Übersetzer im Gespräch Jakub Ekier

„Dem Übersetzer kommt eine ebenso verantwortliche Rolle zu, wie sie die Sprache für die zwischenmenschliche Verständigung hat. Der Übersetzer kann, wie die Sprache, Dinge verfälschen oder aber gefügiges Instrument der Kommunikation sein.“

Jakub Ekier Jakub Ekier | © Stanislaw Ekier Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Dem ging eine lange Kette von Ursachen voraus, darunter auch eine DNA-Kette: Meine Mutter hat mir das Interesse für Sprachen vererbt, weshalb ich mich nach der Schule für ein philologisches Studium entschied. Damals unternahm ich auch erste eigene poetische Versuche, fand aber keine eigene Sprache und keine Form – es war, als könnte ich die eigene Stimme nicht hören. Also fing ich an, deutsche Lyrik zu übersetzen – ich hoffte, sie würde mich lehren, in Versen zu sprechen. Es gab einige Dichter, die mich faszinierten: Johannes Bobrowski, Nelly Sachs, Paul Celan oder Reiner Kunze, die ich zunächst probeweise und für die Schublade übersetzte.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Eine ebenso verantwortliche Rolle, wie sie die Sprache für die zwischenmenschliche Verständigung hat. Der Übersetzer kann, wie die Sprache, Dinge verfälschen oder aber gefügiges Instrument der Kommunikation sein. Wobei gefügig nicht unbedingt unsichtbar heißt. Da der Kontext der Konnotationen und Assoziationen in beiden Sprachen ein anderer ist, muss man mitunter ungefügig nach lediglich analogen Zeichen suchen, weil es keine identische Entsprechung gibt. Zwischen der polnischen und der deutschen Romantik liegen Welten – und so erweist sich, wenn etwa Daniel Kehlmann in Die Vermessung der Welt die Exaltiertheit eines romantischen Salons vom Beginn des 19. Jahrhunderts parodiert und dabei den Ausdruck „in der Seele vorgehen” verwendet, Wyspiańskis um hundert Jahre jüngere Wendung „w duszy grać” als passendste Entsprechung.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Gewiss bei Texten, deren Übersetzung ich irgendwann aufgegeben habe. Ein Beispiel ist Reiner Kunzes Gedicht „nach alter kinderweise", das von Kunzes in den Krieg geschickten Vater und von einem „Schuld und Schand” tragenden Land handelt. Kunze paraphrasiert dort den Kinderreim „Maikäfer, flieg”. Meine Versuche mit analogen polnischen Reimen wie „Biedroneczko, leć do nieba” oder „A jak poszedł król na wojnę” brachten schier surrealistische Effekte hervor – denn warum sollte ein deutscher Dichter ein Stück unserer Tradition neu interpretieren, um im polnischen Sprachgewand deutsche Schuld zu bekennen? Zu guter Letzt musste ich wieder einmal einsehen, dass man manche Dinge nur in einer Sprache sagen kann …

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Wäre es nur Verzweiflung! Sie zu überwinden, in einem desperaten schöpferischen Akt, kann immer noch in einer geglückten Übersetzung resultieren. Dazu braucht es jedoch eine anfangs ungeahnte Analogie, die wir beim aussichtslosen Sprung über den Abgrund zwischen den Sprachen zu fassen bekommen. Aber zumeist finden wir auf der anderen Seite nichts derartiges. Im Polnischen klingt nun einmal im „Wundenspiegel” („zwierciadło rany”) nicht der „Wunderspiegel“ („cudowne zwierciadło”) mit, wie es bei Celan im Band Atemwende der Fall ist. An einer anderen Stelle desselben Bandes verschmilzt Celan den Begriff des Gesangs, der in der deutschen Lyrik eine große Tradition hat, und das Bild eines mit dem Mast zuerst untergehenden Schiffs … Über so etwas zermartert man sich das Hirn. Und – so geht es mir – verzweifelt nicht nur daran, sondern resigniert: Man verliert die Lust und gibt die Übersetzung auf.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Wenn ich mir die Texte selbst aussuchen kann, was bei der Lyrik meist der Fall ist, dann ist es eher so, dass sich die Texte mich aussuchen. Sie faszinieren mich oder lassen mich gleich denken: Aha, aber was mache ich auf Polnisch damit … Und auch andere Übersetzer kennen wohl die Regel, die sich für mich immer wieder bestätigt: Je schwerer ein Gedicht oder ein anderer Text, desto größer ist die Versuchung, sich an seiner Übersetzung zu versuchen – selbst auf die Gefahr hin, dass man verzweifelt. Denn die Kraft eines Textes ist umso größer, je mehr er das Potential der Wörter ausnutzt – und dieses im weitesten Sinne verstandene Potential ist in jeder Sprache anders, was dem Übersetzer immer wieder die schon angesprochenen Schwierigkeiten bereitet.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Es ist so wichtig, wie es der Autor und die Umstände nur zulassen. Im persönlichen Gespräch gewinnen Ausdrücke und Begriffe fast physische Präsenz und die Lösungen für Übersetzungsprobleme liegen geradezu in der Luft, wie ich mehr als einmal erfahren konnte. Aber auch im Telefonat, per Brief oder E-Mail lassen sich inhaltliche und sprachliche Fragen klären. Außerdem lernt man die Denkweise des Autors kennen und merkt, ob etwa seine poetischen Bilder eher in der empirisch überprüfbaren Wirklichkeit wurzeln oder ob er – wie es mir einmal, wenn auch mit anderen Worten, Ursula Krechel sagte – die Sprache von der Leine lässt.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Was das betrifft, habe ich nur wenige konkrete und erfüllbare Träume. Die Erfahrung hat mich außerdem gelehrt, dass man nichts vorzeitig „durchsickern” lassen sollte, weil leicht über Jahre unerfüllte Versprechungen daraus werden können. Aber natürlich träume ich von künftigen Büchern einiger mir besonders nahestehender zeitgenössischer deutscher Autoren – aber über etwas, was noch nicht existiert, lässt sich naturgemäß nur schwer reden. Abgesehen davon geht es mir ähnlich wie dem Helden in einem Text von Jorge Luis Borges, auf den die große Essayistin und Übersetzerin Małgorzata Łukasiewicz sich gerne bezieht: Weil er den Don Quichotte liebte, beschloss Pierre Menard, Cervantes’ Werk … noch einmal zu schreiben. Genauso würde ich in Mußestunden zu meinem egoistischen Vergnügen gern manches deutsche Meisterwerk übersetzen, das schon von anderen übersetzt wurde, mitunter zufriedenstellend oder geistreich übersetzt wurde.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Der englische Übersetzungstheoretiker Alexander Fraser Tytler forderte im 18. Jahrhundert, die Übersetzung müsse „die Leichtigkeit der originalen Komposition” besitzen. Auch ich denke, dass es die Pflicht des Übersetzers ist, die Kunstfertigkeit des Originals zu transportieren – also verlange ich von meinen Übersetzungen, dass sie diese Kunstfertigkeit möglichst in analogem Maße und auf analoge Weise wiedergeben. Meine Wortspiele müssen ebenso spielerisch sein wie die des Autors, der Stil darf nicht weniger erkennbar sein. Aber natürlich auch nicht mehr. Da ist ein Paradox: Der Übersetzer muss seine Freiheit so zu nutzen wissen, dass er seiner dienenden Funktion gerecht wird.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Hier kann ich nur die Antwort meines deutschen Kollegen Bernhard Hartmann wiederholen: Ich kann nicht vom Übersetzen leben, aber ich hätte nichts dagegen. Wie viele Übersetzer aus allem möglichen Ländern würden wohl diesen Satz unterschreiben! Und das ist doch eigentlich ein ermutigendes Beispiel von Gemeinsamkeit über kulturelle Grenzen hinweg, oder nicht?

Die wichtigsten übersetzerischen Veröffentlichungen:

  • Gedichte u.a. von Paul Celan, Ilse Aichinger und Durs Grünbein in Literaturzeitschriften und Anthologien;
  • Helmut Böttiger, „Paul Celan. Miasta i miejsca“ („Orte Paul Celans“), 2002;
  • Daniel Kehlmann, „Rachuba świata“ („Die Vermessung der Welt“), 2007;
  • Reiner Kunze, „remont poranka“ (ausgewählte Gedichte und Prosa), 2008;
  • Franz Kafka, „Proces“ („Der Process“), 2008.