Übersetzer im Gespräch Tomasz Ososiński

„Es sind die Übersetzer, denen wir es verdanken, dass diese unterschiedlichen Welten, die die Literaturen verschiedener Länder darstellen, zu einer Art verbundener Gefäße werden, dass sie einander näher kommen und sich zu einem einzigen großen Text verbinden.“

Tomasz Ososiński Tomasz Ososiński | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Am Anfang stand eigentlich keine bewusste Entscheidung. Da war das Interesse an der Literatur, natürlich auch an derjenigen, die im Polnischen nicht zugänglich war, da war der Wunsch, ihren Sinn zu ergründen, verborgene Bedeutungen auszuloten – aus all dem ergab sich irgendwann auf natürliche Weise das Übersetzen von Texten. Ich habe nie davon geträumt, ausgerechnet Literaturübersetzer zu werden. Das Übersetzen ist in meinem Fall auch nicht der Hauptberuf, ich übersetze eher, wenn sich die Gelegenheit ergibt, wenn sich ein Verleger findet, der sich für einen meiner Vorschläge interessiert.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Die Rolle des Übersetzers als Vermittler war früher wohl größer, in Zeiten, als die Barrieren zwischen den Völkern schwerer zu überwinden waren. Damals war der Übersetzer ein Vermittler, eine Art Priester, ohne den die Kommunikation mit einer fremden Kultur fast unmöglich war. Deshalb war zum Beispiel der Übersetzer in Osteuropa während des Kommunismus eine so wichtige Person. Heute, in Zeiten des allgemeinen Internetzugangs und einer viel leichteren Kommunikation, ist der Übersetzer nicht mehr der einzig Eingeweihte, ohne den nichts geht. In dieser Hinsicht ist seine Rolle heute unbedeutender. Dennoch ist er immer noch derjenige, der die Kommunikation mit dem Fremden erleichtert. Es sind die Übersetzer, denen wir es verdanken, dass diese unterschiedlichen Welten, die die Literaturen verschiedener Länder darstellen, zu einer Art verbundener Gefäße werden, dass sie einander näher kommen und sich zu einem einzigen großen Text verbinden. Die Übersetzer integrieren die einzelnen Literaturen der Welt zu einem Ganzen – und das unterstützt natürlich ungemein den Dialog zwischen den Kulturen, wirkt der Xenophobie entgegen usw.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Was die polnische und die deutsche Kultur betrifft, ist die Distanz insgesamt nicht allzu groß. Wesentlich öfter hatte ich Probleme mit der zeitlichen Distanz, das heißt damit, wie man Texte übersetzt, die z.B. Ende des 18. Jahrhundert entstanden sind, in welches Polnisch man sie übertragen soll. Doch es gab auch Fälle, wo die kulturelle Distanz eine Rolle spielte. Das von mir übersetzte Buch von Matthias Göritz, „Der kurze Traum des Jakob Voss”, spielt in Westdeutschland vor dem Fall der Mauer. Viele Elemente dieser Welt würden für den polnischen Leser unverständlich bleiben, wollte man das Buch eins zu eins übersetzen. In solchen Fällen stellt sich immer die Frage: Soll man eine Anmerkung machen oder den Text den polnischen Realien anpassen?

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

An den Rand der Verzweiflung bringen einen meistens Wortspiele und ähnliches. Äußerst schwierig zu übersetzen waren daher z.B. die Essays von Elfriede Jelinek, bei der die Dichte der Sprachspiele manchmal ganz unglaublich ist. Aber das ist auch eine Art Herausforderung, der Übersetzer hat mehr zu tun, er kann sich besser beweisen, also wäre es nicht ganz aufrichtig zu sagen, dass mich das an den Rand der Verzweiflung gebracht hat.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Vor allem danach, ob der Text mir gefällt. Wenn er mich langweilt, wenn ich nicht finde, dass er eine aufmerksame, gründliche Lektüre verdient (denn eben eine solche Lektüre ist das Übersetzen), wenn ich nicht überzeugt bin, dass diese Lektüre interessante Entdeckungen bringen kann, dann entscheide ich mich eher nicht für eine Übersetzung. Ich bin in der glücklichen Situation, dass das Übersetzen nicht meine einzige Einkunftsquelle ist, das heißt, ich muss nicht alles übersetzen, was ich angeboten bekomme, ich übersetze nur, was mich interessiert.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Das Gespräch mit dem Autor ist in jedem Fall sehr wichtig, vor allem, wenn man Lyrik übersetzt, das heißt Texte, die vieldeutig sind und manchmal schwer zu erkennende Bezüge und Anspielungen enthalten (besonders für jemanden, der nicht im Alltag der anderen Sprache lebt). Mir scheint, ein Übersetzer, der in bestimmten Fällen keine Fragen an den Autor hat, hat keine Chance, den betreffenden Text gut zu übersetzen. (Umso weniger verstehe ich Übersetzer, die aus einer Fremdsprache übersetzen, die sie nicht kennen, von einer philologischen Rohübersetzung.) Aber selbst bei Prosa kommt es vor, dass man ohne Gespräch mit dem Autor nicht entscheiden kann, worum es genau geht. Das ist dann keine Frage der Sprachkenntnis, denn ein deutscher Leser könnte das ebenso wenig – das ist ein Problem der Vieldeutigkeit bestimmter Formulierungen.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Natürlich, es gibt einige, zu denen ich schon seit längerem die Verlage zu überreden versuche. Ich würde gern Kurzprosa von Josef Winkler übersetzen („Leichnam, seine Familie belauernd”), Erzählungen von Heinrich Mann, Stefan Zweig (vor allem „Die unsichtbare Sammlung”), dann die Korrespondenz Rilkes. Auch von der noch nicht übersetzten Prosa Goethes würde ich gern etwas übersetzen.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Das Übersetzen von Gedichten kann man bestimmt als künstlerische Tätigkeit sehen. Wenn man ein Gedicht übersetzt, übersetzt man ja nicht nur seine semantische Seite, sondern auch seine lautliche Seite und manchmal sogar seine visuelle... Auch manche Arten von Prosatexten verlangen vom Übersetzer künstlerische Fähigkeiten. Man kann wohl die Behauptung riskieren, wenn das Schreiben des Originaltextes eine künstlerische Tätigkeit war, dann muss die Übersetzung dieses Textes auch eine solche Tätigkeit sein.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Zum Glück muss ich das nicht. Das wäre schwierig in Polen.

Die wichtigsten übersetzerischen Veröffentlichungen:

  • M. Bogucka, K. Zernack: Sekularyzacja Zakonu Krzyżackiego w Prusach. Hołd Pruski 1525 (Die Säkularisation des Deutschen Ordens in Preußen. Die preußische Huldigung 1525) Warszawa 1998
  • Johann Georg Hamann: Memorabilia Sokratejskie (Sokratische Denkwürdigkeiten), in: Teoria literatury żywa. Burzliwy wiek osiemnasty (Lebendige Literaturtheorie. Das stürmische 18. Jh.) Hrsg. Kamila Najdek, Krzysztof Tkaczyk. Warszawa 2006, S. 87-118
  • Matthias Göritz: Krótki sen Jakuba Vossa (Der kurze Traum des Jakob Voss) Kraków 2009
  • R. M. Rilke: Druga strona natury, eseje, listy i pisma o sztuce (Die andere Seite der Natur. Essays, Briefe und Schriften über die Kunst) Warszawa 2010 (Übersetzung und Bearbeitung)
  • Gottfried Benn: Nigdy samotniej (Einsamer nie) Wrocław 2011