Übersetzer im Gespräch Esther Kinsky

Esther Kinsky
Esther Kinsky | © TobiasBohm

„Der schwierigste Autor, den ich übersetzt habe, war Białoszewski. Da ist jeder Satz eine Aufgabe. Dieses Aufbrechen, Klittern, Neuschaffen von Sprache, dieser unglaubliche, aus allem Gesehenen, Gehörten, Gewussten, Gelesenen erschriebene Kosmos aus Worten ist fast unübersetzbar.“ 

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Das Übersetzen war ein ganz früher Wunsch, der eigentlich schon in meinem ersten Lesealter seine Wurzeln hat, als ich irgendwann in einem Kinderbuch im Impressum den unverständlichen „Originaltitel“ entdeckte, und mir erklärt wurde, dass dieses Buch in einer anderen Sprache geschrieben worden war. Das hat mich sehr fasziniert. Ich habe dann mit 13, 14 Jahren eine große Vorliebe für alles Osteuropäische entwickelt und beschlossen, diese Sprachen zu lernen, um zu übersetzen. Ich habe dann Slawistik studiert, nicht aus Interesse am Akademischen, sondern an den Sprachen und Literaturen, vor allem Russisch und Polnisch. Polnisch wurde sehr bald zum Schwerpunkt.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Ein literarischer Übersetzer ist eher Vermittler zwischen Literaturen, zwischen zwei Arten von Benennung der Welt. Ich halte nicht viel von diesem Schlagwort der „Kulturvermittlung“. Ein guter literarischer Übersetzer setzt sich in erster Linie damit auseinander, wie er/sie die dem jeweiligen literarischen Werk eigene sprachliche Annäherung an die Welt übertragen kann. Jede Sprache bietet andere Möglichkeiten, und es geht doch darum, ein dem originalen Kunstwerk ebenbürtiges Gebilde zu schaffen, dessen „fremde“ Herkunft aber dennoch wahrnehmbar bleibt. Das unterscheidet ja unsere heutige Sicht von der Aufgabe des Übersetzers von früheren Ansätzen.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Am spürbarsten war für mich die Distanz in den Kinderbüchern, die ich Ende der achtziger Jahre übersetzt habe, z.B. Cyril, wo bist Du von Wiktor Woroszylski, und Bücher von Stanislawa Domagalska, die ich sehr gerne gemocht habe. Die Bezugspunkte waren ganz andere, die Wirklichkeit war der westeuropäischen ziemlich fern, und auch – was ja in jedem Kinderbuch mitschwingt – der Kontext der Kinderliteratur, in dem sie stehen. Ich muss in dem Zusammenhang auch sagen, dass die mangelnde Kenntnis der Kinder- und Jugendliteratur eines Landes dem Zugang zur Literatur dieses Landes allgemein im Wege steht. Es ist sehr bedauerlich, dass das Interesse deutscher Verlage an diesen „Grundlagen“ auch in den letzten beiden Jahrzehnten nicht gewachsen ist.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Der schwierigste Autor, den ich übersetzt habe, war Białoszewski. Da ist jeder Satz eine Aufgabe. Dieses Aufbrechen, Klittern, Neuschaffen von Sprache, dieser unglaubliche, aus allem Gesehenen, Gehörten, Gewussten, Gelesenen erschriebene Kosmos aus Worten ist fast unübersetzbar, man muss sich vollkommen diesem Bialoszewski-Hirn verschreiben, sich völlig in diesen Sprachprozess versenken, um etwas annähernd Vergleichbares zu schaffen. Dieser Prozess ist auch für mich als Übersetzerin nie abgeschlossen.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Ich schlage die meisten Sachen selbst vor. Manchmal habe ich Glück – wie bei Joanna Bators wunderbarem „Sandberg“ -, der im Februar erscheint, manchmal Pech, wie unfassbarerweise bei Prus „Lalka“. Manchmal werden mir auch schöne Bücher angeboten, die ich selbst noch nicht gelesen habe, aber das selten. Natürlich habe ich auch feste Autoren, wie Olga Tokarczuk und Magdalena Tulli, denen ich als Übersetzerin treu bleiben möchte.
Im Augenblick beschäftige ich mich vornehmlich mit Lyrik, ohne Auftrag, und habe dafür auch Angebote ausgeschlagen, die mir weniger wichtig erschienen. Die Generation der um 1970 geborenen polnischen Lyriker erscheint mir unglaublich interessant, das ist eine ganz neue Sprache und Bildwelt, das möchte ich unbedingt im Deutschen vermitteln, auch wenn es schwierig sein wird, dafür Aufträge zu bekommen.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Gespräche mit dem Autor sind eigentlich nur dann relevant, wenn es um Sachfragen geht. Vielleicht wäre das anders, wenn ich einen Autor übersetzen würde, der sehr gut deutsch spricht. Ich glaube, das wichtigste ist, dass der Autor dem Übersetzer vollkommen vertraut. Der Übersetzer muss die „Vollmacht“ haben, das Kunstwerk sozusagen nachzubauen, mit seinen Mitteln. Ich kann es überhaupt nicht vertragen, wenn sich Autoren – oft mit mangelhaften, veralteten oder überhaupt nur vermittelten Kenntnissen meiner Sprache – in meinen Schaffensprozess einmischen. Ich habe ein paar sehr unangenehme Erfahrungen gemacht, aber von solchen Autoren übersetze ich dann auch keine Zeile mehr.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Das Buch, das mir als grundlegendes Werk in der polnischen Literatur am meisten am Herzen liegt, ist „Lalka“ von Prus. Dieses Buch sollte unbedingt neu übersetzt, mit einem Nachwort und Kommentar versehen, einem deutschsprachigen Leserpublikum zugänglich sein. Es gibt viele verschiedene Gründe dafür, es ist ein unglaublich aufschlussreiches Buch über Fragen polnischer Identität, zudem ein so bedeutender Bezugspunkt auch in der polnischen Gegenwartsliteratur. Nicht zuletzt ist es auch ein einmaliges Buch über die Stadt Warschau. Dem, was diese Stadt vor der Zerstörung durch die Deutschen war, der Buntheit und Vielfalt des Lebens dort, müsste dieses Denkmal in Gestalt einer deutschen Übersetzung gegönnt sein.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Ich betrachte das Übersetzen als Kunst, mit dem Begriff des Kunstwerks tue ich mich etwas schwerer. Der Übersetzer arbeitet ja immer an der ursprünglichen Vision des Autors entlang, es sind nicht die eigenen Bilder, die er schafft, wenngleich er die eigenen Worte dafür findet. Doch Tempo, Temperament und Temperatur der Sprache und des Beschriebenen sind nicht die des Übersetzers. Der Übersetzer ist ja – im Unterschied zum Autor des Originals – einem bestehenden Werk bereits verpflichtet. Jeder Übersetzer und jeder Leser muss für sich selbst entscheiden, wie Kunstwerk da zu definieren ist. Dafür gibt es keine gültige Antwort.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ich kann nur dank der in Deutschland verfügbaren Stipendien und Förderungen davon leben.

Die wichtigsten übersetzerischen Veröffentlichungen:

  • Miron Bialoszewski: Nur das, was war. Aufzeichnungen aus dem Warschauer Aufstand
  • Zygmunt Haupt: Der Ring aus Papier; Vorhut
  • Olga Tokarczuk: Ur und andere Zeiten
  • Magdalena Tulli: In Rot