Übersetzer im Gespräch Karolina Bikont

„Als Übersetzerin von vor allem Theaterstücken mache ich dem polnischen Zuschauer Texte zugänglich, die – in kultureller Hinsicht – mit einem ganz anderen Ziel geschrieben wurden. Es geht mir nicht nur um die Zuschauer, sondern auch um die Theaterschaffenden: Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner.“

Karolina Bikont Karolina Bikont | © Łukasz Chotkowski Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Das war der natürliche Lauf der Dinge – ich war zweisprachig. Im Alter von sechs Jahren befand ich mich in Berlin, ich besuchte die erste Klasse einer deutschen Grundschule, anschließend die Sophie-Scholl-Gesamtschule. Acht Jahre später kehrte ich nach Polen zurück und ging dort auf das polnische Gymnasium. Das Problem der Sprache begleitete mich also seit meiner Kindheit, ich erinnere mich, wie meine Zunge – das Sprechwerkzeug – nach jeder Abreise oder Rückkehr zwei Tage benötigte, um sich an die anderen Bewegungen in der Mundhöhle zu gewöhnen; in Polen schien sie zu groß und allzu faul zu sein, in Deutschland dagegen wollte sie sich anfangs nicht so verbiegen, wie sie sollte. Als Kind habe ich nur auf Deutsch gelesen. Aber eines Tages gab mir mein Vater in Polen ein Buch von Adam Bahdaj – in jenem Sommer habe ich fast alle seine Romane gelesen, von dem Aufenthalt in Łódź ist mir nur noch das Straßenpflaster in Erinnerung, auf das ich hin und wieder einen Blick werfen musste, die vielen Knöpfe am Boden und Bahdaj – und ich beschloss, diese Bücher zu übersetzen, damit die Deutschen sie kennenlernen. Der erste Anstoß war ganz einfach meine Freude, die ich mit den anderen teilen wollte. Aber bevor ich meine ersten Schritte als Übersetzerin gemacht habe, lebte ich schon in Polen und war durch meine Familie mit dem Theater verbunden.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Als Übersetzerin von vor allem Theaterstücken mache ich dem polnischen Zuschauer Texte zugänglich, die – in kultureller Hinsicht – mit einem ganz anderen Ziel geschrieben wurden. Es geht mir nicht nur um die Zuschauer, sondern auch um die Theaterschaffenden: Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner. Das deutsche Theater – also auch deutsche Autoren – greifen auf andere Traditionen zurück, sie sind an eine andere Schauspielausbildung gewöhnt als die, die bei uns verbreitet ist – ich denke da an die Stanislawski-Methode. Die Deutschen sind viel formaler, vielleicht kälter, distanzierter, knapper – so ist die deutsche Sprache, die z. B. hervorragend für philosophische Gedanken geeignet ist. Ich will das hier nicht weiter ausführen, weil es ein Thema ist, das einer tiefergehenden Analyse bedarf. Ich will versuchen, auf die Frage nach der Rolle des Vermittlers zwischen den Kulturen zu antworten; das Thema kann man von verschiedenen Seiten angehen, was sich auch in den Antworten der anderen zu diesem Gespräch eingeladenen Übersetzer zeigt. Eins aber ist sicher: das polnische Theater bezieht sich oft auf das deutsche Theater, deshalb scheint es mir wichtig zu sein, dass die polnischen Theaterschaffenden einen möglichst umfassenden Zugang zu den Stücken deutscher Autoren haben. Den Zusammenprall des deutschen Textes mit dem polnischen Theater halte ich für einen unentbehrlichen schöpferischen Moment, der auch die deutschen Theaterschaffenden inspirieren kann.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Mein Vater hat mir die kulturellen Unterschiede, die Deutsche und Polen voneinander trennen, am Beispiel von Katholizismus und Protestantismus erklärt: Die Deutschen haben einen Vaterkult, die Polen einen Mutterkult, und diese Kulte zeigen sich auf Schritt und Tritt, dabei macht es keinen Unterschied, ob der Autor religiös erzogen worden ist, oder nicht. Deswegen stehen Stücke deutscher Autoren der polnischen Mentalität fern, im Gegensatz zu Stücken österreichischer Autoren, die uns in gewisser Hinsicht näher stehen, trotz der gänzlich anderen gesellschaftlichen und historischen Bedingungen. Stücke von deutschen oder österreichischen Autoren enthalten oft den Aspekt der Abrechnung, der sich (natürlich mit bestimmten Ausnahmen!) nicht auf Polen übertragen lässt. Aber ein guter Text ist immer mehr als das.
Ich übersetze vor allem Gegenwartsdramatik, in der die kulturelle Distanz zweitrangig ist und die Problematik jeden Menschen betrifft, dem die Symptome der Degeneration einer hochentwickelten Gesellschaft zu schaffen machen. Wenn es keinen gemeinsamen Nenner gibt, hat es auch keinen Sinn, ein Stück zu übersetzen.
Da gibt es noch die Frage der Anpassung von fremden Realien an unsere: Es wird darüber gestritten, ob es z. B. erlaubt ist, die Namen von Figuren zu polonisieren und – was dann folgt – die ganze Handlung in Polen anzusiedeln. Meiner Meinung nach muss man das manchmal tun, aber dann muss man konsequent sein. Es reicht nicht aus, Peter durch Piotr zu ersetzen, wenn dieser weiterhin durch deutsche Straßen läuft.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Schöpferische Verzweiflung ist gute Verzweiflung. Damit sie so sein kann, braucht es kluge Menschen, die einem aus jener bitteren Verzweiflung heraushelfen. Bei der Arbeit an Texten von Elfriede Jelinek – ihren Stücken und jetzt den Essays – ist die Jelinek-Forscherin Prof. Monika Szczepaniak von der Kasimir-der-Große-Universität in Bydgoszcz so eine Person. Es hat sich gezeigt, dass das Unübersetzbare Zeit braucht. Wenn sie fehlt, ist die Bequemlichkeit dahin, und Zweifel an einer längst abgegebenen Übersetzung kehren zurück. Dann lese ich sie noch einmal und verbessere sie – oder ich schließe die unveränderte Datei voller Erleichterung. Denn es muss erwähnt werden, dass dramatische Texte selten gedruckt herausgegeben werden, die Publikation wird sozusagen durch die Premiere des Stücks ersetzt. Der Mangel an dramatischer Literatur ist schmerzhaft, denn das Buch adelt das geschriebene Werk trotzdem immer noch; vielleicht würden sich die Verleger nicht so gegen den Druck von Stücken sträuben, wenn die Leser die Angewohnheit hätten, sie zu lesen. Doch seit wir das Internet und Theateragenten haben, die sich mit der Bekanntmachung von Stücken beschäftigen, ist das Buch nicht mehr der einzige Weg, auf dem der Text in die Hand des Regisseurs gelangt. Ich selbst arbeite ja in der ersten literarischen Theateragentur Polens und weiß, wie viel Aufwand das eine wie das andere erfordert – ganz besonders die Publikation: Redaktion, Korrektorat. Das ist der letzte Moment für Änderungen. Und ich gebe zu, dass ich dann aufgrund meiner Neigung zur Perfektion für einige Wochen am Rande der Verzweiflung „stehe“.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

1. Kann das Stück potenziell einen Regisseur finden? 2. Will ich mich der Herausforderung einer Übersetzung dieses Stückes stellen? 3. Das Stück gefällt mir so sehr, dass ich alles hinwerfe und mich an die Arbeit mache.
Selten treffen diese drei Kriterien für einen Text zu, aber zu meiner großen Freude war das so mit den Stücken von Roland Schimmelpfennig. Sibylle Berg, bei der ich sicher war, dass sie oft auf polnischen Bühnen gespielt werden würde, hat sich ihren Weg gebahnt, aber bislang ist nur ein paar Mal das Stück Hund, Frau, Mann aufgeführt worden – nota bene: auf Bestellung von Piotr Kruszczyński, unter dessen Leitung die polnische Erstaufführung im Dramatischen Jerzy-Szaniawski-Theater in Wałbrzych stattfand – und einmal Schau, da geht die Sonne unter. Der von mir vergötterte, schon verstorbene Wolfgang Bauer, ein Österreicher, ist leider bei uns überhaupt nicht heimisch geworden, aber die Bemühungen dauern an. Gut gingen mir die Übersetzungen Dosenfleisch von Dagna Ślepowrońska, Innenleben von Marek Koterski, Der Sandkasten von Michał Walczak und Helvers Nacht von Ingmar Villqist – alle ins Deutsche – von der Hand, alle wurden sie in Deutschland oder Österreich aufgeführt, wo die Uraufführung von Dosenfleisch stattfand. Große Freude hat mir kürzlich die Übersetzung von zwei Stücken Falk Richters bereitet: für Die Verstörung gibt es erste, ungewöhnlich aufregende Pläne für eine Inszenierung, Verletzte Jugend kommt vielleicht nach Warschau. Eine absolute Überraschung war Jelinek: Von ihrem Babel hatte ich viel gehört und gelesen, aber es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass ich so einen Giganten übersetze – fast 80 Seiten „reiner Text“, vielfach kommentiert, als halsbrecherisch für den Übersetzer bekannt, ein Sprachkunstwerk. Das war nicht meine Wahl, sondern der Vorschlag von Maja Kleczewska, die mich vorher dank Łukasz Chotkowski zu der Übersetzung von Über Tiere überredet hatte; die Übersetzung hat sich im Polnischen Theater von Bydgoszcz unter der Regie von Chotkowski bewährt, aus Babel hat Kleczewska dagegen zwei verschiedene Aufführungen gemacht, in Bydgoszcz und Krakau, wie unterschiedlich die waren, faszinierend. Nicht unerwähnt lassen kann ich Jelineks Sportchor, den ich für das Jan-Kochanowski-Theater in Opole und den Regisseur Krzysztof Garbaczewski übersetzt habe; auch wenn das eine kräftezehrende Arbeit war, ist der Text doch jede Mühe wert.
Also suche nicht immer ich den Text aus – einer von drei Texten ist der Vorschlag eines Regisseurs oder die Bestellung eines Theaters mit konkreten Plänen für eine Inszenierung. (Diese Situation schätze ich sehr!)

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Ich nehme mit dem Autor nur in extremen Fällen Kontakt auf, wenn ich eine bestimme Formulierung oder ein Wort überhaupt gar nicht verstehen kann. Das Gespräch mit dem Autor über sein Werk nimmt mir das Gefühl der Unabhängigkeit und der Entscheidungsfreiheit, es entstehen neue Fragen, und schließlich übersetze ich üblicherweise Texte, die schon inszeniert worden sind, ich kann mir also ein umfassendes Verständnis des Originals abverlangen. Selbstverständlich heißt das nicht, dass ich dem Autor aus dem Weg gehe, wenn ich ihn bei der polnischen Erstaufführung seines Stückes treffe.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Würde es Maria Kureckas geniale Übersetzung von Hesses Glasperlenspiel nicht geben, würde ich sicherlich in Versuchung kommen. Wäre Tim Staffels Terrordrom nicht schon von Ryszard Turczyn übersetzt worden, würde ich meine Übersetzung zu Ende bringen. Es gibt viele solcher „würde und wäre“, aber denen hänge ich nicht nach. Vor kurzem hatte ich den Wunsch, dass sich die Menschen in Polen vor der Reise auf dem Bahnhof das Buch Arabboy von Güner Balci kaufen könnten, und ich habe angefangen, es zu übersetzen. Aber die Verleger sind leider nicht an der Geschichte von dem schönen und grausamen arabischen Jungen aus dem „türkischen“ Bezirk Berlins interessiert. So arbeite ich meine Rückstände bei den Theaterstücken auf, bis die Vertreterin des Fischer-Verlags in Polen einen Verleger gefunden hat.
Es ist mir auch wichtig, dass die nächsten Stücke von Einar Schleef – einem der Großen des deutschen Theaters, der auch eine eigentümliche, nicht einfache Prosa schreibt – auf die polnischen Bühnen gebracht werden.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Das Theater ist eine künstlerische Tätigkeit, das Schreiben ist eine schöpferische und manchmal künstlerische Tätigkeit. Aber jede Tätigkeit ist Arbeit, und diese Arbeit beruht auf einem Handwerk. Die Übersetzung ist eine Tätigkeit aus dem Bereich der Kunst, aber ich bezeichne sie nicht als Kunst. Diesen Unterschied kann man leicht nachvollziehen, wenn man selbst versucht, etwas zu schaffen. Der Übersetzer trägt nicht die Verantwortung für den Inhalt und die Aussage des Originals. Deshalb ist eine Übersetzung kein eigenständiges Werk. Trotzdem verschafft sie einem von Zeit zu Zeit eine gewisse künstlerische Genugtuung – die Schauspieler sprechen quasi „meinen“ Text. Das ist ein großartiges Gefühl.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ich liebe alle meine Übersetzungen. Aber damit ich ausschließlich vom Übersetzen leben könnte, müsste ich Kompromisse eingehen.

Wichtigste Übersetzungen:

Elfriede Jelinek: O zwierzętach (Über Tiere), polnische Erstaufführung Januar 2008 im Polnischen Theater Bydgoszcz; Chór sportowy (Sportchor) polnische Erstaufführung März 2008 im Jan-Kochanowski-Theater Opole (herausgegeben vom Polnischen Theater Bydgoszcz: O zwierzętach, Chór sportowy, Bydgoszcz 2008); Babel, polnische Erstaufführung 5. März 2010 im Polnischen Theater Bydgoszcz, Premiere im Theater der Staatlichen Theaterhochschule (PWST) Krakau 9. Februar 2011.
Roland Schimmelpfennig: Przedtem/Potem (Vorher/Nachher), polnische Erstaufführung Oktober 2006 im Alten Theater Krakau; Ambrozja (Ambrosia).
Marius von Mayenburg: Turista, polnische Erstaufführung 10.–12. September 2010 im Rahmen des Projekts „Migrationen“ des Dramatischen Theaters Warschau.
Sibylle Berg: Życie Mariana (Helges Leben).