Unpräzise Präzisierung

Unpräzise Präzisierung; Blog von Jakub Ekier
© Goethe-Institut | Stanisław Ekier

1828 versucht der Naturwissenschaftler Humboldt, als er den Mathematiker Gauß in seinem Haus begrüßt, diesen partout in der Begrüßungspose zu halten. Denn ein gewisser Herr Daguerre möchte das Treffen der großen Gelehrten verewigen. Dazu bedient er sich eines Geräts, das „der entfliehenden Zeit Augenblicke entreißen will“. Diese fiktive Szene aus dem Buch Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann enthält ein unscheinbares und doch verfängliches Wort.

Denn etwas, auf dem der Erfinder der Daguerrotypie seine „Holzkiste“ aufstützt, heißt im Original „Gestell“. „Was ist denn daran schwierig?“, könnte man fragen. Es geht doch um ein ganz gewöhnliches Stativ. So nämlich bezeichnen wir das früher aus Holz und jetzt zumeist aus Aluminium gefertigte Gerät, das die Schärfe eines Fotos selbst bei langer Belichtungszeit erhalten lässt. Das wissen wir alle. Genau so, wie wir die Prophezeiung von Gauß verstehen, einstmals würden „Maschinen“ die Menschen innerhalb von einer halben Stunde von Göttingen nach Berlin befördern.
 

In den Augen der Zukunft

 
Der Kehlmannsche Protagonist nennt diese zukünftigen Erfindungen jedoch nicht zufällig „Flugzeuge“. Sogar der geniale Carl Friedrich Gauß ahnt die Existenz jener Maschinen zu ungenau voraus, um für sie einen geeigneten Namen zu finden.
Ähnlich muss auch der Erzähler, der nicht befugt ist, sprachlich in die Zukunft vorauszueilen, die erste beste Bezeichnung für das Stativ akzeptieren. Und egal, ob der Übersetzer diese mit dem Wort „Stütze” wiedergibt oder sie als „Dreifuß“ präzisiert – wichtig ist, dass er die Perspektive der damaligen Menschen aufzeigt. Sonst macht uns die Übersetzung nicht bewusst, von welchem Punkt aus Zivilisation und Geschichte demnächst beschleunigen werden. Sie lässt uns nicht die späteren Ereignisse oder Erfindungen vermuten, die Humboldt und Gauß höchstens in diffusen Vorahnungen sehen.
 

Nicht einfach nur „Schuhe“

 
„Trójnóg,“ (Dreifuß) „podpórka“ (Stütze), „statyw“ (Stativ) – die Art und Weise, in der Protagonist oder Erzähler von den Dingen erzählen, sagt etwas über sie selbst aus. In der Übersetzung muss man also auf jeden Namen achtgeben. Zumal die Wahrheit des Wörterbuches eine Situation verfälschen kann.
In der polnischen Übersetzung des Tagebuches 1946-1949 von Max Frisch, in einer Szene von vor einigen Jahrhunderten, klingt etwa die heute abgedroschene Bezeichnung „obuwie“ (Schuhe) irgendwie falsch. Der Erzähler der „Kalendergeschichte“, ein hochrangiger Husar, streift in einem bestimmten Moment „die Stiefel“ von den Beinen. Wir wissen, was das heutige polnische Wörterbuch über sie sagt. Und doch stimmt etwas nicht, wenn der abgekämpfte Offizier erklärt: „Ich habe die Schuhe mit dem Schaft abgestreift“.
Eine solche Bezeichnung langer Schuhe ist nicht nur zu lang, sondern auch zu pedantisch und zu modern. Als müsste uns der Husar erst erklären, dass er keine Halbschuhe auszieht. Die aber wurden noch in der Zwischenkriegszeit „Schuhchen“ genannt, während die „Schuhe mit Schaft“ im einsprachigen „Warschauer“ Wörterbuch von 1900 einfach den „Schuhen“ ohne Diminuitiv entsprechen. Der Husar von vor einigen hundert Jahren muss also die Schäfte nicht hinzufügen. Für ihn erfordert nur ein langer Schuh keine Präzisierung, nur lang ist er per se ein Stiefel.
 

Traum oder Wirklichkeit

 
Wie zu sehen ist, droht eine irreführende Präzisierung, wenn der Übersetzer aus Unachtsamkeit die Grenze zwischen den Epochen überspringt. Aber das gilt auch für die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen einem gewöhnlichen Realismus und einer anderen Realität.
Darüber, wo entlang eine solche Linie in Kafkas Prozess verläuft, streiten sich seine Exegeten seit Jahrzehnten. Manche behaupten sogar, dass der Autor in diesem Roman (wie in dem Tagebucheintrag über sein Schaffen) sein eigenes „traumartiges Innenleben“ darstellt. Alles, was dem Josef K. passiert, entstünde also gerade einmal im Kopf des angeklagten Protagonisten, in einer nicht ganz realen Zeit und einem nicht ganz realen Raum. Deshalb könnte ein Übermaß an Realien in der Übersetzung etwas verfälschen.
Und besonders in der Szene aus dem fragmentarischen Kapitel „Das Haus“, wo die Erzählung ebenso unmerklich in eine Phase des Träumens übergeht, wie dies das menschliche Gehirn tut. Dem auf einem Sofa liegenden Prokuristen K. erscheint da – neben den Beamten in den Gerichtsfluren, neben den Untermietern aus seiner Wohnung – ein Ausländer, bekleidet mit „kurzer, steifer Jacke aus gelber dicker Spitze“. „Ähnlich einem Stierfechter“, ergänzt er den Bericht aus seinem Traum. „Ähnlich wie…“ Ja, wie wer?
Ebenso deutlich, wie Josef die „Struktur jeder Spitze“ sieht, nehmen wir wahr, dass der Mann ein Matador oder Torero ist. Aber wenn wir ihn so nennen, neigen wir nicht unnötigerweise die Schale in Richtung der realistischen Präzision? Wäre ein solcher Teilnehmer der Corrida nicht eine zu enzyklopädische Gestalt für den heimischen, leicht naiven „Stierfechter“? Und für Kafka, der, wenn er sogar ausnahmsweise eine ausländische Szenerie betont, dann der Freiheitsstatue statt einer Fackel ein Schwert in die Hand steckt?
Dann täuscht also nicht die Beschreibung „Gekleidet wie für einen Stierkampf“... Und dass ein Mangel an präzisen Worten nicht mit der Schärfe des Bildes kollidiert, wird jeder bestätigen, der sich an seine Träume erinnert.   
 

In Gefangenschaft

 
Ein weiteres Phänomen im Prozess erweist sich als nicht bis zum Ende dechiffrierbar. Und da kann wiederum der Protagonist selbst leichter wahrnehmen, dass „der Mensch so schwach vorbereitet ist“. Sich von einem Gericht beherrscht fühlen, das für die ganze unfassbare Realität steht.  
Gauß quält in Die Vermessung der Welt eine andere Beschränkung – die Gefangenschaft der Zeit, in der er geboren ist. Aber sowohl Kafka als auch Kehlmann beschreiben mit demselben Wort „verhaftet“ diesen metaphorischen Status eines Gefangenen. Dem Mathematiker macht es den eigenen Scharfsinn bewusst, Josef K. die drei rüpelhaften Herren. Uns – die Autoren und die aufmerksamen Übersetzer.