Übersetzer im Gespräch Renate Schmidgall

„Die Übersetzung ist ebenso wie das Original ein sprachliches Kunstwerk. Wenn sie das nicht ist, ist sie keine gute Übersetzung. Das Übersetzen ist eine Tätigkeit, in der sich Handwerk und Kunst verbinden. Das Handwerk ist die Voraussetzung, ein Kunstwerk zu schaffen.“

Renate Schmidgall Renate Schmidgall | © Jutta Himmelreich Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Zufall oder Schicksal, je nachdem. Ich habe während des Studiums, als ich noch wenig Polnisch konnte, Gedichte aus „Puls“ und anderen Exilzeitschriften übersetzt, weil es mir ein Bedürfnis war, etwas mit diesen Texten zu machen, die bloße Lektüre reichte mir nicht. Ein paar Jahre später bekam ich vom Hanser Verlag die Chance, eine alte Übersetzung von Gombrowicz´ „Pornographie“ zu überarbeiten. Aber der wirkliche Anfang für mich war „Weiser Dawidek“ von Pawel Huelle, das erste Buch, das ich mir selbst aussuchte, einfach weil es mich faszinierte.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Eine ganz entscheidende Rolle. Der Übersetzer kann aufgrund seiner Sprachkenntnisse Neues und Interessantes entdecken. Ohne die Übersetzer hätten die Verlage (zumindest bei so „exotischen“ Sprachen wie Polnisch) gar keine Orientierung, was sich in der Literatur eines Landes tut. Es sind ja meist die Übersetzer, die neue Autoren oder neue Bücher vorschlagen und dann durch ihre Arbeit dem eigenen Kulturkreis zugänglich machen. Und die Literatur ist ein gutes Medium, um andere Völker besser zu verstehen. In der Literatur erkennen wir das Trennende, vor allem aber auch das Verbindende, und das ist eine wichtige Voraussetzung für Empathie und Toleranz.
Außerdem ist der Übersetzer, wenn er mit Autoren reist, aus seiner Übersetzung liest oder Lesungen moderiert, der beste Vermittler zwischen zwei Kulturen, weil er sich in beiden auskennt.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Schwer zu sagen. Vielleicht bei Stasiuks frühen Geschichten über die Verlierer der Geschichte, die einfachen Menschen in den Beskiden, die nach dem historischen Umbruch Anfang der neunziger Jahre um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen, oder bei “Bombel“ von Nahacz, dem Monolog eines Säufers, der darauf wartet, daß vielleicht einer mit einer Flasche oder einem Päckchen Zigaretten vorbeikommt und ihn erlöst. Armut, Elend und eine tief verwurzelte Religiosität – das war ziemlich fremd für mich und gerade daher natürlich auch sehr anziehend.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Im Polnischen gibt es eine Kombination aus Vulgärem und Vertrautem, Liebevollem, Zärtlichem, das die deutsche Hochsprache nicht kennt, anders gesagt: formal vulgäre Ausdrücke drücken gar nichts Vulgäres aus, sondern markieren eine Stufe der Umgangssprache. Bei dem oben erwähnten „Bombel“ war das stark der Fall, auch bei Stasiuk kommt es oft vor. Ich kenne dieses Phänomen aus dem Dialekt, aber das Hochdeutsche hat diese Möglichkeiten nicht. Dialektausdrücke kann man aber nur bedingt in die Schriftsprache übernehmen, bei solchen Übersetzungen gehen viele Nuancen verloren, da ist man oft am Rande der Verzweiflung. Aber man muß sich einfach darüber klar sein, daß man beim Übersetzen meist etwas verliert. Dafür kann man manchmal auch etwas gewinnen.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Ich bin in der glücklichen Lage, mir die Bücher, die ich übersetze, aussuchen zu können, das heißt, ich übersetze, was mir interessant und gut erscheint.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Eine sehr große, ich kann mir eine Arbeit ohne den Autor gar nicht vorstellen. Es gibt immer Fragen zum Text, die nur der Autor beantworten kann. Außerdem scheint es mir sehr wichtig, das ganze Umfeld des Autors zu kennen – den Ort, die Gegend, wo er lebt, die Geschichten, die er erzählt. Wenn man den Menschen kennt, kann man das, was er schreibt, intuitiv viel besser verstehen und einordnen. Mit der Zeit entwickeln sich Freundschaften, das ist sehr wertvoll, nicht nur für die Übersetzung.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ich möchte weiterhin meine Autoren übersetzen. Im Moment freue ich mich auf Dehnels neuen Roman „Saturn“.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Ja. Die Übersetzung ist ebenso wie das Original ein sprachliches Kunstwerk. Wenn sie das nicht ist, ist sie keine gute Übersetzung. Das Übersetzen ist eine Tätigkeit, in der sich Handwerk und Kunst verbinden. Das Handwerk ist die Voraussetzung, ein Kunstwerk zu schaffen. Das ist ja auch beim Autor so. Natürlich gibt es den großen Unterschied zwischen Autor und Übersetzer: Der Übersetzer ist austauschbar, der Autor nicht. Aber beide sind auf ihre Kreativität angewiesen, und der Übersetzer ist im gleichen Sinn Künstler wie ein Pianist, der ein Stück von Chopin spielt, oder ein Schauspieler in der Rolle des „Faust“. Er muß sich tief in seine Vorlage hineinversetzen können, um sie adäquat zu interpretieren.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Dazu kann ich nur frei nach Radio Erewan sagen: Im Prinzip nein. Aber ich habe mir aufgrund früherer Lebensumstände eine Situation geschaffen, in der ich über die Runden komme. Zum Glück mache ich in den letzten Jahren viele Lesungen und Übersetzerwerkstätten, das bessert die dürftigen Honorare etwas auf.

Ausgewählte Übersetzungen:

  • Huelle, Paweł: Weiser Dawidek. (Weiser Dawidek.) Roman. Darmstadt: Luchterhand 1990. 
  • Chwin, Stefan: Tod in Danzig. (Hanemann.) Roman. Berlin: Rowohlt Berlin 1997. 
  • Stasiuk, Andrzej: Galizische Geschichten. (Opowieści galicyjskie.) Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002. 
  • Dehnel, Jacek: Lala. (Lala.) Roman. Berlin: Rowohlt Berlin 2008. 
  • Kuczok, Wojciech: Lethargie. (Senność.) Berlin: Suhrkamp 2010.