Übersetzer im Gespräch Andreas Volk

„Genauso wie die von mir übersetzte Literatur den Anspruch erhebt, Kunst zu sein, beanspruche ich für meine Übersetzung den Status eines Kunstwerks. Als Übersetzer zahle ich Gleiches mit Gleichem heim.“

Andreas Volk Andreas Volk | © Elzbieta Lempp Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Der Wunsch zu übersetzen war eigentlich schon immer da, zumindest seitdem ich begann fremdsprachige Literatur im Original zu lesen. Selber zu schreiben traute ich mir damals nicht zu, zu übersetzen eigentlich auch nicht. Einmal übersetzte ich dann doch ein paar Absätze aus Jerzy Kosińskis Roman „Cockpit“, bis ich enttäuscht feststellte, dass der Autor ihn nicht einmal auf Polnisch, sondern auf Englisch geschrieben hatte. Einen zweiten, dann erfolgreicheren Anlauf unternahm ich Jahre später während eines Praktikums in der Villa Decius in Krakau. Ich arbeitete in der Arbeitsgruppe Literatur mit, die 2000 den polnischen Schwerpunktauftritt bei der Frankfurter Buchmesse vorbereitete. Für diverse Kataloge und Broschüren wurden kurze Auszüge aus den Werken zeitgenössischer polnischer Schriftsteller gebraucht. Das waren meine ersten Gehversuche als Übersetzer.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Seit mehreren Jahren lebe ich in Warschau, zurzeit arbeite ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder an der deutsch-polnischen Grenze, meine Lebenspartnerin ist Engländerin, meine ältere Tochter besucht eine polnische Schule und spricht zuhause Deutsch und Englisch. Das interkulturelle Element gehört mithin zu meinem Lebensalltag.
In meiner Arbeit als Übersetzer bin ich immer wieder in kulturvermittelnde Projekte involviert. Sei es die Mitarbeit an einem polnisch-deutschen Wörterbuch, die Redaktion der Krakauer deutsch-polnisch-ukrainischen Literaturzeitschrift „radar“ oder die Mitherausgeberschaft des seit neuestem in Słubice erscheinenden deutsch-polnischen Übersetzungsjahrbuchs „OderÜbersetzen“. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich mein Tätigkeitsfeld als Übersetzer eher weit fasse und mich nicht nur auf das Kerngeschäft des Übersetzens beschränke.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?  

In der Regel übersetze ich polnische Literatur der jüngeren und mittleren Generation, bei der das Gefühl von kultureller Distanz meist nicht gerade eklatant ist. Umso größer die Überraschung, wenn man es mit einem zeitgenössischen Text zu tun bekommt, von dem man zu wissen glaubt, ein gleichaltriger deutschsprachiger Autor hätte ihn so bestimmt nicht geschrieben. Ein Beispiel dafür ist der viel ungebrochenere Umgang mit einer religiösen, und dann meist biblischen Sprache und Metaphorik bei jüngeren polnischen Autoren. Klar wurde mir das bei Mariusz Bielińskis archaisch anmutenden Schuld-und-Sühne-Drama „Nad“ („Jenseits“), als die Magdeburger Dramaturgin, die mit dem Stück ganz offensichtlich nichts anzufangen wusste, nach der szenischen Lesung zu mir sagte: „Das hat Kraft.“

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Das Übersetzen wird gern als ein Verlustgeschäft beschrieben. Kein Wunder, dass bei einer derart deprimierenden Tätigkeit, Seelenpein zwangsläufig zum Tagesgeschäft gehört. Allerdings nutzt sich diese mit der Zeit ab. Es gibt sprachliche Barrieren, die nicht zu überwinden, sondern nur zu umgehen sind. Schlimmer ist es, wenn man genau weiß, dass es eine brauchbare Lösung gibt, sie aber nicht finden kann, und man sich mit einer zweitbesten Lösung begnügen muss.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Bisher war das Entscheidungskriterium meist, dass ich mich für den Autor nicht schämen muss. Die Texte wurden an mich herangetragen, und ich musste lediglich entscheiden, ob ich den Text übersetzen will oder es bleiben lasse. In Zukunft will ich jedoch aktiver entscheiden, was ich übersetze. Ziel ist es, nur das zu übersetzen, was mir gefällt.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Das Gespräch mit dem Autor ist eine großartige Sache, vorausgesetzt der Übersetzer hat Respekt vor dem Autor und der Autor uneingeschränktes Vertrauen zum Übersetzer. Schwieriger wird es, wenn der Autor sich auch in der übersetzten Sprache heimisch zu fühlen glaubt sowie an einer auch unter Schriftstellern durchaus verbreiteten Krankheit leidet: der Angst vor Kontrollverlust. Denn dann beäugt der Autor den übersetzten Text misstrauisch, und das Gespräch krankt. Beides habe ich schon erlebt.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Momentan versuche ich einen deutschen Verlag für Inga Iwasióws Stettin-Romane Bambino und Ku Słońcu („Der Sonne entgegen“) zu finden, in denen man mehr über das Nachkriegspolen erfahren kann als in manch einem Geschichtsbuch. Natürlich gibt es auch einige andere Autoren, die ich gern übersetzen würde. Zum Beispiel Zbigniew Kruszczyński oder Ida Fink.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Genauso wie die von mir übersetzte Literatur den Anspruch erhebt, Kunst zu sein, beanspruche ich für meine Übersetzung den Status eines Kunstwerks. Als Übersetzer zahle ich Gleiches mit Gleichem heim.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Albrecht Lempp, den ich in meiner grenzenlosen Naivität vor einigen Jahren fragte, ob er denke, ich hätte das Zeug zum Literaturübersetzer, antwortete auf meine Frage mit der Gegenfrage: „Kannst du es dir denn leisten?“. Heute bin ich in der glücklichen Lage, diese Frage bejahen zu können. Damals konnte ich es mir eigentlich nicht leisten, trotzdem habe ich damit angefangen und nicht mehr davon gelassen. Ob ich aber vom Übersetzen leben kann, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Übersetzungen:

Theaterstücke:
  • Artur Pałyga, Der letzte Vater seiner Art , (Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“, Wiesbaden, Juni 2010)
  • Małgorzata Sikorska-Miszczuk, Das Ende der Welt , (Theater Magdeburg, Premiere 16.4.2010)
  • Krzysztof Warlikowski (A)pollonia (Wiener Festwochen, Juni 2009; Theater Hebbel am Ufer, Berlin, Juni 2010)
  • Magda Fertacz, Trash Story (Maxim Gorki Theater, Berlin, Szenische Lesung, März 2009)
Übersetzungen von Prosa und Lyrik in den Zeitschriften „die horen“, „Lichtungen“, „OderÜbersetzen“ und „radar“ (u. a. Mariusz Sieniewicz, Inga Iwasiów, Eustachy Rylski, Włodzimierz Kowalewski, Krzysztof Varga, Konrad Wojtyła, Marta Syrwid)