In Vollmacht oder nur in Vertretung

In Vollmacht oder nur in Vertretung; Blog von Jakub Ekier
© Goethe-Institut | Stanisław Ekier

Jeden Moment wird der Protagonist des Romans einen selbstmörderischen Sprung von der Spitze eines hohen Turmes machen. In dem dortigen Restaurant wird er noch die Geschichte zu Ende schreiben, deren Erzähler er ist. Danach wird er sich auf den Tisch stellen, zwischen sein Manuskript, die Kaffeetasse und das Wasserglas. Eine Bewegung und… In dieser Szene hat es der vermeintliche Selbstmörder nicht leicht. Aber, mit Verlaub, sein polnischer Übersetzer auch nicht.

Und das wegen der scheinbar so unschuldigen „Kaffetasse”. In der Übersetzung kann sie sowohl zur Tasse voller Kaffee als auch zur bereits geleerten Tasse werden. Ähnliche Schwierigkeiten bereitet der Wasserpegel im „Wasserglas”. Ist dieses Glas voll? Oder vielleicht halb oder ganz leer? Der Zwang zur Präzision verlangt dem Übersetzer eine riskante Entscheidung ab – einen Sprung, wenn auch keinen selbstmörderischen, so doch manchmal glatt daneben.
 

Er hat getrunken oder nicht getrunken

 
   Die Chancen auf Rettung wachsen, wenn der Autor noch lebt und schriftlich auf Fragen antwortet: „Vielleicht lassen wir das Glas voll, dann muss er sich vorsichtiger hinstellen, damit er es um Himmels willen nicht umstößt.“ Natürlich, bestimmt wird der Protagonist Angst haben, das eigene Manuskript nass zu machen. Er will weder eine Überschwemmung verursachen noch möchte er, dass in dem von ihm zurückgelassenen Kugelschreiber die Tinte vertrocknet, weshalb er (was er auch ankündigt) gleich mit einem Knopfdruck die Mine hineindrückt.
   Nur was ist mit dem Kaffee? Was den betrifft, gibt der Autor keine Antwort, und so muss man sich ohne fremde Hilfe den Status des finalen Espressos selbst vorstellen. Dafür, dass er nicht ausgetrunken wurde, spricht die Tatsache, dass der Erzähler auch das Wasser nicht angerührt hat. Dafür, dass er doch getrunken wurde, spricht die Vermutung, dass jemand, der sich um seinen Kugelschreiber sorgt, wohl auch einen bestellten Kaffee nicht kalt werden lässt. In einem solch einsamen Hin und Her tröstet allein, dass der Autor überhaupt einen Tipp gegeben hat.
 

Süß oder sauer

 
   Einen anderen Tipp kann die sich hinter einem Text verbergende Realität liefern. In einem deutschen Gedicht geht es darum, dass ein fremder Mann Obst aus einem Garten stiehlt. Leider wird nicht präzisiert, ob die „Kirschen” Sauer- oder Süßkirschen sind [Anm. d. Ü.: im Polnischen zwei verschiedene Wörter]…
   Natürlich lenkt in der Poesie jede entbehrliche Information unnötigerweise die Aufmerksamkeit des Lesers ab. Die präzisierenden Silben „Süß-”, „Sauer-” oder „Weichsel-” wären – an vier Stellen des Gedichts hinzugefügt – Ballast und würden pedantisch wirken. Der polnische Übersetzer weiß das, was ihm jedoch nicht hilft, sich für eine bestimmte Art von Kirschbaum zu entscheiden. Hoffnung kommt erst bei dem Gedanken auf, dass der Autor des Gedichts seine Motive gern mit Realien aus dem eigenen Leben anreichert. Ließe sich vielleicht so ergründen, was im tatsächlichen Garten gewachsen ist?
   „Ich habe keine Ahnung”, schreibt jemand zurück, der dies am ehesten wissen könnte. Er fügt hinzu, dass von den alten Bäumen nichts mehr übrig ist und es niemanden gibt, den man fragen könnte. Dann jedoch beginnt er selbst das Für und Wider zu erörtern. Er merkt an, dass einerseits die Süßkirschen, weil sie süßer sind, eher zum Diebstahl reizen. Andererseits würde der Mann in dem Gedicht sich mit Süßkirschen sicher an Ort und Stelle den Bauch voll schlagen, und dort pfeift er nur, während er offensichtlich die Früchte einsammelt, um sie mitzunehmen. Dann also doch Sauerkirschen?
   „Ich denke”, schließt der Experte, „Sie müssen sich ohne weitere Nachforschungen entweder für das eine oder das andere Wort entscheiden”. Der einzige Ratschlag, den der Fragende eben nicht hören wollte.
 

Es kann so sein oder auch ganz anders

 
   Bei anderer Gelegenheit weiß der Übersetzer von vornherein, dass er sich auf unbekanntes Terrain begibt – dass ihm weder Hintergrundwissen über den Text noch fremde Ratschläge helfen können. Wenn er zum Beispiel versucht, einen viersilbigen Dialog im Drehbuch eines verstorbenen Schriftstellers ins Polnische zu übertragen.
Da kommt der Hauptprotagonist, der noch vor einem Moment Not litt, plötzlich auf dubiose Weise zu einem Palast und lädt sich dort Freunde ein. Eine Bettlerin und ein Bäcker, die vor einem überaus prächtigen Saal aufeinander stoßen, stellen einander die verwunderte Frage: „Sie hier?”
   „Pani tutaj? Pan tutaj”? [Anm. d. Ü.: Je nachdem, ob eine Frau oder ein Mann gemeint ist] Oder in umgekehrter Reihenfolge? Das wird in dem deutschen Text nicht präzisiert. Der Übersetzer in Vertretung des Autors, aber leider ohne dessen Vollmacht, entscheidet also, wer sich zuerst meldet und wer uns mit dieser Frage am Ende mehr überrascht. Die Bettlerin?
   Aber hat der Bäcker das Recht, zuerst zu fragen? Damit würde er der alten Bettlerin demonstrieren, dass er sich an solch einem hochherrschaftlichen Ort am ehesten zu Hause fühlt… Doch wirkt er dafür nicht zu empathisch? Eben: was wissen wir überhaupt über diese beiden? Welches Verhältnis haben sie zueinander, welches hat der Autor zu jedem von ihnen? Und was würde aus der einen oder der anderen Version des Dialoges für den weiteren Gang der Dinge folgen?
   Wieder kann man niemanden fragen. Wieder muss man sich auf eigenes Risiko für die eine oder die andere Möglichkeit entscheiden. Beim Übersetzen die eigene Freiheit spüren. Schmeckt sie häufiger süß oder sauer?