Übersetzer im Gespräch Thomas Weiler

„Eigenständig sollten die Übersetzungen schon sein. Die Originale ziehen ja höchstens Literaturwissenschaftler und im Idealfall Rezensenten heran. Kunst wird wohl auch drinstecken, ich habe jedenfalls wenig Sorge, dass automatische Übersetzungsprogramme die Literaturübersetzer überflüssig machen könnten.“

Thomas Weiler Thomas Weiler | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Nicht so spontan wie die Jungfrau zum Kind. Ich bin schon eine ganze Weile mit dem Gedanken schwanger gegangen. Während meiner Ersatzdienstzeit in Minsk/Belarus bin ich erst einmal zur Sprache gekommen, zunächst zur Russischen. Erste Übersetzungsversuche an Kinderbüchern weckten die Lust auf mehr. Den ursprünglichen Gedanken an ein Slawistikstudium habe ich bald wieder verworfen, ich wollte mich intensiver mit der Sprache befassen, als es dort möglich gewesen wäre. Also habe ich an der Uni Leipzig ein Übersetzerstudium mit den Hauptfächern Russisch und Polnisch begonnen, „nebenher“ fleißig Literatur- und Kulturveranstaltungen bei den West- und Ostslawisten besucht und mir das Belarussische als weitere Arbeitssprache angeeignet. Mit der Teilnahme an diversen Übersetzerwerkstätten habe ich während des Studiums dann den Schritt zum Literaturübersetzen vollzogen.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Ihm kommt nicht einfach eine zu, aber er kann schon eine spielen. Gerade bei den „kleinen“ Sprachen spielen die Übersetzer ja häufig mehrere Rollen. Sie beobachten die Literaturszenen, sichten Neuerscheinungen, vermitteln ihre Entdeckungen an Verlage und begleiten ihre Autoren auf Lesereisen. Da entsteht natürlich Expertenwissen über literarische und künstlerische Zusammenhänge, das Übersetzer befähigt, als Kulturmittler zu wirken. Ob sie diese Rolle dann auch wahrnehmen und welchen Stellenwert sie ihr einräumen, ist letztlich ihre eigene Entscheidung. Besonders im Fall des Belarussischen sehe ich mich schon als Kulturmittler. Aus dem Land selbst kommen von offizieller Seite ja keine ernst zu nehmenden Initiativen zur Vermittlung der eigenen Kultur. Deshalb habe ich mit einigen Gleichgesinnten die Website www.literabel.de ins Leben gerufen, um überhaupt einmal in deutscher Sprache aufzuzeigen, was dort an lesenswerter Gegenwartsliteratur existiert.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Interessante Frage. An dieser Skala habe ich meine Übersetzungen bisher noch gar nicht gemessen. Offenbar ist mir bislang noch kein kulturell allzu ferner polnischer Autor untergekommen. Sicher stößt man immer wieder auf historische (oft sozrealistische) Realien oder Anspielungen, die eigentlich erklärungsbedürftig wären. Aber das sind nicht unbedingt die Dreh- und Angelpunkte, an denen Text und Übersetzung hängen.
Am deutlichsten habe ich die kulturelle Distanz vielleicht bei einzelnen Einträgen im PONS Großwörterbuch Polnisch-Deutsch gespürt, an dem ich mitgearbeitet habe.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Ich habe beobachtet, dass der Rand mit zunehmender Erfahrung höher wird, die Verzweiflungssuppe also seltener überkocht. Strukturelle Unterschiede, Sprachspiele und Wortwitz sind immer wieder eine Herausforderung, aber Verzweiflung ist da ein schlechter Ratgeber. Ärgerlich sind bei halbwissenschaftlichen Texten (unmarkierte) Zitate ohne Quellenangaben. Wenn es sich dann noch um deutsche Quellen handelt, kann man bei der mühsamen Suche nach den Originalstellen schon manchmal den Autor verfluchen.
Vielleicht täte es aber ganz gut, auch einmal nach den euphorischen Momenten zu fragen. Es muss ja nicht gleich der Rand der Ekstase sein, aber Glücksmomente gibt es beim Übersetzen durchaus.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Nach Kassenlage. Nein, aber ich kann mir tatsächlich kaum leisten, Anfragen aus ästhetischen Empfindungen abzulehnen. Auch an einem Aufsatz über Mineralwässer aus Polen oder die Abfallwirtschaft in Belarus kann man sich abarbeiten und noch etwas lernen. Besonders schön ist es natürlich, Texte übersetzen zu können, die einen selbst überzeugen oder sogar begeistern. Ich denke da zum Beispiel an die „Märchen“ von Mikołaj Łoziński. Nur sind das oft gerade nicht die Bücher, mit denen man bei den Verlagen offene Türen einrennt.
Grundsätzlich nicht übersetzen würde ich Texte, denen ich mich sprachlich oder (im wissenschaftlichen Bereich) fachlich nicht gewachsen fühle. Unanständige Honorare könnten auch noch ein Ausschlusskriterium sein.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Ich frage gerne nach. Bislang habe ich auch nur positive Erfahrungen damit gemacht, auf die Autoren zuzugehen. Häufig wissen sie es zu schätzen, wenn man sie und ihre Texte so ernst nimmt, dass man Missverständnisse nach Möglichkeit auszuschließen versucht. Sicher kann es die Kommunikation auch erschweren, wenn man dem Autor eine detaillierte Liste sachlicher Fehler und sprachlicher Ungenauigkeiten zukommen lässt. Aber vorsichtig formulierte Verständnisfragen fördern manchmal hilfreiche Erklärungen zutage, die eben nur der Autor liefern kann.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Mehr als eines. Ein Wunschtitel wäre Julian Tuwims Gedicht Pan Maluśkiewicz i wieloryb, natürlich mit den grandiosen Illustrationen von Bohdan Butenko. Die Ausgabe in Übergröße, die 2008 im Verlag Dwie Siostry erschienen ist, ist hinreißend. (Es gibt zwar schon eine deutsche Übersetzung von Joanna Manc, aber das muss ja nicht die einzige bleiben …) Der kleinste Mann der Welt, der unbedingt einmal den großen Walfisch sehen will. Hier gibt es sogar einen schönen Zugewinn im Deutschen, der im Polnischen gar nicht angelegt ist: Maluśkiewicz baut sich ein Boot aus einer Nussschale, einer Wal-Nussschale:
Die wird mit Watte gepolstert, damit es sich angenehm sitzt, geschwind sind aus einem Streichholz vier prächtige Ruder geschnitzt …
Ein paar Schnitzversuche habe ich auch schon unternommen, aber ich werde die Klinge noch mehrmals nachschärfen müssen, bis das Gedicht auch auf Deutsch richtig Freude macht.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Eigenständig sollten die Übersetzungen schon sein. Die Originale ziehen ja höchstens Literaturwissenschaftler und im Idealfall Rezensenten heran. Kunst wird wohl auch drinstecken, ich habe jedenfalls wenig Sorge, dass automatische Übersetzungsprogramme die Literaturübersetzer überflüssig machen könnten. Schade eigentlich, dass Kunsthandwerker oft nur belächelt werden. Wenn meine Übersetzungen so gelesen werden können, dass angesichts des Kunstgenusses das solide Handwerk gar nicht mehr auffällt, sind sie wohl gelungen.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Swetlana Geier hätte wohl geantwortet: „Ich könnte jedenfalls nicht ohne.“
Ich lebe vom Übersetzen aus drei Sprachen und allerlei Textsorten (Lyrik, Prosa, Essay, Publizistik, Geisteswissenschaften, Begleittexte …). Dabei kommt nicht besonders viel herum, aber zusammen mit dem regelmäßigen Einkommen meiner Frau werden auch unsere zwei kleinen Töchter satt.

Veröffentlichungen:

  • Alhierd Bacharevič: Die Elster auf dem Galgen. Roman (aus dem Belarussischen), Leipzig: Leipziger Literaturverlag, 2010
  • Mitherausgeber Belarussisch-Deutsches Wörterbuch. Minsk: Zmicer Kolas, 2010
  • Krzysztof Michalski: Die Flamme der Ewigkeit. Essays. Für das Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien (2009)
  • Arsen Melitonjan: Deutsche Adressen im alten Russland. Geschichte in Postkarten (aus dem Russischen), Moskau 2008
  • Geisteswissenschaftliche und feuilletonistische Beiträge für Zeitschriften und Sammelbände (u.a. Joanna Tokarska-Bakir, Alina Molisak, Sylwia Chutnik, Aleksander Smolar).