Übersetzer im Gespräch Bernhard Hartmann

„Literarische Texte sind Kunstwerke, also müssen gute literarische Übersetzungen auch Kunstwerke sein, die für sich selbst bestehen können“, erklärt Bernhard Hartmann.

Bernhard Hartmann Bernhard Hartmann | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Ich habe im Studium angefangen zu übersetzen, weil manche Texte, die mich interessierten, noch nicht ins Deutsche übertragen waren oder mir die vorhandenen Übersetzungen als unzureichend erschienen. Das waren Arbeiten für die Schublade. Irgendwann habe ich von Tadeusz Różewicz, mit dem ich ein Gespräch für eine Theaterzeitschrift geführt hatte, ein unveröffentlichtes Manuskript bekommen. Ein Freund hat mich überredet, den Text zu übersetzen und zur Publikation anzubieten. Eine Art Beruf ist das Übersetzen für mich letztlich aber nur geworden, weil – das erfuhr ich später – eine der Zeitschriften, denen ich den Text anbot, gerade einen Nachfolger für ihren kurz zuvor verstorbenen Polnischübersetzer suchte.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Wie weit ein Übersetzer sich über die eigentliche Arbeit hinaus als Kulturvermittler versteht, ist eine Frage des jeweiligen Selbstverständnisses. In welchem Grade das Übersetzen selbst Kulturvermittlung ist, hängt von den Zeiten und Umständen ab. Im deutsch-polnischen Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit und während des Kalten Kriegs, als man zumindest in Westdeutschland wenig über Polen wusste oder wissen wollte, waren Übersetzer vielleicht vor allem anderen Vermittler oder, um es mit einem oft gebrauchten Bild zu sagen, Brückenbauer. Heute geht es eher darum, diese Brücken zu pflegen, damit der Grenzverkehr weiter fließen kann. Dazu braucht es aber nicht nur Übersetzer, sondern auch andere Experten sowie Personen oder Institutionen, die das nötige Geld bereitstellen oder beschaffen. Im Idealfall sollte der Übersetzer sich darauf konzentrieren können, in der anderen Literatur die Autoren und Bücher aufzuspüren, die in irgendeiner Form für die eigene Kultur relevant sind.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Bis jetzt waren es weniger Texte als Begriffe, Sätze oder Sachverhalte. Das Wort ‚cerkiew’ etwa kann man im Deutschen nur umschreiben: ‚orthodoxe Kirche’, ‚Kirche der Altgläubigen’ – das hat mir in einem Gedicht von Julia Hartwig Schwierigkeiten bereitet. Ein komplexeres Beispiel ist Tomasz Różyckis Gedichtsammlung Kolonie (Kolonien). Różycki vermischt koloniale Bildlichkeit mit der Kindheitserinnerung an einen Sommer im Ferienlager (poln. ‚kolonie’); das ist teils unübersetzbar, weil ‚Kolonie’ im Deutschen nicht diese zweite Bedeutung hat. Besonders deutlich wird die Distanz bei Texten oder Begriffen, die mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen zu tun haben – man denke nur an die Wörter ‚Vertreibung’ (wypędzenie) oder ‚Umsiedlung’ (przesiedlenie), die in Deutschland und Polen jeweils ganz andere Erinnerungen wecken. Als gebürtiger Westdeutscher muss ich mir auch manche sozialistischen Phänomene erklären lassen; dafür ist mir sozialisationsbedingt das Katholische vertrauter.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Das im Vergleich zum Deutschen einfachere Tempussystem des Polnischen oder das Fehlen von Artikeln machen mir immer wieder Probleme. In der Lyrik ist es oft die Knappheit des Polnischen, die prägnante Formulierungen erlaubt, deren Übersetzung ins Deutsche mitunter die Verszeile zu sprengen droht; außerdem die Toleranz des Polnischen für unreine Reime, die im Deutschen weniger stark ausgeprägt ist. Das alles lässt sich aber meist bewältigen, zumal man ja Muttersprachler oder Kollegen um Rat fragen kann. Wirklich zum Verzweifeln bringen mich Ausgangstexte, die nicht sauber gearbeitet sind, in denen etwa die Argumentation nicht stringent ist oder ein poetisches Konzept nicht schlüssig umgesetzt wird.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Wenn ich auf eigenes Risiko übersetze, was bei der Lyrik meist der Fall ist, rein nach Interesse – die Texte müssen mir gefallen oder eine übersetzerische Herausforderung bieten. Bei Auftragsarbeiten und Sachtexten spielen auch profane Faktoren wie die Höhe des Honorars, das Renommee des Auftraggebers oder der Abgabetermin eine Rolle. Manchmal gerät man auch in ein Dilemma: Meine bisher schmerzlichste Erfahrung war, aus Zeitmangel ein Buch ablehnen zu müssen, das ich eigentlich sehr gerne übersetzt hätte.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Ich suche, wenn möglich, den persönlichen Kontakt zu den Autoren. Ich möchte wissen, wie ein Autor spricht, wie er sich gibt. Gerade in der Lyrik, wo hinter dem ‚Ich’ eines Gedichts nicht selten der Autor durchscheint, hilft das im Zweifelsfall, den richtigen Ton zu finden. Ein praktischer Grund ist, dass sich Unklarheiten oder Rückfragen von Lektoren oder Redakteuren mitunter im Gespräch einfacher und schneller klären lassen als per Brief oder Email.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Henryk Sienkiewiczs Potop, einen im 17. Jahrhundert angesiedelten Abenteuerroman voller dramatischer Wendungen, der, wenn auch mit vielen Klischees und Übertreibungen, einen Schlüsselmoment der polnischen Geschichte erfasst: den Sieg über die Schweden und die Verschmelzung von Polentum und Katholizismus.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Literarische Texte sind Kunstwerke, also müssen gute literarische Übersetzungen auch Kunstwerke sein, die für sich selbst bestehen können. Das Übersetzen selbst kommt mir mehr wie ein Handwerk vor, das man mithilfe bestimmter Werkzeuge (Wörterbücher, Grammatiken, Lexika) betreibt. Sicher gehört auch Kreativität dazu, aber diese Kreativität ist eine sekundäre im Verhältnis zur Inspiration des Autors, von der letztlich ja auch die Übersetzung lebt.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Nein. Aber ich hätte nichts dagegen.

Übersetzungen:

Bücher:
  • Lidia Amejko, Die Vorstadtheiligen, Köln: DuMont, 2010
  • Tadeusz Różewicz, Mutter geht, Passau: Stutz 2009 (mit Jolanta Doschek, Alois Woldan)
Weitere Publikationen:
  • Lyrik und Essayistik von Julia Hartwig, Jarosław Mikołajewski, Tadeusz Różewicz, Tomasz Różycki, Artur Szlosarek und Adam Zagajewski in Sinn und Form und Akzente
  • Beiträge zu den Anthologien Theater spielen und denken. Polnische Texte des 20. Jahrhunderts (Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008) und Der Fremde als Nachbar. Polnische Texte zur jüdischen Präsenz (Frankfurt/M.: Suhrkamp 2009)