kultur von einer bedeutenden Distanz sprechen kann. Mir ist das jedenfalls nie aufgefallen. Natürlich gibt es Unterschiede, aber man spürt deutlich, dass wir demselben Kulturraum angehören, ob man den nun Mitteleuropa oder Zwischeneuropa oder anders nennt, ist dabei belanglos.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Ich bin nicht so leicht in Verzweiflung zu stürzen. Natürlich hat es oft Texte oder Textstellen gegeben, die mir viel abverlangt haben – ich erinnere mich mit Schaudern an einen Text von Stanislaw Lem. Er kam auf mich zu mit der Bitte, einen ziemlich komplizierten Essay aus dem Genre Science Fiction zu übersetzen. Ich habe mich anfangs mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, weil ich für dieses Genre nichts übrig habe und ein völliger Idiot bin, was technische Dinge angeht. Aber Lem ließ nicht locker, er konnte ja sehr charmant sein, also machte ich einen Versuch. Selbstverständlich war es auch eine reizvolle Herausforderung, einen Text des berühmten Autors zu übersetzen. Der Essay ist tatsächlich in einer Zeitschrift erschienen, und Lem war zu meiner Überraschung sogar zufrieden damit – er sprach ja hervorragend Deutsch. Er wollte, dass ich weiter seine Sachen übersetze, auch Bücher. Das habe ich allerdings höflich aber bestimmt abgelehnt.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Da ich selber Autor bin, habe ich nicht unbegrenzt Zeit zum Übersetzen, was mir manchmal Leid tut. Das bedeutet, dass ich sorgfältig auswählen muss. Ich übersetze also nur Bücher, von denen ich wirklich überzeugt bin. Meist sind das Werke, die meines Erachtens unbedingt übersetzt werden müssten – dann mache ich mich stark dafür und versuche, den Titel bei einem Verlag unterzubringen. Da kommt man sich manchmal wie ein Vertreter vor, wie ein Klinkenputzer, kein angenehmes Gefühl. Aber das gehört meines Erachtens nun einmal zu unserem Beruf, wenn man ihn ernst nimmt. Man darf nicht zu Hause sitzen und darauf warten, dass ein Verleger an die Tür klopft und einem einen tollen Titel vorschlägt, man muss selber aktiv werden …

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Die meisten Autoren, die ich übersetze, kenne ich persönlich, mit manchen bin ich befreundet. Aber während der Arbeit an einer Übersetzung suche ich selten das Gespräch mit dem Autor. Ich versuche nach Möglichkeit, auftauchende Probleme selber zu lösen, indem ich recherchiere oder Kollegen kontaktiere. Aber es erscheint mir schon wichtig, mit einem Autor zu sprechen, weil man da viel erfährt, was sich für die Übersetzung als hilfreich erweisen könnte: wie denkt der Autor, die Autorin, wie sprechen sie, was bewegt sie? Das hat nicht direkt mit der Übersetzungsarbeit zu tun, aber es sagt etwas aus über den Hintergrund, in dem ein Werk entstanden ist, über die Atmosphäre …

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ich habe mich zuletzt lange dafür eingesetzt, dass Czarny Ogród von Małgorzata Szejnert übersetzt wird, ein wunderbares, ein wichtiges Buch. Ihr polnischer Verleger Jerzy Illg war auch unermüdlich in dieser Richtung tätig, wir haben da gut zusammengearbeitet. Doch es war wie verhext. Die Verleger oder Lektoren waren zögerlich, sie nannten kleinliche Gründe, weshalb sie dieses großartige Buch nicht machen wollten: es käme zu teuer, die vielen Bilder, sie hätten Angst, damit in die falsche Schublade zu geraten, nämlich der Vertriebenenliteratur. Ich habe mir buchstäblich die Haare gerauft. Aber natürlich müssen Verleger heute vorsichtig sein. Gerade geht die Meldung durch die Zeitungen, dass ein großer deutscher Verlag, notabene der Verlag, in dem Kapuścińskis Werke erschienen sind, vor dem Aus steht. Solche Entwicklungen bereiten mir große Sorgen. Doch ich bin überzeugt, dass Czarny Ogród ein Erfolg wird. Jetzt haben wir endlich einen Verlag gefunden, und ich hoffe, dass ich bald mit der Arbeit beginnen kann.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Ich betrachte Übersetzungen als eigenständige Werke, obwohl sie ohne das Original nicht existieren könnten. Wenn wir unsere Arbeit ordentlich machen, und das darf man von uns erwarten, das sind wir auch unserer Autoren schuldig, entsteht ein literarischer Text. Wir müssen immer unser Bestes geben.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ich weiß es nicht, das habe ich noch nie versucht. Zuerst habe ich als Redakteur gearbeitet, jetzt bin ich als Autor tätig. Ich glaube eigentlich schon, dass ich von den Übersetzungen leben könnte, wenn ich kein Leben in Luxus anstrebe, was ich ohnehin nicht tue. Ich lebe auf dem Land, da braucht man nicht viel, vom Frühjahr bis Herbst bin ich weitgehend Selbstversorger, Obst, Gemüse, alles aus eigenem Anbau. Das ist auch wichtig für den geistigen und körperlichen Ausgleich. Aber das ändert nichts daran, dass Übersetzungen skandalös schlecht bezahlt werden, jeder Handwerker würde lachen, wenn man ihm eine solche Bezahlung anböte.

Sie sind selbst auch Schriftsteller. Sind Schreiben und Übersetzen für Sie sehr verschiedene Tätigkeiten?

Die beiden Tätigkeiten sind eng miteinander verbunden, es geht immer darum, einen literarischen Text zu erstellen, so gut, wie ich es eben kann. Am Ende des Tages, wenn ich den Computer abschalte, muss ich das Gefühl haben, dass ich alle meine Möglichkeiten ausgeschöpft habe, dass der Text, den ich abgespeichert habe, das Beste ist, was ich leisten konnte. Das gilt für Übersetzungen ebenso wie für das eigene Schreiben. Selbstverständlich gibt es wesentliche Unterschiede. Als Übersetzer muss ich in den Schatten treten, ich darf mich nicht vordrängen, schließlich steht der Autor, den ich übersetze, im Vordergrund. Ich muss mir immer bewusst sein, dass es darum geht, ein fremdes Werk ins Deutsche zu übertragen, fremde Gedanken. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten: beim Übersetzen und beim eigenen Schreiben ist die genaue Arbeit am Text ungeheuer wichtig, das Ringen um den richtigen Ausdruck, um die passende Formulierung, um den richtigen Ton, in dem ich etwas erzähle. Das muss alles zusammenpassen, dann entsteht ein guter Text. Beim Schreiben wie beim Übersetzen.

Werke (Auswahl):

  • Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina, 2001;
  • Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann, 2002;
  • Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater, 2004;
  • Warum wurden die Stanislaws erschossen?, ?“. Reportagen, 2008;
  • Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien, 2010.

Wichtigste Übersetzungen aus dem Polnischen:

  • Wilhelm Dichter, Das Pferd Gottes, Berlin: Rowohlt, 1998 [Originaltitel: Koń Pana Boga; Znak 2003]
  • Michał Głowiński, Eine Madeleine aus Schwarzbrot, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2003 [Originaltitel: Magdalenka z razowego chleba, Wydawnictwo Literackie]
  • Ryszard Kapuściński, König der Könige, Köln: Eichborn, 1984 [Originaltitel: Cesarz] und viele andere Titel von Kapuściński
  • Teresa Torańska, Die da oben, München: Kiepenheuer & Witsch, 1987 [Originaltitel: Oni; Iskry 2004]
  • Mariusz Wilk, Das Haus am Onegasee, Wien: Zsolnay, 2008 [Originaltitel: Dom nad Oniego, Wydawnictwo Literackie] und andere Titel von Wilk