Übersetzer im Gespräch Tomasz Dominiak

„Für mich zählt vorrangig der schöpferische Beitrag des Übersetzers zur eigenen Sprache. Luther war Übersetzer, Goethe übersetzte genauso wie Mickiewicz. Aber auch unscheinbarere, manchmal nahezu unbekannte Übersetzungen sind häufig wertvolle Arbeiten, die ganz konkret unsere Kultur bereichern.“

  Tomasz Dominiak Tomasz Dominiak | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Uj, das ist eine lange Geschichte. Angefangen hat es ganz harmlos. Tief in den Achtzigerjahren „übersetzte“ ich für einen Freund den Punksong Tanz den Mussolini der deutschen Band DAF. Wir hatten nur eine Schwarzkopie. Ich spielte das Stück auf meinem alten Kassettenrekorder rauf und runter und versuchte für das, was ich zu verstehen glaubte, polnische Wörter zu finden. Das hätte der Anfang sein können, aber mein späteres Germanistikstudium führte mich paradoxerweise für Jahre weg vom Übersetzen. Erst gegen Ende des Studiums hatte ich das Glück, an Lehrer zu geraten, die selbst hervorragende Übersetzer waren und die sich mühten, der Übersetzung die ihr gebührende Bedeutung zukommen zu lassen. Durch sie ergaben sich auch erste Gelegenheiten zum Übersetzen. Für den Beruf des Übersetzers entschied ich mich jedoch erst, als ich schon nicht mehr an der Universität arbeitete. Für diese Berufswahl gab es – wie für so vieles im Leben – mehrere Gründe: ich hatte wohl immer schon heimlich davon geträumt, aber vor allem war die Entscheidung schlicht und einfach dem Zufall geschuldet. Dies zeigt, dass die direkte Linie nicht immer der kürzeste Weg zum Ziel ist.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Das ist eher eine Frage an die Theoretiker. Für mich zählt vorrangig der schöpferische Beitrag des Übersetzers zur eigenen Sprache. Luther war Übersetzer, Goethe übersetzte genauso wie Mickiewicz. Aber auch unscheinbarere, manchmal nahezu unbekannte Übersetzungen sind häufig wertvolle Arbeiten, die ganz konkret unsere Kultur bereichern. Ob und wenn ja was für Folgen das für die Kultur hat, aus der das Original entstammt, ist aus meiner Perspektive zweitrangig, insbesondere dann, wenn es um die Neuübersetzung eines Sophokles oder Seneca geht. Die Rolle des Übersetzers besteht letztlich darin, dem Leser etwas Neues anzubieten, das diesen möglicherweise anspricht, sodass er darauf antwortet. Auf diese Weise entspinnt sich ein Gespräch.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Das klingt vielleicht etwas hochtrabend, aber nach meinem Dafürhalten ist jeder Text im Grunde ein Kosmos für sich, sich selbst genug. Und das betrifft nicht nur die fremdsprachliche Literatur. Deshalb werde ich im Umgang mit Texten das Gefühl der Fremdheit und der Distanz nie ganz los – es lässt sich höchstens mildern. Am deutlichsten bekam ich das vermutlich beim Übersetzen Nachgelassener Fragmente aus dem Frühwerk Friedrich Nietzsches zu spüren. Man hätte meinen können, ein Autor, der seit über hundert Jahren im Polnischen heimisch ist, hielte für seinen Übersetzer keine Überraschungen mehr parat. Dem ist aber nicht so. Seine Sprache, die der großen deutschen Literaturtradition entspringt, ist auch heute noch eine enorme Herausforderung, und der zeitliche Abstand stellt eine zusätzliche Schwierigkeit dar. Nietzsche ist eine andere Welt.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Das Einzige, was mich wirklich zur Verzweiflung treibt, sind die Abgabetermine. Jetzt aber mal ernst, wenn es um rein sprachliche Schwierigkeiten geht, berufe ich mich noch einmal auf Nietzsche. Seit mehreren Jahren suche ich eine gute Übersetzung für den Satz: „Aeschylus hat den freien Faltenwurf des Gemüths aufgebracht.“ Und mit den erzielten Ergebnissen bin ich immer noch nicht ganz zufrieden.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Sich frei entscheiden zu können, was man übersetzt, ist ein großer Luxus, den sich wahrscheinlich nur einige wenige Glückspilze leisten können. Zudem bin ich der Meinung, dass für das Verlagsprogramm vor allem der Verlag und seine Redakteure verantwortlich sein sollten. Natürlich wäre es großartig, wenn der Übersetzer dabei ein Wörtchen mitzureden hätte. Übernehme ich eine Übersetzung, gehe ich jedoch erst einmal davon aus, dass der Verlag weiß, was er tut, dass das Ganze einen Sinn hat. Meine Aufgabe ist es, meine Arbeit so gut wie möglich auszuführen. Für jeden Text gibt es eine gute Übersetzung, ob das Original aber die übersetzerische Mühe lohnt, steht auf einem anderen Blatt. Könnte ich mir aussuchen, was ich übersetze, würde ich mich nach wichtigen oder gar herausragenden Werken umsehen, beziehungsweise Texte wählen, die mir so gut gefallen, dass ich meine Begeisterung unbedingt mit anderen teilen will. Der Idealfall wäre, wenn sowohl das eine wie auch das andere zutrifft.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

In meiner Arbeit als Übersetzer habe ich dieses Vergnügen bisher noch nicht gehabt – von Übersetzerkollegen weiß ich, dass dies nicht immer ein ungetrübtes Vergnügen ist. Aus Respekt vor dem Autor würde ich jedoch den Kontakt auf ein absolut notwendiges Mindestmaß begrenzen. Meiner Überzeugung nach ist das Werk das letzte Wort des Autors.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Jeder Übersetzer hat vermutlich seine mehr oder minder geheime Wunschliste. Auf meiner steht an erster Stelle Adalbert Stifters Roman Der Nachsommer. Aber auch weniger bekannte Titel harren eines Verlegers, z. B. das Prosafragment Paralyse von Gustav Sack aber auch der erst in diesem Jahr erschienene Roman Die Liebe der Väter von Thomas Hettche. Des Weiteren träume ich davon, den großen Essay Die Perfektion der Technik von Friedrich Georg Jünger zu übersetzen.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Meine Arbeit betrachte ich als eine Fertigkeit, ein Handwerk im Sinne von techné. Ein so verstandener Beruf kann Kunst sein, sollte es vielleicht sogar sein. Vielleicht gelingt mir ja das Kunststück, dass eine meiner Übersetzungen einmal als Kunstwerk anerkannt wird.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Von Können kann keine Rede sein, ich muss.

Die wichtigsten übersetzerischen Veröffentlichungen:

Bücher:
  • Thomas Lemke, Biopolityka [Biopolitik zur Einführung; auf Deutsch 2007], 2010.
  • Petra Reski, Mafia [auf Deutsch 2008], 2009.
  • Axel Honneth, Nancy Fraser, Redystrybucja czy uznanie? Debata polityczno-filozoficzna [Umverteilung oder Anerkennung. Eine politisch-philosophische Kontroverse; auf Deutsch 2003], 2005 (gemeinsame Übersetzung mit Monika Bobako).
  • Anton Rotzetter, Jak Franciszek do zwierząt przemawiał [Wunderbar hat er euch geschaffen: Wie Franziskus den Tieren predigt; auf Deutsch 1998], 2002.
In Zeitschriften oder Sammelbänden Übersetzungen u. a. von Dirk Brauns, Uwe Kolbe, Ernst Jünger, Armin Mohler.