In beide Richtungen oder nur in eine

In beide Richtungen oder nur in eine; Blog von Jakub Ekier
© Goethe-Institut | Stanisław Ekier

Im Memorbuch von Henryk Grynberg gibt es eine Szene, in der in den sechziger Jahren ein polnisches Ehepaar in Frankfurt am Main zu Gast ist. Auf die Frage nach dem Schicksal von Juden, die vor dem Krieg mit den Gastgebern befreundet waren, erhalten die beiden zur Antwort: „Wissen wir nicht, sie sind ausgereist“. Woraufhin sie ihre Koffer packen.

Denn ein solcher Satz vernebelt allzu schamlos durch die eigene Grammatik. Er vernebelt, dass diese Juden nicht als aktive Subjekte ausgereist sind, sondern auf – allerdings nur kurze – Dauer zu passiven Objekten wurden. Dass sie „ausgereist wurden” in den Holocaust.

Ich versuche herauszufinden, welches deutsche Wort diese Lüge begünstigt hat – und da fällt mir auf, dass das polnische „wyjechać” [ausreisen] sehr unterschiedliche Situationen bezeichnet. Angefangen beim Losfahren um die und die Uhrzeit, beim rein räumlich gemeinten „Wegfahren”, „Aufbrechen”, „Abreisen”. Das aber wäre selbst als Ausrede zu wenig. Ich vermute hier eher eine Andeutung, als ob die Deportierten eine Reise angetreten hätten.

War denn die Rede von „verreisen”? Wie auf eine Dienstreise oder in einen Wochenendurlaub, wo man kaum mehr an eine Reise ins Ausland denkt? Erst das Präfix in dem Verb „ausreisen” markiert eine Reise mit gravierenden Konsequenzen. Und auch die umfasst das polnische Wort. „U Iksa kiepsko, nigdzie nie wyjechał – XY hat´s nicht gepackt, er ist nirgendwohin ausgereist”, sagte man in der Endphase der VR Polen in meinem Freundeskreis, wenn einer es nicht bis Paris oder Baltimore schaffte oder nicht einmal zur Saisonarbeit ins Ausland.    
 

Die Grenzen von Ländern und Bedeutungen

 
Sie sind ausgereist… Dieser Satz war auch bei den erwähnten Protagonisten des Memorbuchs geeignet, die Wahrheit zu vertuschen. Auch sie mussten sich 1968 unfreiwillig von ihrem Land verabschieden. „Ach, wszyscy grali / dopóki nie wyjechali – ach, alle spielten, bis sie ausreisten” – erinnert ein Gedicht von Piotr Sommer an die musizierenden Freunde, die das Schicksal des Ehepaars Bromberg und Tausender anderer Landsleute „falscher Abstammung” teilten. Auch sie „wurden ausgereist”, wenn auch nicht in den Holocaust.

Und dafür hätte man schon das Wort „auswandern” benötigt. Es stammt vom lateinischen „emigrare”, klingt aber, als hätte man nur den Begriff einer einfachen Wanderung verstärken wollen. Als klänge in ihm noch das Echo der Verse von Goethe, Hölderlin und Eichendorff, ein Nachhall der Lieder von Schubert und Mahler. Ein Gesang, mal in Moll und mal in Dur, der die universelle Erfahrung eines Menschen ausdrückt, welcher unterwegs ist.

Und doch kam es schon im 19. Jahrhundert vor, dass Deutschsprachige sich auf fernere und dramatischere Reisen begaben als jene Wanderer. Als in Sienkiewicz´ Novelle der Bauer Wawrzon Toporek und seine Tochter Maria übers Meer fahren, finden sie sich auf dem Schiff unter lauter Deutschen wieder, die wie die beiden Polen „ums liebe Brot“ auswandern und voller Verzweiflung ein Lied über ihr „Vaterland“ singen. Ihr Los wird später von einigen Figuren in W.G. Sebalds Buch Die Ausgewanderten geteilt.
 

Die Ausgewanderten

 
Die Protagonisten der Erzählungen des großen Prosaikers Sebald werden zerstört durch den Verlust des Eigenen. Einige mussten aus materieller Not ihre Heimat verlassen, die meisten konnten jedoch wegen ihrer jüdischen Herkunft nirgendwo heimisch werden. Und davon, was diese Schicksale des 20. Jahrhunderts miteinander verbindet, erzählt der Titel des Buches. Der darin enthaltene bestimmte Artikel scheint mit dem Finger auf diese von Fremdheit gezeichneten Menschen deuten zu wollen. Das Partizip besagt, dass sie zum passiven Objekt der Geschichte geworden sind. Dass sie zur Auswanderung gezwungen waren, bis sie wirklich draußen waren, im Aus standen.

Wie soll der polnische Übersetzer mit der Schlichtheit des Titels umgehen? Würde dieser Die Emigranten lauten, riefe er unnötigerweise Assoziationen an die Herren XX und AA aus Mrożeks gleichnamigem Drama hervor. Die lateinischen Wurzeln der Worte „emigracja” und „emigrować” könnten sich aufgrund der Erfahrungen der beiden letzten Jahrhunderte paradoxerweise als typisch polnisch erweisen. „Wychodźcy” [Die Gegangenen] würden im Titel durch ihre Hochgestochenheit irritieren. Obwohl diese sich in der Übersetzung von Małgorzata Łukasiewicz durch den gesamten Text ziehen, wählte sie für Die Ausgewanderten einen anderen, sehr treffenden Titel: „Wyjechali” [Ausgereist]. Die nackte Verbform, die für das Faktum einer Auswanderung ohne Wiederkehr steht. Vollendet wie Sebalds Partizip und das Schicksal seiner Figuren.
 

Wörter, Wörter

 
Ein polnisches Verb, ein paar Absätze darüber, und so viele Biografien beschwören sie, so viel menschliche Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit. Die einen in den Holocaust, die anderen zur Saisonarbeit… Es kommt mir unangemessen vor, zwei so unterschiedliche Erfahrungen in einem Atemzug zu erwähnen. Auch habe ich das Gefühl, ins Fettnäpfchen zu treten, wenn ich allein aus Platzmangel manche der späteren Migrationsbewegungen nur kurz antippe. Wenn ich andeute, dass diese im Polnischen wie im Deutschen noch ganz andere, ganz eigene Wörter bräuchten.

Wie „Exil”, das Substantiv, das die deutsche Emigration nach 1933 bezeichnet. Freiwillig? Wie „Vertreibung” und „Zwangsaussiedlungen”. Wie die zum selben Begriffskreis zählende sogenannte „Repatriierung” der Polen aus dem Osten gleich nach dem Krieg – ein immer noch gebräuchlicher Propagandabegriff aus kommunistischen Zeiten. Oder wie unser unscheinbares Verb „wyemigrować” [wörtlich: hinausemigrieren]. Sein Präfix ist tautologisch gedoppelt, als wollte man dadurch den Abschied umso klarer hervorheben. Und tatsächlich hat man in der Vergangenheit dieses Wort sehr häufig verwendet, wenn jemand hinter sich alle Brücken abbrach. 

Ich weiß immer noch nicht, ob es sich ziemt, solch unvorstellbare Dramen nur anzudeuten. Aber darf ich sie – nach dem Satz „Sie sind ausgereist“ – völlig unerwähnt lassen?