Übersetzer im Gespräch Sven Sellmer

„Ich bin in dieses Tätigkeitsfeld eher hineingerutscht, habe die Rutschfahrt aber als sehr anregend empfunden und bin aus diesem Grunde dabei geblieben.“

Sven Sellmer Sven Sellmer | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Mitte der neunziger Jahre wohnte ich für einige Zeit in Posen und war dort einer der ganz wenigen deutschen Muttersprachler mit guten Polnischkenntnissen. Mehr oder weniger zufällig bekam ich über verschiedene Kontakte erst kleinere, dann auch größere Aufträge, anfangs vor allem aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich. Ich bin also in dieses Tätigkeitsfeld eher hineingerutscht, habe die Rutschfahrt aber als sehr anregend empfunden und bin aus diesem Grunde dabei geblieben.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Diese Rolle ist, denke ich, kaum zu überschätzen. Es ist ja nun einmal leider so, dass nur sehr wenige Menschen in der Lage sind, sich durch Lektüre oder Benutzung anderer Medien in der jeweiligen Fremdsprache ein Bild vom geistigen Leben eines anderen Landes zu machen. Wenn sie also nicht ganz abhängig von Informationen aus zweiter Hand sein wollen, kommen sie ohne Übersetzer einfach nicht aus, obwohl ihnen das im Alltag vielleicht nur selten bewusst sein mag. Damit soll natürlich keinesfalls die Rolle von landeskundlichen Experten aller Art geschmälert werden, die ebenfalls absolut unentbehrlich sind; nichtsdestoweniger können sie den direkten Kontakt mit der fremden Kultur nicht ersetzen. Am deutlichsten ist das sicherlich im Bereich der Literatur, die ihrem Wesen nach nicht einfach zusammengefasst oder erschöpfend erklärt werden kann. Dabei sei eingeräumt, dass auch der Kontakt zu übersetzter Literatur nicht ganz direkt ist, denn der Übersetzer steht ja im Wege – doch immerhin arbeitet er nach Kräften daran, sich in Luft aufzulösen.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Auf diese Frage fällt mir die Antwort nicht leicht, denn ich übersetze nicht nur aus dem Polnischen, sondern u. a. auch aus dem Sanskrit, und im Vergleich zu der kulturellen Distanz, der man im Umgang mit indischen Texten begegnet, kommen mir die deutsch-polnischen Differenzen allesamt eher klein vor. Das meine ich bezogen auf fundamentale kulturelle Muster und Denkformen. Was konkrete Inhalte betrifft – wie z. B., auf welche geschichtlichen Ereignisse, literarischen Werke usw. man Bezug nimmt –, gibt es zwischen der deutschen und polnischen Literatur natürlich große Unterschiede, die auch zu erheblichen Verständnisschwierigkeiten beitragen können, aber so etwas würde ich persönlich nicht als "kulturelle Distanz" bezeichnen.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Von Zeit zu Zeit stoße ich immer wieder auf polnische Sätze, die von der Struktur her so typisch polnisch sind (ich denke da besonders an Aneinanderreihungen von Verbalsubstantiven), dass es recht viel Mühe und Zeit kostet, sie in einen einigermaßen eleganten deutschen Satz zu verwandeln – aber das ist noch kein Grund zur Verzweiflung. Viel schlimmer finde ich diverse kleine, oft ziemlich banale Wörter, die häufig vorkommen, aber im Deutschen einfach keine genaue Entsprechung haben: zum Beispiel das Adjektiv "społeczny", das meist entweder mit "sozial" oder mit "gesellschaftlich" wiedergegeben wird, wobei aber in vielen Fällen weder die eine noch die andere Lösung hundertprozentig passt; manchmal ist auch eine ganz andere Übersetzung gefordert.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Im Idealfall lese ein gutes Buch, begeistere einen deutschen Verlag dafür und darf es dann übersetzen. Das funktioniert allerdings in der Praxis leider bei weitem nicht so glatt, sondern ist eher ein langer, dorniger Weg, der oft im Nirgendwo endet. Daher warte ich im Normalfall auf Angebote und nehme sie an, wenn ich Zeit habe und der betreffende Text gewisse sprachliche und inhaltliche Mindeststandards erfüllt. Am liebsten und wohl auch am besten übersetze ich jedoch solche Texte, bei denen ich mich der Autorin oder dem Autor geistig und stilistisch nahe fühle.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Bisher hatte ich noch kaum Gelegenheit, mit Schriftstellern zusammenzuarbeiten, denn die Autoren meiner größeren Übersetzungsprojekte waren alle nicht mehr am Leben.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

In der Tat: das Buch "Z Auszwicu do Belsen" (Von Auszwic nach Belsen) von Marian Pankowski. Der erst kürzlich verstorbene Autor erzählt dort auf eine sehr spezielle, ebenso schockierende wie faszinierende Weise von den Jahren seiner Gefangenschaft in deutschen Konzentrationslagern und vom Einfluss dieser Zeit auf sein späteres Leben. Dieser Rückblick aus einer Distanz von über fünfzig Jahren ist, finde ich, ein ganz einzigartiges Stück Literatur und zugleich ein wichtiges Dokument.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Das hängt von der Qualität der Vorlage ab. Wenn ich gute Literatur übersetze, bemühe ich mich um eine adäquate Wiedergabe, und insofern dies gelingt, ist das Ergebnis durchaus Kunst – wenn auch auf eine im Vergleich mit dem Original weniger kreative, eher sekundäre Weise. Die Übersetzung ist also sicherlich nicht eigenständig, was ihre Entstehung betrifft, wohl aber – wenn sie geglückt ist – als bestehendes Werk.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ich übersetze zwar sehr gerne, aber zum Glück nur nebenberuflich. Aus eigenen Erfahrungen und Erzählungen von Kolleginnen und Kollegen weiß ich, wie schwer und nervenaufreibend es häufig ist, sich nur aufs Übersetzen verlassen zu müssen – nicht zuletzt wegen der höchst mäßigen Bezahlung, die zeigt, dass die äußerst wichtige Rolle der Übersetzer, von der oben die Rede war, sich in den Regeln des Literaturmarktes nur unzulänglich niederschlägt.

Wichtigste Übersetzungen:

  • Henryk Elzenberg, Kummer mit dem Sein. Tagebuch eines Philosophen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 [Originaltitel: Kłopot z istnieniem].
  • Czesław Miłosz, Visionen an der Bucht von San Francisco, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008 [Originaltitel: Widzenia nad zatoką San Francisco].
  • Marian Pankowski, Der letzte Engeltag, Zürich: Secession, 2011 [Originaltitel: Ostatni zlot aniołów].
  • Dandin, Die Abenteuer der zehn Prinzen, Zürich: Manesse, 2006 (Bibliothek der Weltliteratur) [Originaltitel: Daśakumāracarita] (aus dem Sanskrit).