Übersetzung von Himmelsrichtungen Denken mit und ohne Kompass

© Goethe-Institut | Stanisław Ekier
© Goethe-Institut | Stanisław Ekier

Ein Übersetzer würde sehr gern glauben, dass zumindest manche Wörter exakte Entsprechungen in der jeweils anderen Sprache haben. Dass etwa im Zusammenhang mit den Maßeinheiten von Sevres und den Meridiane in Greenwich kein Missverständnis droht. Dabei gibt es schon mit zweien der vier Himmelsrichtungen Schwierigkeiten.

Die Sonne, die in der einen Richtung untergegangen ist, kehrt zuverlässig – wie uns Heine in einem seiner Gedichte tröstet – auf der anderen wieder, aber das ist nur von einem bestimmten Punkt aus zu sehen. Als ebenso relativ erweisen sich die Begriffe Osten und Westen. Sowohl in der deutschen als auch in der polnischen Sprache.

Orient und Okzident

Die Analogien scheinen deutlich. „Osten“ und „Westen“, entgegengesetzte Pole auf dem Kompass, werden als „wschód“ und „zachód“ im Polnischen kleingeschrieben. Großgeschrieben bedeutet „Wschód“ das „Morgenland“. „Die Hebräer, die Araber, die alten Perser“, von denen Goethe sich inspirieren ließ, als er seinen Gedichtzyklus West-Östlicher Divan verfasste. Und auch polnische Wendungen wie die „türkischen Predigten“ [im Deutschen vergleichbar den böhmischen Dörfern] oder „für einen chinesischen Gott“ [im Deutschen etwa „um nichts in der Welt“]. Früher Exotik der Sprichwörter, heute ein Produkt, das im Supermarkt der Kultur erhältlich ist, errichtet vom großgeschriebenen Westen. Vom „Abendland“.

Dessen „Untergang“ war es, den vor hundert Jahren Oswald Spengler ankündigte. Sogar schon vor zweihundert Jahren begann Goethe den Divan mit einem beunruhigenden Bild, in dem er „Nord und West und Süd zersplittern“ sah und dazu ermunterte, im „Reinen Osten Patriarchenluft zu kosten“. Heute sind jedoch die Trennungslinien selbst nicht mehr rein. Im Deutschen und Polnischen wurden sie von anderen Abgrenzungen verwischt.

Sprache, langsamer als Geschichte

„Eine mit dem Finger von Königen gezogene Linie quer durch ein Land soll die Bewohner, sogar Verwandte […] untereinander zu natürlichen Feinden machen?“ In einem seiner Briefe hat sich Mickiewicz darüber empört. Genauso wurden Mitte des 20. Jahrhunderts Goethes Vaterland, Europa, die Welt und – die Bedeutungen der Wörter geteilt.

Außerdem mögen die Begriffe nicht immer mit der Realität Schritt halten. In dem schon lange zur NATO und EU gehörenden Polen definieren die Wörterbücher den „Osten“ zuerst als „Länder im Süden und Osten Asiens“. Aber als weitere Bedeutung steht dann immer noch „die Sowjetunion und die anderen ehemaligen kommunistischen Länder im Osten und Süden Europas“.

Der Westen dagegen ist bei uns immer noch ein wenig – wie einst ein Dichter das nannte – „jene andere Welt“. Denn obwohl die heimischen Textilfirmen heute Luxuskleider nähen, die von Weltstars auf dem Bildschirm beworben werden, hängen vor den Second-Hand-Läden weiterhin Schilder mit der Aufschrift „westliche Kleidung“.

Und weiterhin ist Ilse Aichingers Erzählung Die Liebhaber der Westsäulen schwer zu übersetzen.

Auf der Seite des Sonnenuntergangs

Auf dieser Seite begegnen wir einer Gruppe von Gestalten, die sich als Mehrheit fühlen. Selbstbewusst bleiben sie gleichgültig gegenüber dem Schicksal der sieben alten, geborstenen Säulen, die an einem früheren Schlachtfeld stehen.

Die zweite Gruppe ist eine Handvoll, die diese Säulen liebt, typische Helden der österreichischen Schriftstellerin, „kleine Außenseiter“. Maler, die unter einem Mangel an gelber Farbe leiden, Gegner der Jagd und… Blechschmiede. Die Letzteren heißen im Original „Spengler“. Ist das etwa eine Anspielung auf den Philosophen, der den Untergang des Abendlandes schrieb? Besonders das erste Wort im Titel, „Untergang“, kommt in Aichingers Text frappierend oft vor…

Ich glaube nicht, dass ein deutscher Ultrakonservativer einer Schriftstellerin nahe stünde, die den Holocaust überstanden hat. Aber ich hätte keine Angst davor, die verfallenden Säulen mit jenem Teil der Welt zu assoziieren, „der durch die Antike und das Christentum geprägt ist“. Insbesondere, da die Wörterbücher den – großgeschriebenen – „Westen“ auch auf diese Weise definieren. Nur wie mit diesem Begriff in der Erzählung umgehen?

Ein Wort und soviel Westen

Ist es genug Trost für den Übersetzer, dass der Ausdruck „Liebhaber der Westsäulen“ im weiteren Kontext nicht mehr irreführend ist? Dass niemandem mehr dazu die Fans von Lautsprechersäulen aus westlicher Produktion einfallen? Etwa amerikanische wie die von Bose? Oder die japanischen von Technics, also östliche, aber doch auch westliche, da nicht unsere?

Ob und wie dem Missverständnis vorzubeugen ist, diese Frage lasse ich offen. Sicher ist eines. Der Begriff „Westsäulen“ ist schwer zu übersetzen. Die Bedeutungen der Wörter „West“ und „Ost“ haben sich auch im Deutschen vermischt.

Kompass Babel

Der Finger der Nachkriegskönige hat den Begriff „Osten“ zweifach markiert. Zu dem einen Osten wurde in der Sprache unserer deutschen Nachbarn die DDR. Zu dem anderen wurden die Sowjetunion und die anderen „ehemaligen Ostblockländer“. Noch vor kurzem hörte ich im staatlichen deutschen Fernsehen wie ein Reporter mit dem Wort Osten – Ungarn beschrieb. Geographisch stimmt da etwas nicht, politisch auch schon seit längerem nicht mehr, und auch kulturell ist das Land an der Donau wohl kaum dem Orient zuzurechnen.

Eine solche Verwirrung rührt wohl aus einer Überlagerung kultureller mit geographischen und politischen Begrifflichkeiten her. Aus der Überzeugung, dass die einen sich aus den anderen ergeben. Denn wie ist die Übersetzung des folgenden polnischen Buchtitels anders zu verstehen?

Des-Orientierung

In dem Buch Rodzinna Europa, das 1959 im Exil erschien, versucht Czesław Miłosz die Eigenart des polnisch-litauischen „Commonwealth“ zu definieren und im weiteren Sinne, die des „östlichen Europas“. „Des schlechteren“ und doch zur selben „Wirtschaftsordnung“ und „Kulturkreis“ gehörigen.

Dabei zitiert die zwei Jahre später entstandene deutsche Übersetzung dieses Buches im Titel Goethes Divan: „West- und Östliches Gelände“. So wird der in Wilna aufgewachsene Dichter zum Asiaten gemacht. Obwohl Miłosz in dem Buch überlegt, ob auf dem Gymnasium der katholische Religionslehrer einen größeren Einfluss auf ihn gehabt habe als der Lateinlehrer. Und obwohl er in dem Gedicht Ziemia, in dem er über den „gespaltenen Abend“ Europas schreibt, dieses ein „süßes Vaterland“ nennt.

South-up map

Wie soll man heute die Himmelsrichtungen betrachten? Wie die Dritte Welt benennen, wenn unsere Zweite von der Ersten aufgesogen wird? Vielleicht ohne Kompass denken? Dazu wären auf den Kopf gestellte Weltkarten hilfreich. Amerika – normalerweise – Nordamerika, Asien, Europa und Afrika wachsen von ihrem unteren Rand aus wie die Gipfel des Himalaja. Amerika – sonst – Südamerika und Australien heben sich empor wie schwerelose Wölkchen. Ich werde nicht vergessen, wie mir beim ersten Mal ein solcher Anblick zu denken gab. Die umgedrehte Karte hing bei einem Deutschen an der Wand. Bei einem Freund von jenseits der in diesem Moment zeitweise östlichen Grenze.